Darf eine Frau mit Niqāb Auto fahren?

Ja, das ist in Deutschland erlaubt.

Der Niqāb darf jedoch gemäß § 1 Abs. 2 der Straßenverkehrsordnung die Sicht der Fahrzeugführerin nicht behindern (ein Chadri, ein Niqāb mit sehr kleinem Ausschnitt für die Augen oder ein Niqāb mit einer Stofflage über den Augen scheiden also aus).

Dabei gilt, dass § 1 StVO nach der Rechtsprechung erst dann greift, wenn es tatsächlich zu einem Unfall kommt. Sollte es zu einem Unfall kommen, und der Niqāb ist der Grund für den Unfall, kann der Unfallverursacher nach einem Beschluss des OLG Bamberg von 2006 (Az. 2 Ss OWi 577/06) unter Umständen mit einem Bußgeld bestraft werden.

Viele Niqābi benutzen zum Autofahren einen Niqāb mit besonders großem Sehschlitz (oder einen sogenannten Halb-Niqāb), so dass ihre Sicht nicht eingeschränkt ist.

Bei einer Verkehrskontrolle muss die Autofahrerin ihren Niqāb lüften, um den Polizisten eine zwingend erforderliche Feststellung der Identität zu ermöglichen, wenn ein begründeter Verdacht auf eine Straftat besteht. Bei normalen Verkehrskontrollen liegt es im Ermessen der Polizei, ob der Niqāb zur Feststellung der Identität gelüftet werden muss.

Andere Verkehrsteilnehmer haben grundsätzlich nicht das Recht, die Identität einer Person festzustellen.

Wenn eine Autofahrerin etwa wegen zu schnellen Fahrens oder wegen des Überfahrens einer roten Ampel geblitzt wird und wegen ihres Niqāb eine sichere Identifizierung nicht möglich ist, kann ein Gericht das Führen eines Fahrtenbuchs anordnen (vgl dazu Motorradfahrer, deren Fahrzeuge nicht einmal ein vorderes Kennzeichen besitzen und die durch ihren Schutzhelm häufig nicht zu identifizieren sind).

Übrigens wird manchmal auf § 23 StVO verwiesen („Wer ein Fahrzeug führt, ist dafür verantwortlich, dass seine Sicht und das Gehör nicht durch die Besetzung, Tiere, die Ladung, Geräte oder den Zustand des Fahrzeugs beeinträchtigt werden”). Laut OLG Bamberg zählt der Fahrer eines Kfz nicht als dessen „Besetzung” (vgl. Beschluss vom 15.11.2006, Az. 2 Ss OWi 577/06, Beschluss vom 11.01.2007, Az. 3 Ss OWi 1796/06, 3 OWi 1796/2006 und Beschluss vom. 04.04.2007, Az. 3 Ss OWi 338/2007, 3 Ss OWi 338/07 und externen Link).