Gerade unter der Bezeichnung „Hidschāb” tummeln sich heute verschiedenste Möglichkeiten, einen Körper zu verhüllen.

Wir kennen etwa Mädchen mit voluminösen Kopftüchern, figurbetonten Mänteln und engen Jeans und hübschen Schuhen, die ihre Gesichter stark geschminkt haben, sowie Frauen in weiten, bodenlangen Gewändern mit Kopftüchern, die bis weit über die Schultern reichen - und alles zwischen diesen beiden Extremen. Manche kommen sehr farbenfroh daher, andere eher einfarbig - bis hin zu schwarz.

Für konservative Muslime ist die erstgenannte Variante kein richtiger Hidschāb, weil die Konturen des Körpers sichtbar sind, weil unter dem Kopftuch das hochgesteckte Haar oder auch „Push-ups” für möglichst viel Volumen sorgen, weil die ganze Kleidung auf Schönheit gestylt ist. Das ausladende Kopftuch wird als „Kamelhöcker” bezeichnet, die figurbetonte Kleidung gilt als Nacktheit. Man nimmt an, dass es diesen Mädchen gefällt, auch von Jungen für attraktiv gehalten zu werden - und zugleich als Muslima erkannt zu werden.

Konservative Muslime bevorzugen Kleidung, die zumindest keine Konturen des Körpers betont. Sie soll also lang und weit sein. Der Kopf soll mit einem Tuch bedeckt sein, das nicht nur das Haupthaar, sondern auch die Stirn, die Wangen und das Kinn bedeckt und zudem bis über die Brust hinab reicht. Das weite Gewand soll bis zu den Knöcheln und den Handgelenken reichen. Das Gewand darf nicht durchscheinend sein. Die Farben sollen eher gedeckt oder dunkel sein, schwarz wird bevorzugt. Die Schuhe sollen einfach sein - keine Absätze und vor allem beim Auftreten möglichst geräuschlos.

Der Streit zwischen progressiven und konservativen Muslimen um den richtigen Hidschāb wird teilweise erbittert geführt. Für progressive Muslime ist der Hidschāb eher ein Erkennungszeichen für Muslimas. Darum ist hier das Kopftuch besonders wichtig (und dass die Haare vollständig bedeckt sind, unter dem Tuch nur die Fülle der Haarpracht zu erkennen ist). Für sie ist der Islam eine „schöne Religion”, und das wollen sie auch mit ihrer Kleidung, ihrem Outfit zeigen. Zeigen wollen sie auch, dass ihre Religion und sie selbst zur westlichen Gesellschaft dazu gehören.

Für konservative Muslime ist der Hidschāb nicht so sehr Erkennungszeichen für Muslimas (eher für ehrbare Frauen), sondern soll gemäß der Sunna des Propheten Fitna verhindern. Der Hidschāb darf durchaus hübsch anzusehen sein, aber der attraktive Körper darunter darf nicht zu sehen sein - weder die Fülle des Haares noch die weiblichen Rundungen. Das Kopftuch ist kein besonders wichtiger Teil des Hidschāb, weil alle Teile gleichermaßen wichtig sind (und auch das leise, zurückhaltende Auftreten gehört zum Hidschāb).

Gemäß der Sunna ist die innere Schönheit wichtiger als die äußere Schönheit. Der Hidschāb gilt als Ausdruck innerer Schönheit, innerer Werte.

Nach der Sunna ist der Hidschāb für konservative Muslime auch Schutz für die Frauen. Darum ist alles zu vermeiden, was diesen Schutz aufhebt, indem die Frauen für Männer durch ihr Äußeres (nicht durch ihr Wesen oder ihr Geschlecht) zu einer Versuchung werden. Der Islam geht zwar davon aus, dass der Mann sich beherrschen kann - rechnet aber auch mit der Tatsache, dass es manchen Männern eben nicht gelingt. Er ist also realistisch und ordnet der Frau aus diesem Grund einen Schutz zu.

Wenn eine Frau befürchtet, dass ihre Schönheit trotz ihres Hidschāb für Männer eine Versuchung darstellen kann, wenn sie fürchtet, dass Männer sich an bestimmten Orten oder zu bestimmten Zeiten nicht beherrschen können, dann soll sie sich nicht nur mit dem Hidschāb schützen, sondern auch mit dem Niqāb.

Der Niqāb ist also nicht etwas ganz anderes als der Hidschāb, sondern eine Erweiterung. Es gibt keinen prinzipiellen Unterschied, sondern einen graduellen Unterschied. So hat die Frau auch die Möglichkeit, den Umfang der vom Niqāb zusätzlich verdeckten Körperteile zu variieren, bis schließlich das Gesicht einschließlich der Augen und auch die Hände bedeckt sind.

Der Niqāb ist Teil des Hidschāb, allerdings sind Niqāb und Handschuhe meist enger anliegend als der übrige Hidschāb. Sie sollen jedoch beide blickdicht sein.

Man sieht Niqābi häufig ganz in schwarz, aber eine Pflicht hierzu gibt es nach Meinung vieler konservativer Islamgelehrter nicht. Allerdings tobt zwischen den Niqābi durchaus ein heftig geführter Streit zwischen der größeren Fraktion, die schwarz fordert, und einer kleinen Fraktion, die schwarz durchaus schätzt, aber auch farbenfrohe Niqāb (blau, türkis, magenta, gelb, lila...) für erlaubt hält. Dazwischen gibt es eine Fraktion, die gedeckte Farben, vor allem dunkles Grün, zulässt. Umstritten ist die Farbe Weiß, weil weiß meist als Farbe der Männer gilt. Dennoch tragen manche Niqābi weiß.

Umstritten ist weiterhin, ob zum Niqāb auch Handschuhe getragen werden müssen. Während manche dies verneinen (auch weil Handschuhe die Konturen der Hände nicht wie beim Hidschāb gefordert verhüllen), bestehen andere darauf, Handschuhe zu tragen.

Und umstritten ist zuletzt, ob und wenn ja, in welchem Umfang die Augen bedeckt sein sollen. Manche Niqab haben unter dem Sehschlitz ein kleines Netz, das die Augen bedecken kann, andere haben bis zu drei zusätzliche Lagen nicht ganz blickdichten Stoffes, die man über den Niqab legen kann, so dass der Sehschlitz bedeckt wird. Darüber hinaus gibt es mit der Boushiya (Ghatwa) eine Sonderform des Niqab, die ohne Sehschlitz daherkommt. Sie wird manchmal auch von Muslima während der Ḥaǧǧ getragen, da nach manchen Rechtsgelehrten während der Ḥaǧǧ das Tragen eines Niqab mit Sehschlitzen verboten ist.

Nachdem wir diesen Artikel mit jungen progressiven Muslima begonnen haben, die figurbetonte Kleidung als Hidschāb tragen, sei auch noch ergänzt, dass einige von ihnen sich sogar mit einem Niqab stylen. Sie verwenden besonders ausdruckstarkes Make-up für ihre Augen und benutzen den Niqab, um ihre Augen hervorzuheben. Hier wird der Niqab - gerne auch noch mit Stirnketten o.ä. geschmückt - zum modischen Accessoire. Konservativen Niqabi ist diese noch seltene, aber offenbar im Zunehmen begriffene Verwendung des Niqab oft ein Dorn im Auge. Manche dieser Mädchen scheinen sich aber auch einfach nur auszuprobieren, wollen vielleicht auch ihren persönlichen Zugang zum Niqab finden.