Vorweg möchte ich anmerken: Ich bin kein Muslim und schon gar kein Islamgelehrter. Die folgenden Ausführungen mache ich nach bestem Wissen.

Eine kontrovers diskutierte Frage ist, ob der Niqāb zum einen im Koran vorkommt und ob er zum anderen im Islam Pflicht ist oder nicht.

Geht es hierbei um die Frage, ob man Muslimas erlauben sollte, Niqāb zu tragen, ist diese Kontroverse eigentlich irrelevant; denn zur Religionsfreiheit gehört zweifelsfrei nicht, dass der Mensch sich in von Dritten vorgegebenen Bahnen bewegen und somit anderen die Deutungshoheit über seine Glaubensüberzeugungen und sein Bekenntnis überlassen muss, sondern dass er seine Glaubensüberzeugungen und sein Bekenntnis frei bilden kann, dass er seine Religion gemäß der von ihm gebildeten Überzeugungen und Bekenntnisse frei ausüben kann und dass er den ihm wichtigen Gesetzmäßigkeiten (und dazu gehören nicht nur vermeintliche oder tatsächliche Pflichten) entsprechend frei handeln kann.

Von daher ist die Frage nur, ob der Niqāb den Glaubensüberzeugungen entspricht, die sich eine Muslima gebildet hat. Ist dies der Fall, hat sie das Recht, gemäß ihrer Glaubensüberzeugungen den Niqāb zu tragen.

Dennoch wollen wir die eingangs diskutierten Fragen untersuchen: Kommt also der Niqāb im Koran vor und ist er Pflicht im Islam?

Niqāb im Koran

Im Koran finden wir den exakten Begriff „Niqāb” nicht. Dort finden wir allerdings den Begriff „Ǧilbāb”, und zwar in Sure 33:59, und der Sache nach ist damit der Niqāb gemeint.

Der arabische Begriff „Ǧilbāb” bedeutet vermutlich „herunter ziehen”. Muhammad begründet die Pflicht für Frauen, etwas von ihrem Gewand über den Kopf herunterziehen, damit, dass die Frauen als ehrbare Frauen erkannt und nicht belästigt werden sollen.

Der frühe islamische Exeget und Rechtsgelehrte ʿAbdallāh ibn ʿAbbās, ein Cousin Muhammads, hat diesen Begriff im 7. Jahrhundert auch auf eine Bedeckung des Gesichts gezogen, worauf sich heute viele Muslime beziehen, die von einer Pflicht zum Tragen des Niqāb ausgehen.

Die traditionellen Rechtsschulen und die meisten Rechtsgelehrten folgen dieser Exegese.

Darüber hinaus ist der Islam keine reine Buchreligion, es gibt hier kein „Sola scriptura”-Prinzip, wie wir es aus dem Protestantismus kennen. Zum Islam gehört auch die Sunna, also das Gesamtwerk der auf Muhammad zurückzuführenden Traditionen und Aussprüche (Ahadith), das als nicht schriftliche Offenbarung Allahs gilt. In der Ausgestaltung ihrer Glaubensüberzeugungen folgen die Muslime sowohl dem Koran als der Primärquelle als auch der Sunna als Sekundärquelle.

Im Islam gilt vereinfacht ausgedrückt, dass jede Handlung, die nicht als Pflicht für Muslime gilt, aber in Übereinstimmung mit der Sunna steht, zulässig ist. Der Terminus technicus für eine nach der Sunna erlaubte Handlung ist selbst Sunna. Weil der Niqāb in Übereinstimmung mit der Sunna steht, von Muhammad also gutgeheißen wurde, gilt der Niqāb als Sunna. Er steht also in Übereinstimmung mit den Traditionen, die auf Muhammad zurückgehen.

Es gibt übrigens einen häufig zitierten Hadith (Ausspruch Muhammads), nach dem es einer Frau erlaubt sei, Gesicht und Hände zu zeigen. Die Authentizität dieses Hadith wird jedoch von einigen Muslimen bezweifelt (es gibt so genannte starke und schwache Ahadith - der betreffende Hadith wird zu den eher schwachen Ahadith gezählt). Gegner des Niqāb halten diesen Hadith meist für authentisch und begründen mit diesem Hadith, dass der Hidschāb stets ausreichend sei und es keine Pflicht zum Niqāb gebe.

Sunna oder Pflicht?

Eine den Muslimen erlaubte Handlung kann vereinfacht ausgedrückt Sunna (empfehlenswert, verdienstvoll...) sein oder Fard (Pflicht).

