Vollschleier

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Term Definition
Vollschleier

Im Duden oder in den gängigen Lexika findet sich dieser Begriff nicht.

Umgangssprachlich, in den Massenmedien und in der Politik wird allerdings gerne und häufig im Hinblick auf „Burka und Niqab” von „Vollverschleierung” bzw. vom „Vollschleier” oder auch vom „Ganzkörperschleier” gesprochen - fälschlich.

Schauen wir uns diese Begriffe einmal näher an.

„Vollverschleierung”

Bei einem Verb, einem Partizip oder einem substantivierten Verb hängt die Bedeutung der Vorsilbe „Voll-” nach den Regeln der deutschen Sprache davon ab, ob die Vorsilbe abtrennbar ist oder nicht (je nachdem wird die Vorsilbe „Voll-” betont oder nicht betont).

Je nachdem deutet die Vorsilbe „Voll-” entweder einen Füllzustand an oder den Vollzug bzw. die Vollendung einer Handlung.

Abtrennbar ist die Vorsilbe „Voll-” meistens dann, wenn das Verb konkrete Bedeutung hat (verschleiern, tanken, gießen, essen, trinken). Hat das Verb abstrakte Bedeutung (Kunststück vollführen, Urteil vollstrecken, Todesstrafe vollziehen, Verschleierung vollziehen), ist die Vorsilbe „Voll-” meist nicht abtrennbar.

„Die vollverschleiernde Frau  - die Frau verschleiert voll.” Wir sehen (auch wenn das Beispiel keinen Sinn ergibt): Das Verb hat konkrete Bedeutung, das Wort ist trennbar, die Vorsilbe „voll-” wird betont.

Dies trifft nach den Regeln der deutschen Sprache dann auch auf das Partizip „vollverschleiert”, das substantivierte Verb „Vollverschleierung” und das substantivierte Partizip „Vollverschleierte” zu.

Weil der Begriff trennbar ist, weist die Vorsilbe „Voll-” auf einen Füllzustand hin, das Gegenteil von „voll” wäre „leer”.

Es gibt also eine Leerverschleierung (der Schleier ist nicht gefüllt), eine Halbverschleierung (der Schleier ist halb gefüllt) und eine Vollverschleierung (vgl. Vollbetankung). Es geht also darum, ob der Schleier gefüllt ist, ob also eine Frau den Schleier füllt, oder nicht.

Dabei wird deutlich: Dieser Begriff ergibt so gut wie keinen Sinn. Niemand fragt, ob ein Schleier gefüllt ist oder nicht - oder ob er vollständig gefüllt ist. Darum ist dieser Begriff ein Beispiel schlechten Deutsches.

Wäre der Begriff nicht trennbar (was meist dann der Fall ist, wenn das Verb keine konkrete Bedeutung hat), ginge es um die Vollendung oder Vervollständigung; der Gegensatz von „voll” wäre dann „nicht”.

Es gäbe eine Nichtverschleierung und eine Vollverschleierung (vgl. Urteilsvollstreckung). In diesem Falle ginge es darum, ob eine Verschleierung vollständig ist, ob sie vollzogen worden ist. Das wäre sie, wenn der Schleier den Kopf wenigstens bis zum Nacken bedeckt. Wir sprechen in diesem Fall aber nicht von Vollverschleierung, sondern von Vervollständigung oder Vollzug der Verschleierung.

Fazit: Der Begriff „Vollverschleierung” zeigt im Deutschen einen vollständig gefüllten Schleier an. Ein Verbot würde bedeuten, dass eine Frau den Schleier nicht vollständig füllen dürfte. Sie müsste darin noch Platz lassen - wofür auch immer.

Wenden wir uns also dem Begriff „Vollschleier” zu.

„Vollschleier”

Bei einem Substantiv meint die Vorsilbe „Voll-” in der Regel die vollständige Ausführung der so bezeichneten Sache (im Unterschied zu „Halb-” oder „Teil-” usw.).

Es gibt beispielsweise den Vollmond, die Volljährigkeit, die Vollkaskoversicherung, das Vollschiff (das „Halbschiff” wäre z.B. eine Brigg), den Vollzug (ein Eisenbahnzug voller Länge), die Vollautomatik, den Vollakademiker, den Vollbart, die Vollglatze, die Vollpension, die Vollmilch, die Vollversion (einer Computer-Software) und selbstverständlich die Vollständigkeit.

Obwohl es Halbschuhe gibt, spricht man bei vollständig ausgeführten Schuhen übrigens nicht von „Vollschuhen”, weil es sich bei ihnen um den Regelfall handelt. Ist die vollständige Ausführung einer Sache eher die Regel, lässt man das Präfix „Voll” normalerweise weg.

