Sollte man Niqāb und Burqa an Schulen verbieten?

Schule ist ein großer Ort. Da gibt es im Hinblick auf den Niqāb die Lehrerinnen, die Schülerinnen, die Mütter der Schülerinnen... Da gibt es Unterrichtsstunden, Schulsport und -schwimmen, Pausen, Schulausflüge... Ein etwaiges Verbot müsste da differenzieren. Man kann nicht alle und alles über einen Kamm scheren.

Der Niqābmädchen-Report

Die meisten Muslimas, die Niqāb tragen, legen diesen nicht schon mit 14, 16 oder 18 Jahren an - das sind eher die Ausnahmen. Viele legen den Niqāb erst mit der Hochzeit an, nach der Geburt des ersten Kindes oder nach der Ḥaǧǧ. Viele wollen erst die Schule beenden, manche erst noch eine Ausbildung machen oder studieren. Der Niqāb spielt meist erst an der Uni oder im Berufsleben eine Rolle, nicht schon an der Schule.

Bei jüngeren Mädchen ist die Frage berechtigt, ob der Niqāb nicht weniger Ausdruck reflektierten Glaubens ist, sondern andere Ursachen hat - etwa die Suche nach Halt und Orientierung in einer beängstigenden Welt, erlebte Ausgrenzung aufgrund von Herkunft oder Religion, Schwierigkeiten im Umgang mit der eigenen Sexualität und dem anderen Geschlecht oder etwas anderes. Ihnen den Niqāb zu nehmen, nimmt ihnen meist auch einen Halt, eine Stütze - und führt zu Problemen. Das Niqāb-Verbot wird als Ablehnung der eigenen Person verstanden. Gäbe es entsprechende Untersuchungen, würden sie vermutlich zeigen, dass ein Niqāb-Verbot das Suizidrisiko bei jungen Mädchen erhöht. Ich nehme an, die Gefahr von selbstverletzendem Verhalten steigt an. Häufig wird es zu Radikalisierung führen. Diese Mädchen bräuchten Hilfe und Begleitung, kein Niqāb-Verbot.

Die häufig geäußerte Annahme, die Mädchen würden zum Niqāb gedrängt oder gezwungen, ist in der Regel falsch - Ausnahmen bestätigen die Regel. Die meisten Mädchen tragen den Niqāb freiwillig und oftmals gegen den Willen der Eltern. Die meisten Pro-Niqāb-Eltern wollen gar nicht, dass ihre Töchter den Niqāb zu früh anlegen bzw. sind eher für ein behütetes Hineinwachsen der Töchter in die Welt der Niqābi.

Niqāb in der Schule

Der Niqāb wäre freilich kein „Problem”, gäbe es ausschließlich monoedukativen Unterricht, wären also Mädchen im Unterricht unter sich. Den haben wir aus guten Gründen nicht - aber das zwingt dann auch zu der Frage, ob man wegen des verpflichtenden koedukativen Unterrichts gerade bei Schülerinnen, die ja vom Staat aufgrund der Schulpflicht (genauer gesagt: wegen der Beschulungspflicht) gezwungen werden, eine Schule zu besuchen, flexible Lösungen finden sollte, um ihren Bedürfnissen zu entsprechen.

Das Problem wäre auch keines, gäbe es in Deutschland wie in den meisten anderen Ländern „Home Schooling”.

Andererseits ist es ja sinnvoll, wenn Menschen beiderlei Geschlechts und hierbei die Schüler*innen mit und ohne Niqāb lernen, miteinander auszukommen. Wenn sie lernen, zusammen zu leben. Wenn sie lernen, dass man das, was einem fremd ist oder was einem nicht gefällt, nicht einfach verbieten kann, dass man lernen muss, tolerant miteinander umzugehen.

Die Niqābi aus dem Unterricht zu verdrängen setzt ein falsches Zeichen, dass nämlich ein Niqāb-Verbot (ein so genanntes Burkaverbot) in Ordnung wäre und keine Diskriminierung, keine Intoleranz darstellt. Ein solches Verbot ist ein politisches Symbol, das insbesondere Rechtspopulisten und Neue Rechte in ihren Ansichten bestätigt. Es stigmatisiert Muslime und führt zu einer Zunahme fremden- und islamfeindlicher Überzeugungen.