Nach den vier traditionellen Rechtsschulen des sunnitischen Islam ist der Niqāb grundsätzlich Sunna, also empfehlenswert (bzw. Mustaḥabb, also wünschenswert).

Pflicht ist erst einmal nur, dass die muslimische Frau in Gegenwart von Männern, mit denen sie rechtlich gesehen eine Ehe eingehen könnte, ihren gesamten Körper mit Ausnahme der Hände und des Gesichts zu bedecken hat (Hidschāb).

Zugleich sehen alle vier Rechtsschulen vor, dass der Niqāb in bestimmten Situationen Pflicht wird. Die wichtigste Situation, in der Niqāb Pflicht ist, sind Orte bzw. Zeiten der so genannten Fitna.

Nach der hanafitischen Rechtsschule ist der Niqāb grundsätzlich Sunna, soll eine Frau jedoch ihr Gesicht und ihre Hände bedecken, wenn sie fürchtet, dass das Zeigen des Gesichts zum Sehen mit Begierde führt, wenn die Lage der Menschen schlecht geworden ist (m.E. sind damit schwere Zeiten oder Zeiten der Prüfung gemeint), an Orten bzw. zu Zeiten der Fitna. In diesen Zeiten dürften die Frauen ihr Gesicht fremden Männern nur zeigen, wenn es notwendig ist.

Nach der malikitischen Rechtsschule ist der Niqāb grundsätzlich Sunna, doch sind Angst (m.E. vor begehrlichen Blicken) und Orte bzw. Zeiten der Fitna Gründe für die Pflicht, Gesicht und Hände zu bedecken. Auch ein nicht muslimischer Mann darf Hände und Gesicht der muslimischen Frau nicht sehen. In dieser Rechtsschule kann übrigens nach Meinung einiger Rechtsgelehrter auch Pflicht sein, dass die Frau bei Angst, in Zeiten und an Orten der Fitna und in Gegenwart nichtmuslimischer Männer nicht spricht.

Nach der schafi'itischen Rechtsschule ist der Niqāb und die Bedeckung der Hände für die Mehrheit der Rechtsgelehrten grundsätzlich Sunna, jedoch Pflicht in Zeiten bzw. an Orten der Fitna oder wenn Männer die Frau mit Begierde ansehen. Für eine Minderheit der schafi'itischen Rechtsgelehrten sind Niqāb und Handschuhe grundsätzlich Pflicht.

In der hanbalitischen Rechtsschule sieht die Mehrheit der Rechtsgelehrten Niqāb und Handschuhe als Pflicht, wobei sie davon ausgehen, dass gewisse Notwendigkeiten erlauben können, den Niqāb und die Handschuhe abzulegen.

Innerhalb der Salafiyya und der Wahhābīya, das sei noch ergänzt, gilt mehrheitlich, dass der Niqāb Pflicht ist.

Es gibt also für eine Muslima Gründe, zumindest in bestimmten Situationen (Zeiten der Fitna, das Ansehen der Frau mit Begierde) den Niqāb als Pflicht zu betrachten. Meines Erachtens liegt es in ihrem Ermessen, hier eine Abwägung zu treffen. Wenn eine Frau sich die Glaubensüberzeugung bildet, dass Niqāb Pflicht sei, so verstößt sie damit wohl nicht gegen die Auffassungen der traditionellen sunnitischen Rechtsschulen, und sie hat das Recht, gemäß ihrer Überzeugungen das Gesicht und die Hände zu bedecken.

Wenn ich die Rechtsschulen richtig verstehe, ist die Angst oder Furcht einer Frau vor Fitna oder dem Betrachtetwerden mit Begierde ausreichend, dass sie sich für die Bedeckung des Gesichts und der Hände entscheidet. Sie muss die Deutungshoheit hierüber nicht anderen überlassen.

Wie weiter oben schon geschrieben: In Deutschland muss eine Frau nicht erst Experten befragen, ehe sie sich ihre Glaubensüberzeugungen bilden darf. Der Staat traut jeder Person zu, sich Glaubensüberzeugungen und seine Bekenntnisse frei bilden zu können. Und sie gesteht ihm die Freiheit zu, sein Leben gemäß dieser Überzeugungen und in Übereinstimmungen mit diesen Bekenntnissen zu ordnen und zu führen. Niemand hat also das Recht, einer muslimischen Frau den Niqāb zu verbieten, weil er angeblich nichts mit dem Islam zu tun habe oder keine Pflicht im Islam sei. Das ist eine unzulässige Einmischung in die Religionsfreiheit.