Natürlich pflegt jede Niqābi im Hinblick auf ihren Niqāb ihren eigenen Lebensstil. Hier nur einige Hinweise, wie sie mit ihrem Niqāb umgeht.

Es gibt keine allgemein gültige Kleiderordnung, der alle Niqābi folgen. Manche kombinieren einen langen Rock oder eine Hose mit einem oberschenkel- bis bodenlangen Mantel, einem vielleicht schulterlangen Kopftuch und einem Schleier. Andere verwenden einen bodenlangen Überwurf, den sie mit einem Schleier ergänzen. Wieder andere kombinieren einen langen Rock oder eine Haremshose und ein hüftlanges Oberteil mit einem Schleier. Was den Niqāb betrifft, so können sie aus einer Vielzahl von sehr unterschiedlichen Modellen auswählen. Manche tragen dazu Handschuhe. Manche tragen bewußt Schuhe ohne Absatz. Einige tragen ausschließlich schwarz, andere kommen etwas farbenfroher daher.

In der Regel ist es so, dass eine Niqābi ihren Niqāb ablegt, wenn sie in ihrer Wohnung ist. Sie trägt ihn also nicht ununterbrochen, sondern nur in der Öffentlichkeit und manchmal in der Wohnung, wenn fremde Männer anwesend sind. Ihre Familie sieht sie also viel häufiger ohne als mit Niqāb.

Trägt eine Frau schon relativ lange Niqāb, erkennen ihre Familie - vor allem Eltern, Ehemann und Kinder - und gute Freundinnen sie meist auch mit Niqāb. Eine gewisse Übung bringt es mit sich, dass man ein Auge auf Körperhaltung, Bewegungen, Gestik hat. Eine still sitzende und schweigsame Niqābi ist natürlich auch für den Ehemann eine Herausforderung, wenn sie nicht gerade auffällige Accessoires trägt.

Meist legt eine Niqābi ihren Schleier auch dann ab, wenn sie in einer reinen Frauenrunde sitzt. Manche Niqābi legen ihren Niqāb aber nicht vor nicht muslimischen Frauen ab, andere nicht Muslimas, die nicht selbst Niqābi tragen - und andere legen ihn gar nicht ab. Legt eine Niqābi ihren Schleier nicht vor anderen Frauen ab, begründet sie das häufig damit, dass eine andere Frau ja ihrem Ehemann erzählen könnte, wie die Niqābi aussieht. Am ehesten erwartet eine Niqābi von einer anderen Niqābi, dass diese über das Aussehen anderer Frauen gegenüber ihrem Ehemann Stillschweigen wahrt. Bei anderen Frauen befürchtet sie, dass ihnen diese Gepflogenheiten nicht vertraut sind.

Die meisten Niqābi lüften ihren Schleier, wenn es darum geht, dass sie sich identifizieren lassen. Sie bevorzugen dabei meist, von einer Frau identifiziert zu werden - aber manche murren auch nicht, wenn ein Mann die Identifizierung übernimmt. Im Grunde reagieren die Frauen auf das Verhalten der entsprechenden Personen. Wer höflich und respektvoll ist, der wird für gewöhnlich auch eine zugängliche Niqābi erleben. Wer gleich auf stur schaltet, wird es eher mit einer kratzbürstige Niqābi zu tun bekommen (und die meisten Niqābi können, wenn sie wollen...).

Andererseits gibt es ohnehin einige Niqābi, die ihren Niqāb auch in der Öffentlichkeit nicht ununterbrochen tragen. Manche tragen ihn nur, wenn ihnen danach ist oder zu hohen islamischen Feiertagen oder in bestimmten Gegenden. Manche lüften ihren Schleier beim Essen. Es hängt halt auch davon ab, aus welchen Gründen eine Niqābi ihren Schleier trägt. Für manche ist es vor allem ein Erkennungszeichen. Aber andere Frauen sind halt ganz streng und lüften ihren Niqāb in der Öffentlichkeit nur, wenn es unbedingt sein muss und dann nur in einem verschlossenen Raum vor einer Frau.

Unter ihrem Niqāb und der üblichen bedeckenden Kleidung trägt die Niqābi übrigens häufig relativ normale Kleidung. Und zu Hause spricht für die meisten Niqābi auch nichts dagegen, sich für ihren Ehemann schön zu machen - auch nicht im Schlafzimmer.

Je nach Material des Niqāb kann es unter dem Stoff recht heiß werden - viele Niqābi haben jedoch im Laufe der Zeit für sich Kleidung gefunden, mit der sie auch bei großer Hitze zurecht kommen. Da die Kleidung nicht eng anliegt, fällt die mit enger Kleidung einhergehende Überhitzung des Körpers meist weg.

Eine manchmal zu hörende Antwort auf die Frage, ob es denn unter dem Stoff nicht viel zu heiß wäre, lautet übrigens, dass es in der Hölle noch viel heißer sei. Viele Niqābi verdrehen bei einer solchen Äußerung allerdings die Augen - sie tragen den Niqāb nicht aus Angst vor der Hölle.

Das Essen mit dem Niqāb erfordert einige Übung - aber viele Niqābi entwickeln schon nach relativ kurzer Zeit die Fähigkeit, Speisen zu sich zu nehmen, in dem sie mit einer Hand den Niqāb leicht anheben und mit der anderen Gabel oder Löffel oder Finger Food zum Mund führen. Das geht natürlich nicht mit jeder Speise. Manche Niqābi hat zur Sicherheit einen zweiten Niqāb dabei...

Ein häufiger Begleiter einer Niqābi ist das Smartphone, eine häufige Tätigkeit das Simsen.

Der Niqāb mit Sehschlitz behindert die Sicht übrigens kaum, da die Pupille unseres Auges ja recht klein ist. Mancher Sehschlitz einer Niqābi ist größer als meine Brille. Beim Autofahren verwenden viele Niqābi einen Niqāb mit besonders großem Sehschlitz, der zudem so kurz ist, dass sie damit nirgends hängen bleibt. Grundsätzlich bewegt sich der Niqāb mit, wenn sich die Autofahrerin dreht, um etwa über die Schulter zu blocken. Wenn eine Niqābi beim Autofahren wegen ihrer Kleidung einen Unfall verursacht, dann ist meist nicht der Niqāb die Ursache, sondern z.B. ein lockerer Schuh oder ein zu hoher Absatz oder vielleicht auch ein zu weiter Mantel.

Brille tragen ist übrigens mit Niqāb eine Herausforderung. Viele Niqābi tragen darum Kontaktlinsen - andererseits kombinieren manche der Damen ihren Niqāb gerne mit einer großen Sonnenbrille. Dabei werden die Bügel unter dem Stoff festgesteckt.

Mit dem Ehemann in der Öffentlichkeit ausgetauschte Zärtlichkeiten sind übrigens selten, kommen aber vor. Händchenhalten - auch mit Handschuhen - ist dagegen relativ häufig.

Mit ihren Kindern sind die Niqābi auch in der Öffentlichkeit sehr zärtlich - häufig wird das Kind auf dem Kopf gestreichelt, in den Arm genommen. Niqābi gelten als sehr liebevolle Mütter. Babies werden gerne auf dem Arm bzw. nah am Körper getragen. Die Töchter werden recht behutsam an Hidschāb und Niqāb herangeführt - vor allem durch das Vorbild der Mutter.