In England ist es übrigens im Großen und Ganzen kein Problem, dass Schülerinnen auch während des Unterrichts Niqāb tragen.

In Deutschland ist es sehr wohl ein Problem - und das, ohne dass vorher Erfahrungen gesammelt wurden, ob der Niqāb tatsächlich das Unterrichten behindert oder gar unmöglich macht.

(Auch der Burkini wurde hierzulande an Schulen zuerst entschieden abgelehnt. Mittlerweile hat man hier aber Erfahrungen gesammelt, die deutlich zeigen: Schülerinnen mit Burkini können ebenso gut am Schwimmunterricht teilnehmen wie solche mit Badeanzug. Sie sind in keiner Beziehung benachteiligt.)

Ich kenne einige Schülerinnen, die mit ihren Schulen und ihren LehrerInnen Absprachen getroffen haben und ihren Niqāb zwar während der Pausen, aber nicht im Unterricht tragen.

Das Tragen des Niqāb im Unterricht wird dagegen hierzulande sogar von Gerichten untersagt, die sich regelmäßig auf die Seite der Schulen stellen, die dies verbieten.

Aktuell gibt es allerdings im niedersächsischen Belm bei Osnabrück eine Schule, an der eine inzwischen 15-jährige Schülerin seit drei Jahren mit Niqāb am Unterricht teilnimmt und voraussichtlich im nächsten Jahr ihren Abschluss machen wird. Drei Jahre lang gab es weder Probleme mit der Teilnahme am Unterricht noch mit dem Schulfrieden - bis sich in diesem Jahr die Politik und da vor allem die CDU eingemischt hat und kategorisch verlangt, dass dieser „Zustand” beendet wird. Der Eindruck drängt sich auf, dass nicht gewollt ist, dass diese junge Frau beweist, dass der Niqāb im Unterricht gar kein Problem darstellt, weder für die Teilnahme am Unterricht noch für den Schulfrieden?

Wie viel Integration wollen wir?

Deutschland ist ein Land mit einer sehr heterogenen Bevölkerung - auch in ethnischer und religiöser Hinsicht. Wir können versuchen, eine „Verdeutschung” aller Einwohner zu erzwingen, vielleicht mit ein paar nicht zu auffälligen bunten Punkten wie modischen Kopftüchern - oder wir integrieren einander. Wir entwickeln uns zu einem bunten Deutschland, in dem nicht ein „christlich-abendländisches” Deutschtum als Maßstab gilt, sondern die Verfassung Fundament eines vielfältigen, multikulturellen Miteinanders ist, in dem Minirock und Niqāb, Bikini und Burkini ein Zuhause finden, Frauen selbst bestimmen, worin sie sich wohl fühlen.

Wenn wir Muslimas mit Niqāb integrieren wollen, wenn wir wollen, dass sie sich bilden, dass sie sich über ihre Möglichkeiten klar werden, dass sie sich emanzipieren, dass sie selbstbewusst werden, dass sie das Fundament für ein selbstbestimmtes Leben erhalten, dann führt kein Weg daran vorbei, dass wir ihnen den Schulbesuch auch mit Niqāb ermöglichen.

Der staatliche Bildungsauftrag

Wir reden hier von einigen Dutzend Schülerinnen, die den Niqāb im Unterricht tragen wollen. Wenn es hochkommt, werden es vielleicht 100 Schülerinnen sein - die meisten dabei in westlichen Bundesländern. Es ist schwer vorstellbar, dass das deutsche Bildungssystem diesen 100 Schülerinnen nicht gewachsen sein sollte.

