Unzählige Bilder zeigen uns, wie man sich Maria, die Mutter Jesu, in den verschiedenen Jahrhunderten je und je vorgestellt hat. Meist trägt sie ein Kopftuch, das freilich fast immer ein paar Haare sehen lässt. Manchmal sind es gar blonde Locken und blaue Augen, und auch die Hautfarbe erinnert eher an Europäerinnen.

Diese Bilder zeigen Maria praktisch immer aus Sicht des jeweiligen Künstlers und eingebettet in seine Umwelt.

Die Mutter Jesu war eine dunkeläugige, schwarzhaarige Jüdin, eine Orientalin, die in Galiläa lebte. Ob sie von dort stammte oder erst zu ihrem Mann Josef nach Galiläa zog, wissen wir nicht so recht. Vieles spricht für eine gebürtige Galiläerin.

Aber eines wissen wir: Sie trug einen Schleier. Als Jüdin vor 2.000 Jahren ohnehin und erst recht in Galiläa, jenem jüdischen Landstrich, in dem die Juden noch etwas religiöser waren als im Kernland weiter südlich, wo man die Frömmler skeptisch betrachtete.

Sie trug einen Schleier, der ihre Haare vollständig bedeckt hat, der wohl auch ihre Stirn, ihre Wangen und ihr Kinn bedeckt hat und den sie in der Öffentlichkeit regelmäßig so vor ihr Gesicht gelegt hat, dass nur ihre Augen zu sehen waren - erst ab einem gewissen Alter mag Maria den Gesichtsschleier häufiger beiseite gelassen haben, aber als junge Frau hatte sie keinerlei Ähnlichkeit mit den Bildern und Figuren in unseren Kirchen, mit unserer Vorstellung, wie die Mutter Jesu wohl ausgesehen hatte.

Jede Frau mit Niqāb, die wir heute sehen, hat mehr Ähnlichkeit mit Maria, der Mutter Jesu, als das, was wir uns für gewöhnlich vorstellen. Selbst die Tracht katholischer Nonnen entspricht nicht dem äußeren Erscheinungsbild Marias. Ebenso wenig kann das Kopftuch mancher „bibeltreuen” Christinnen in konservativen Gemeinden für sich beanspruchen, „biblischer Schleier” zu sein.

Die Körperverhüllungen und die Schleier, die uns heute bei muslimischen Frauen in Gestalt von Hidschāb und Niqāb begegnen, sind damit durchaus Teil unserer jüdisch-christlichen Tradition, unserer „abendländischen” Kultur. Der Islam hat diesen Teil unserer gemeinsamen Kultur offenbar besser bewahrt als das europäische Christentum.

Für die Frauen der Bibel - im Ersten wie im Neuen Testament - wäre es undenkbar gewesen, auf ihren Schleier zu verzichten. Der Verzicht auf den Schleier, den wir heute für einen Normalzustand des Christentums halten, lässt sich mit der Bibel nicht begründen.

Das heißt nun alles nicht, dass christliche Frauen Schleier tragen sollten - aber als Christen sollten wir nicht vergessen, dass der Schleier muslimischer Frauen unserer eigenen christlichen Kultur alles andere als fremd ist. Die verschleierten Muslimas erinnern uns an unsere eigene Tradition. Es wäre töricht, den Schleier als „fremde Sitte” betrachten und aus der Öffentlichkeit verbannen zu wollen. Wir würden damit auf jeden Fall unsere jüdisch-christliche Tradition aufgeben.