Das Beispiel des Schuhs bzw. eines „Vollschuhs” gibt uns ein gutes Beispiel, wie der Begriff „Vollschleier” sprachlich einzuordnen ist: Ein Schuh ist von der Bedeutung her ein Kleidungsstück zur Bedeckung des Fußes und des Knöchels. Ein vollständiger Schuh, also ein „Vollschuh”, reicht bis über die Knöchel, ein Halbschuh hingegen nur bis unter die Knöchel. Dabei spielt es keine Rolle, ob beispielsweise die Zehen sichtbar sind („Peep Toes”) oder nicht. Auch eine Sandale kann gewissermaßen ein Vollschuh sein, wenn sie bis über die Knöchel reicht. Es ist nur eine Frage der Länge.

Ein Schleier ist eine Kopfbedeckung, die wenigstens den Kopf bedeckt, also auf jeden Fall über die Ohren und wenigstens bis zum Nacken reicht. Tut er dies, ist er vollständig (sogar dann, wenn er eher durchscheinend ist) - müsste man ihn also als „Vollschleier” bezeichnen.

Müsste man - allerdings tut man das nicht, weil diese Ausführung die Regel ist. Normalerweise ist jeder Schleier vollständig ausgeführt, also ein „Vollschleier”.

Ausgehend von dieser Definition ist ein Vollschleier jeder vollständig ausgeführte Schleier.

Wenn wir ein wenig um die Ecke denken, kommen wir mit Hilfe des Duden und der Lexika noch zu einer anderen Definition für „Vollschleier”.

Der Duden und die Lexika kennen zwar nicht den Begriff „Vollschleier”, wohl aber den Begriff „Halbschleier”.

Nach ihnen ist der Halbschleier nicht eine teilweise Ausführung eines Schleiers, sondern ein Schleier, der das Gesicht nach dem Duden zur Hälfte, nach anderen Lexika teilweise bedeckt.

Ausgehend von dieser Definition wäre ein Vollschleier ein Schleier, der das Gesicht vollständig bedeckt.

Damit sind sowohl der Chadri als auch ein Niqāb, bei dem eine Stofflage die Augen bedeckt, Vollschleier. Ein Niqāb hingegen, bei dem die Augen nicht bedeckt sind, ist ein Halbschleier.

Manche meinen allerdings - ich stimme dem nicht zu -, wenn ein Schleier das Gesicht größtenteils bedeckt, also mehr als die Hälfte des Gesichts bedeckt, handele es sich nicht mehr um einen Halbschleier im Sinne des Duden, sondern um einen Vollschleier.

Es gibt also zwei Definitionen für den Begriff „Vollschleier”, eine geht vom Begriff „Schleier” aus und meint dessen vollständige Ausführung, die andere geht vom Begriff „Halbschleier” aus und meint im Gegensatz dazu einen Schleier, der das Gesicht vollständig bedeckt.

Nimmt man beide Definitionen ganz genau, ist übrigens ausgerechnet der Niqāb kein Vollschleier, sondern lediglich ein Halbschleier.

Gesichtsschleier

Der Duden und andere Lexika unterscheiden nicht zwischen Schleiern, die das Haar, den Kopf, den Körper oder das Gesicht bedecken - auch der Gesichtsschleier wird hier grundsätzlich nur als „Schleier” bezeichnet.

Wie wir im vorigen Abschnitt gesehen haben,weicht der Begriff „Halbschleier” allerdings von dieser Regel ab; er bezeichnet explizit eine teilweise Verschleierung des Gesichts. Daraus folgt, dass der Begriff „Vollschleier” explizit eine vollständige Verschleierung des Gesichts meint.

Das Arabische allerdings kennt mit dem Begriff نقاب, (Niqāb) eine Bezeichnung speziell für den Gesichtsschleier. Hier allerdings wird nicht unterschieden, ob das Gesicht teilweise oder vollständig bedeckt ist.

Wer Niqāb meint, kann im Deutschen „Gesichtsschleier” sagen, weil dies eine genaue Übersetzung aus dem Arabischen ist, auch wenn sich der Begriff nicht im Duden findet (korrekt wäre „Schleier”).

Viele Leute, die „Vollschleier” oder „Vollverschleierung” sagen, meinen eigentlich einen Gesichtsschleier - und müssten korrekt „Schleier” sagen.

Ganzkörperschleier

Auch etwas anderes als ein Vollschleier ist ein Ganzkörperschleier - auch wenn beide Begriffe oft fälschlich synonym verwendet werden. Es handelt sich um einen Körperschleier, der den ganzen Körper von der Spitze des Kopfes bis etwa zu den Füßen bedeckt. Jeder Ganzkörperschleier ist immer auch ein Vollschleier (weil er ja bis zum Nacken reicht), aber nicht jeder Vollschleier ist auch ein Ganzkörperschleier (oder auch nur ein Halb- oder Dreiviertelkörperschleier).