Natürlich muss der Staat seinem Bildungsauftrag nachkommen. Er muss optimale Bedingungen für die Schulbildung schaffen. Allerdings ist es ja wohl so, dass es in der harten Realität sehr viel größere Probleme im Hinblick auf den staatlichen Bildungsauftrag gibt als 100 Schülerinnen mit Niqāb. Wer mit einem Niqāb-Verbot den staatlichen Bildungsauftrag erfüllen will, muss sich fragen lassen, ob er damit nicht größere Probleme verschleiert - zu viele Unterrichtsausfälle, zu wenige Lehrer, Schulen und ihre Ausstattung in desolatem Zustand und vieles mehr.

100 Schülerinnen mit Niqāb bedeuten 100 Mädchen, die eine Chance auf Bildung haben - ein Verbot des Niqāb verwehrt diesen Mädchen die Chance darauf. Sie können kein Abitur machen, nicht studieren.

Natürlich darf man an dieser Stelle argwöhnen, dass uns der Gedanke an Hochschulabsolventinnen mit Niqāb unheimlich ist. Frauen mit Niqāb sollten bestenfalls Putzfrauen sein, die in Krankenhäusern den Boden wischen, aber nicht Ärztinnen, Anwältinnen und dergleichen mehr. Wir glauben gerne, dass Muslimas mit Niqāb ungebildet sind und schlecht integriert. Wir wollen diesen Glauben nicht gerne verlieren.

Grundsätzlich gilt die Sichtbarkeit des Gesichts als Knackpunkt. Wie kann Schulunterricht gelingen, wenn das Gesicht nicht zu erkennen ist?

Hier stellt sich die Frage, ob die Bedeutung des Gesichts gerade für die Kommunikation nicht überschätzt wird - gerade im Hinblick auf Niqābi, deren Augen - Dreh- und Angelpunkt der Mimik - ja in der Regel zu sehen sind.

Schließlich gibt es sowohl SchülerInnen als auch LehrerInnen, die blind sind als auch solche, die Prosopagnostiker („gesichtsblind”) sind, also ein Gesicht zwar als solches erkennen, aber nicht einer bestimmten Person zuordnen können. Viele von ihnen können auch keine Mimik deuten. Etwa 2 % der Bevölkerung weisen eine Prosopagnosie auf - 2 % aller LehrerInnen und SchülerInnen (wobei die meisten nichts von ihrer Prosopagnosie wissen und irgendwie glauben, sie hätten eine „Macke”, weil sie keine Personen erkennen können).

Ich kenne die Prosopagnosie sowohl als Schüler als auch als Lehrender - als selbst Betroffener und als Schüler eines sehr ausgeprägten Prosopagnostikers, den ich während meiner Ausbildung im Fach Arzneimittelkunde hatte. Ich kann sagen: Die Unfähigkeit, Gesichter zu erkennen, sorgt für problematische Situationen, wenn man Personen nicht identifizieren kann, aber sie verhindert keine erfolgreiche Edukation (auch dann nicht, wenn man die Mimik nicht deuten kann). Wäre dem so, dürfte man weder Blinde noch Prosopagnostiker an normalen Schulen dulden bzw. müsste man das durch sie verursachte „Problem” ebenso entschieden angehen wie das durch die Niqābi mutmaßlich verursachte Problem. Man müsste dann sogar über ein Berufsverbot für Lehrer nachdenken, die (gesichts-) blind sind.

Die Erfahrung aber zeigt: Blinde und Prosopagnostiker stellen im Unterricht kein Problem dar (bei Prosopagnostikern kann es Probleme geben, wenn sie sich ihrer Prosopagnosie nicht bewusst sind und die dadurch verursachten Probleme verdrängen - wer dagegen um die Prosopagnosie weiß, kann effektive Methoden entwickeln, um die Einschränkungen zu überwinden).

Es bleibt natürlich vor allem die Identifizierbarkeit. Hier lassen sich aber Lösungen finden, um eine Niqābi zuverlässig zu identifizieren. Es ist für sie ja in der Regel kein Problem, kurz den Schleier zu heben, um sich identifizieren zu lassen (und auch hier denken wir wieder einmal an (gesichts-) blinde Lehrer*innen, die eine Person nicht anhand ihres Gesichts identifizieren können).

