Wir alle kennen bildliche oder figürliche Darstellungen biblischer Frauen - oft genug handelt es sich um Übertragungen aus der Umwelt der Künstler oder um Produkte ihrer Vorstellungskraft. Die Frauen selbst haben dafür, dass sie zumeist Jüdinnen sind, sehr helle Haut, manchmal sind sogar die Haare blond und die Augen blau. Ihre Kleidung ist eher europäisch - und der Schleier (oft genug nur ein Kopftuch) bedeckt oft die Haare nicht vollständig und so gut wie nie das Gesicht.

Diese Abbildungen haben natürlich mit den Frauen der Bibel so gut wie nichts gemein.

Die Frauen der Bibel waren vorwiegend Jüdinnen, sie waren brünett und hatten dunkle Augen. Ihre Kleidung war meist orientalisch, der Schleier hat meistens das Haupthaar vollständig bedeckt - und zumeist wurde auch ein Gesichtsschleier getragen.

Wenn wir Christen wissen wollen, wie Maria, die Mutter unseres Herrn Jesus, aussah, dann helfen uns all die Abbildungen der Kunst nicht weiter. Am ehesten sah sie, die Jüdin aus Galiläa, aus wie eine der vollständig verschleierten Muslimas, so dass nur ihre Augen zu sehen waren.

Die Frauen, denen sich Jesus zugewandt hat, sahen aus wie jene verschleierten Muslimas, von denen wir Christen uns so häufig abwenden.

Als Christ glaube ich, dass es Jesus bekümmert, wenn wir diese Frauen nicht wertschätzen, sondern uns von ihnen abwenden, wenn wir sie ausgrenzen. Mit jüdisch-christlicher Kultur hat so etwas jedenfalls nichts zu tun.

Der Schleier gehört zu unserer jüdisch-christlichen Kultur, zur Geschichte des so genannten Abendlandes. Die Muslima, die heute Niqāb tragen, bringen uns etwas, das wir verloren haben - zumindest die Erinnerung an den Schleier der biblischen Frauen. Damit bereichern sie unsere Kultur. Ihre Hidschāb und Niqāb kommen den Schleiern der biblischen Frauen näher als alles, was unsere christliche Kunst zu bieten hat.

Im Neuen Testament finden wir nur eine einzige Erwähnung des Schleiers - in 1. Korinther 11,2-16, wo es um das Verhalten von Männern und Frauen im Gottesdienst geht. Jene Bibelstelle freilich hat nichts mit dem Schleier zu tun, den die christlichen Frauen im Alltag getragen haben - und er hat auch nichts zu tun mit dem Hidschāb und Niqāb, den muslimische Frauen heute tragen. Das Problem ist, dass dieser Text, der das Tragen eines Kopftuches beim Beten und prophetisch Reden mit der Unterordnung der Frau unter ihren Mann verknüpft, unser Bild auf den Hidschāb und Niqāb muslimischer Frauen verzerrt. Dieser Text führt dazu, dass wir Hidschāb und Niqāb mit der Unterordnung der muslimischen Frauen in Verbindung bringen, worum es aber gar nicht geht.