Der meist blaue „Burka” der afghanischen Frauen, der Chadri, ist übrigens genau genommen ein Dreiviertelkörperschleier; denn er ist vorne nur etwa hüftlang, reicht in der Regel nicht bis zum Boden (anders als beispielsweise Čádor, Çarşaf, Abāya oder Burkini, bei denen es sich tatsächlich um Ganzkörperschleier handelt).

Ob dabei auch das Gesicht bedeckt ist oder nicht, spielt erst einmal keine Rolle. „Schleier” ist ein Synonym für Körperschleier; beim Schleier geht man (gerade wenn es sich um die Verschleierung im Islam handelt, arab. Hidschāb) im Hinblick auf den Körper grundsätzlich davon aus, dass Gesicht und Hände ausgenommen sind; es sei denn, es ist ausdrücklich anders angegeben und von einem Gesichtsschleier, arab. Niqāb, die Rede.

Ein Ganzkörperschleier, der auch das Gesicht vollständig bedeckt, ist also ein Ganzkörperschleier mit Vollgesichtsschleier.

Ob der Begriff „Ganzkörperschleier” Sinn ergibt, ist eine andere Frage. Ich persönlich finde diesen Begriff unnötig, da er nichts sinnvoll bezeichnet. Ein langer Regenmantel ist ja auch kein „Ganzkörperregenmantel”, ein Anzug mit Sakko und Hose kein „Ganzkörperanzug”.

Freilich findet sich der Begriff „Ganzkörperschleier” nicht im Duden. Korrekt ist auch hier der Begriff „Schleier”, da dieser nach dem Duden auch eine Verschleierung des Körpers bedeutet.

Vollschleier im Westen - der Brautschleier

Zu den Vollschleiern gehört auch der traditionelle Brautschleier, der den ganzen Kopf bedeckt. Ist dabei das Gesicht vollständig verschleiert, handelt es sich um einen Vollgesichtsschleier. Ist das Brautkleid bodenlang, kann man hier von einem Ganzkörperschleier sprechen.

Übrigens symbolisiert der Brautschleier, dass der Platz der Ehefrau am heimischen Herd ist. Darum war der Brautschleier ursprünglich rot, nach der Farbe des Herdfeuers.

Ein weiteres Beispiel für einen im Westen verbreiteten Vollschleier ist der Habit einer Nonne.

Vollschleierverbot

Ein „Vollschleierverbot” wäre streng genommen ein Verbot des Hidschāb - aber beispielsweise auch des Brautschleiers. Es wäre das Verbot einer jeden Kopfbedeckung, die bis zum Nacken reicht - nur Mützen wären dann noch erlaubt, da diese zu den Halbschleiern zählen.

Exkurs: Herkunft des Begriffes „Vollverschleierung”

Ich vermute, dass der Begriff „Vollverschleierung” als Übertragung des französischen Begriffes „voile intégral” in der deutschen Umgangssprache Einzug gehalten hat (siehe auch diesen Artikel).

Beide Begriffe tauchen 2004 erstmals als Bezeichnung für den Niqāb und ähnliche Kleidungsstücke auf - im Januar 2004 zuerst „voile intégral”, im April 2004 dann „Vollverschleierung”. Im Juli 2004 taucht der Begriff „Vollschleier” erstmals auf.

Dass zuerst der längere Begriff „Vollverschleierung” auftaucht, ist im Deutschen eher ungewöhnlich - eigentlich hätte zuerst der kürzere Begriff „Vollschleier” auftauchen müssen. Dies deutet auf eine Übernahme aus einem anderen Kontext hin, vermutlich vom französischen „voile intégral”.

Das französische „voile intégral” lässt sich nicht ohne Weiteres ins Deutsche übersetzen - „Integralschleier” wäre die wörtliche Übersetzung, ist aber wenig elegant. „Vollverschleierung” hingegen klingt sogar ein wenig an „voile intégral” an. Dabei wurde aber übersehen, dass dieser Begriff nach den Regeln der deutschen Sprache, wie wir oben gesehen haben, keinen Sinn ergibt. Man dachte halt, das „Voll-” in „Vollverschleierung” habe die gleiche Bedeutung wie „vollständig”, was zwar bei „Vollschleier” der Fall ist, nicht aber bei „Vollverschleierung”. Allerdings meint auch „vollständig” im Hinblick auf den Schleier nicht zwingend die Bedeckung des Gesichts.

Eine andere Übersetzung, die zuerst im Februar 2004 auftaucht (und damit vor „Vollverschleierung”), ist „Gesichtsschleier” - sie kann sich in der Folge jedoch nicht gegen „Vollverschleierung” durchsetzen, obwohl sie sachlich korrekt ist.

Übrigens ist „Vollverschleierung” ebenso wie „Vollschleier” nur ein umgangssprachlicher Begriff; im Duden finden sich diese beiden Begriffe nicht. Der Duden kennt nur den „Schleier” („Stück Stoff, das den Kopf, den Körper, das Haar oder das Gesicht einer Frau verhüllt oder umhüllt”).

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