Grundsätzlich denke ich, eine Lehrerin sollte während des Unterrichts keinen Niqāb tragen.

Praktische Gründe gibt es gerade bei Lehrkräften, die Fremdsprachen unterrichten. Europäer (wie auch Amerikaner) lernen Fremdsprachen besser und schneller, wenn sie das Gesicht der Lehrkraft sehen können. Sie unterscheiden ähnlich klingende Silben anhand der Bewegungen des Mundes - vorausgesetzt, die Lehrkraft beherrscht die auf den Mundbereich konzentrierte europäische Mimik.

Was eine Schülerin betrifft, so sehe ich bei einem Niqāb auch während des Unterrichts kein Problem, solange der Niqāb ihre schulischen Leistungen nicht erkennbar reduziert. Solange es aber blinde LehrerInnen gibt, kann eine Schülerin mit Niqāb kein ernstes Problem darstellen.

Bedenken wir an dieser Stelle, dass es selbst im Jahre 2050 deutschlandweit insgesamt höchstens 50.000 Mädchen und Frauen mit Niqāb gaben wird. Das sind allenfalls 200 - 300 Schülerinnen im ganzen Land (von denen nicht einmal alle ihren Niqāb ständig tragen). Es gibt schon heute weit mehr Schülerinnen, die von blinden oder prosopagnostischen LehrerInnen unterrichtet werden, die also das Gesicht ihrer Schüler*Innen nicht erkennen, die deren Mimik nicht deuten können.

Was eine Schülermutter betrifft, so sehe ich für einen Niqāb auch auf dem Schulgelände und im Schulgebäude überhaupt kein Problem. Wenn Schulen vor der Angst einiger Kinder (die diese von ihren Eltern erworben haben) kapitulieren, dann ist das ein pädagogisches Versagen - zumal diese Kinder ja immer wieder Frauen mit Niqāb begegnen werden und also lernen müssen, die Angst zu überwinden. 

Die Mütter lassen sich des weiteren in der Regel anstandslos identifizieren (sie haben schließlich auch kein Interesse daran, dass ihre Kinder einer Unbekannten übergeben werden). Und auch hier gilt: 2 % aller LehrerInnen sind Prosopagnostiker und übergeben die Kinder an Personen, die sie nicht sicher identifizieren können.

Bleibt noch das Gespräch zwischen Lehrern und Eltern. Hier wird in der Regel jede Niqābi ihren Niqāb vor einer Lehrerin abnehmen, wenn keine fremden Männer anwesend sind. 

Und mit einem Mann würde sie egal ob mit oder ohne Niqāb in vielen Fällen nicht allein in einem Raum sein wollen, weil das Ḥarām wäre. Ein Verbot des Niqāb löst hier also das zugrunde liegende „Problem” mit der Geschlechtertrennung nicht. 

Aber sicherlich führen auch blinde und prosopagnostische LehrerInnen Gespräche mit den Eltern ihrer SchülerInnen. Und es werden Gespräche per Telefon geführt.

Es ist meines Erachtens eine Ausrede, dass man für ein Gespräch in der Lage sein müsse, dem Gesprächspartner ins Gesicht zu sehen. Jedes Telefonat, jede Web-Konferenz, jede Unterhaltung, an der ein Blinder oder ein Prosopagnostiker, der keine Mimik zu deuten vermag, beteiligt ist, beweist das Gegenteil. Es ist eine Frage nicht des Könnens, sondern des Wollens, der Toleranz.

Es ist sinnvoll, mit Schülerinnen und Müttern individuelle Lösungen zu finden - und nicht mit Verboten Kanonen auf Spatzen schießen zu lassen. Selbst im Jahr 2050 werden Schülerinnen und Mütter mit Niqāb eine Ausnahme bleiben. Auf schätzungsweise 800 Mütter kommt dann eine einzige mit Niqab (die Niqābi werden in 35 Jahren schätzungsweise 0,125 % aller Frauen in Deutschland ausmachen und 5 % aller Frauen, die Hidschāb tragen).