Mir sind drei Umfragen unter Nikab-Trägerinnen bekannt, die auch Daten zu Frauen in Deutschland erheben. Die erste Umfrage wurde 2015 abgeschlossen, die zweite vor einigen Wochen und die dritte Umfrage läuft derzeit noch.

Alle Umfragen fanden bzw. finden online statt - sie erreichen also in erster Linie Frauen, die einen Zugang zum Internet haben und diesen auch nutzen, um nach Nikab-Themen zu suchen. Zum anderen sind zwei der Umfragen in deutscher Sprache, sie erreichen also eher deutschsprachige Frauen.

So sind diese Umfragen auch nicht repräsentativ - aber sie weisen Trends nach, insbesondere unter deutschsprachigen Nikab-Trägerinnen.

Die erste Umfrage (englisch/deutsch)

Die erste Umfrage lief bis August 2015 unter dem Titel „This is my choice“. Es war eigentlich keine Umfrage, sondern eine Datenbank von Muslimas, die ausdrücklich erklären, Hidschab oder Nikab freiwillig und aus religiöser Überzeugung zu tragen. Sie konnten angeben, ob sie Hidschab oder Nikab tragen und wo sie leben.

Teilgenommen haben 1.698 Frauen aus Deutschland. Von diesen haben 88,5 % angegeben, Hidschab zu tragen, 11,5 % haben angegeben, Nikab zu tragen. 25,6 % der Nikab-Trägerinnen aus Deutschland haben einen deutschen Namen angegeben, sind also sehr wahrscheinlich zum Islam konvertierte Deutsche. Viele Frauen haben einen selbstgewählten islamischen (arabischen) Namen angegeben, auch darunter können zum Islam konvertierte Deutsche sein, so dass 25,6 % der Mindestanteil der zum Islam konvertierten Deutschen ist, dieser aber vermutlich höher ausfällt.

Die meisten Nikab-Trägerinnen unter den Teilnehmerinnen (33 %) leben im bevölkerungsreichsten Bundesland, in Nordrhein-Westfalen. Es folgen Hessen mit 13 % und Berlin mit 11 %. Schlusslichter sind Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, das Saarland und Sachsen-Anhalt mit jeweils 0 %. 2,6 % der Nikab-Trägerinnen leben in den neuen Bundesländern (ohne Ost-Berlin), 97,4 % also in den alten Bundesländern und Berlin.

Von den in Nordrhein-Westfalen lebenden Teilnehmerinnen haben 14 % angegeben, Nikab zu tragen, von denen in Hessen 11 % und von denen in Berlin 12 %.

Die eingetragenen Nikab-Trägerinnen machen 0,0002 % aller Einwohner Deutschlands aus. In Nordrhein-Westfalen und in Hessen machen sie jeweils 0,0004 % aller Einwohner aus, in Berlin 0,0006 %. Der größte Anteil der Eintragungen stammt, bezogen auf die Einwohnerzahl des jeweiligen Bundeslandes, aus Bremen (0,002 %) und Hamburg (0,0011 %).

Drei der Teilnehmerinnen sind übrigens im Zeitraum der Umfrage vom Hidschab zum Nikab gewechselt, zwei vom Nikab zum Hidschab.

Die zweite Umfrage (deutsch)

Die zweite Umfrage lief im Sommer 2017. An ihr haben 86 Frauen aus Deutschland teilgenommen. Von diesen haben 85 Frauen angegeben, Nikab zu tragen (98,8 %). Die 86. Frau trägt entweder eine andere Form von Gesichtsschleier oder verschleiert sich derzeit nicht (mehr). Keine der Frauen hat die Option „Burka“ angekreuzt.

93 % der Frauen geben an, dass ihre Augen sichtbar sind.

59,3 % der Teilnehmerinnen haben die deutsche Staatsangehörigkeit. Von diesen deutschen Frauen haben wiederum 19,6 % einen Migrationshinterhgrund angegeben. Insgesamt haben 47,67 % der Teilnehmerinnen keinen Migrationshintergrund angegeben.

34,88 % der Frauen sind jünger als 20 Jahre, 41,86 % sind zwischen 21 und 30 Jahren, 16,28 % sind zwischen 31 und 40 Jahren, 5,81 % sind zwischen 41 und 50 Jahren und 1,16 % sind älter als 50 Jahre.

95,35 % der Teilnehmerinnen geben an, den Nikab freiwillig zu tragen. 2,3 % geben an, ihn auf Wunsch des Ehemannes zu tragen, 1,16 % auf Wunsch der Geschwister. 1,16 % haben keine Angaben hierzu gemacht.

67,44 % geben an, Nikab als Fard (Pflicht) zu betrachten, 32,56 % als Sunna (empfehlenswert).

77,9 % der Teilnehmerinnen geben an, dass Eltern, Geschwister oder Ehemann zu irgend einem Zeitpunkt versucht haben, sie vom Tragen des Nikab abzubringen (einschließlich Kontaktabbruch):

36,05 % der Eltern wollten ihrer Tochter verbieten, Nikab zu tragen, 9,3 % haben den Kontakt zu ihrer Tochter abgebrochen, 39,53 % wollten die Tochter erst vom Nikab abbringen, haben es dann aber akzeptiert, bei 2,33 % wissen die Eltern nicht, dass die Tochter Nikab trägt.

12,97 % der Geschwister meiden den Kontakt zu ihrer Nikab tragenden Schwester.

6,98 % der Frauen berichten, dass ihre Ehemänner sie zwingen wollten, den Nikab abzulegen. Bei 12,79 % wollte der Ehemann sie zuerst vom Nikab abbringen, hat es dann aber akzeptiert. 25,58 % der Frauen berichten, dass ihre Ehemänner kein Problem mit dem Nikab haben.

76,74 % der Frauen geben jeweils an, sich mit dem Nikab frei und glücklich zu fühlen. 66,28 % geben an, sich mit dem Nikab zufrieden zu fühlen. Ausgeschlossen fühlen sich 6,98 %, unterdrückt 3,49 %, gefangen 2,33 %. Keine der Frauen gibt an, sich durch den Nikab als „Sexobjekt“ zu fühlen.

Im Falle eines Verbotes wollen 55,8 % der Frauen den Nikab weiterhin tragen. 48,48 % würden einen medizinischen Mundschutz als Alternative verwenden. 2,33 % würden das Haus nicht mehr verlassen, 1,16 % würden Deutschland verlassen. 8,14 % würden den Nikab ablegen. 24,42 % wissen noch nicht, was sie im Falle eines Verbotes tun würden.

51,16 % der Frauen geben an, dass sie mit Nikab Auto fahren.

Ergänzung: Ein näherer Blick auf die Frauen, die sich unterdrückt fühlen

Wir wir gesehen haben, geben einige Frauen an, sich gefangen, unterdrückt und/oder ausgeschlossen zu fühlen. Insgesamt sind dies knapp 7 % der Frauen (gefangen 2,33 %, unterdrückt 3,49 %, ausgeschlossen 6,98 %). Zwei Drittel dieser Frauen haben die deutsche Staatsangehörigkeit.

Es sind nur wenige Frauen - insgesamt sechs Frauen. Hier sind die Umfrageergebnisse also ganz offensichtlich mit großer Ungenauigkeit behaftet. Dennoch scheint es sinnvoll, ein wenig genauer hinzublicken.

Von diesen sechs Frauen gibt die Hälfte (3) an, sich darüber hinaus unterdrückt zu fühlen, ein Drittel (2), sich gefangen zu fühlen.

Die andere Hälfte der Frauen, die angeben, sich ausgeschlossen zu fühlen (3), gibt außerdem an, sich glücklich zu fühlen. Möglicherweise fühlen sie sich nicht wegen des Nikabs ausgeschlossen, sondern aufgrund der Reaktionen darauf. Von dieser Hälfte der sich ausgeschlossen fühlenden Frauen geben außerdem ein Drittel an, sich nicht nur glücklich, sondern auch sowohl frei als auch zufrieden zu fühlen.

Bleiben wir noch bei den 3,49 % der Frauen, die sich unterdrückt und/oder gefangen fühlen. Keine dieser Frauen ist jünger als 21. Jeweils ein Drittel (1) von ihnen gibt an, den Nikab freiwillig, auf Wunsch des Ehemannes oder der Geschwister zu tragen. Die eine Frau, die den Nikab freiwillig trägt, gibt zugleich an, ihn als Fard (religiöse Pflicht) zu betrachten. Die beiden anderen betrachten ihn als Sunna (empfehlenswert). Die drei Frauen, die sich unterdrückt und/oder gefangen fühlen, wollen im Falle eines Burkaverbotes allesamt den Nikab ausziehen und stimmen jeweils mehrheitlich folgenden Aussagen zu: „Nikab stört/verhindert die Kommunikation“, „Nikab in der Schule stört den Schulfrieden“, „Nikab kann kein Teil der deutschen Gesellschaft sein“, „Nikab verhindert Integration“, „Nikab ist ein Stoffgefängnis“.

Die dritte Umfrage (deutsch)

Die dritte Umfrage läuft derzeit, so dass hier noch keine belastbaren Ergebnisse vorliegen.

Es gibt aber einige interessante Trends:

So geben weniger als 20 % an, sich zur Rechtsschule der Salafiyya zu halten.

62 % geben an, dass Deutsch ihre Muttersprache ist, 31 % schätzen ihre Deutschkenntnisse als „sehr gut“ ein.

31 % geben an, keinen Migrationshintergrund zu haben.

50 % geben an, zum Islam konvertiert zu sein.

50 % geben an, ledig zu sein, 37,5 %, dass sie verheiratet sind.

31,25 % schätzen sich als „sehr emanzipiert“ ein, ebenso viele als „ziemlich emanzipiert“.

Keine der Frauen bedeckt ihre Augen immer, 43,75 % bedecken ihre Augen manchmal.

18,75 % geben als einzige Farbe ihrer Verschleierung „schwarz“ an, 43,75 % haben „schwarz“ gar nicht unter ihren Farben genannt. 6,2 % geben an, dass schwarz ihnen gefällt. Keine gibt an, dass sie schwarz für eine Pflicht hält.