Heute leben schätzungsweise bis zu 6.500 Frauen in Deutschland, die einen Niqāb tragen. Das ist der bisherige Höchststand, aber die Zahl dürfte stetig zunehmen.

Die ersten Niqābi sind vermutlich in den 1960er Jahren nach Deutschland gekommen - einige wenige nur, und auch dann nur selten, um auf Dauer zu bleiben.

In den 1970er und 1980er Jahren nahm die Zahl dann langsam zu, und immer mehr dieser Frauen blieben auch auf Dauer in Deutschland. Ende der 1980er Jahre waren es wohl ein paar hundert Niqābi.

Auch in den 1980er Jahren begannen wohl die ersten deutschen Frauen, die zum Islam konvertiert waren, Niqāb zu tragen. Einige dieser Frauen tragen ihren Schleier noch heute, seit 25 - 30 Jahren.

Mitte der 1990er Jahre lebten schätzungsweise bis zu 1.000 Niqābi in Deutschland, Anfang des neuen Jahrhunderts dann bis zu 1.200. Seitdem nimmt die Zahl der Niqābi stärker zu, heute sind es eben bis zu 6.500 Frauen.

Der Niqāb gehört also nicht erst seit ein paar Jahren zu Deutschland - die ersten Niqābi kamen vor mehr als 50 Jahren, doch blieben sie von der Mehrheitsbevölkerung weitgehend unbemerkt. Erblickte man einmal eine von ihnen, packte uns allenfalls ein milder Grusel, der doch nur in der Frau selbst ein vermeintliches Opfer sah. Schauten uns aus dem Niqāb ausdrucksstarke Augen an, waren wir freilich vom exotischen Anblick begeistert - und bis heute lieben wir den Gesichtsschleier exotischer Bauchtänzerinnen, verbinden wir damit Sinnlichkeit und Erotik, verbotene Sinnlichkeiten.

Auffällig ist, dass der Niqāb bis etwa Anfang des neuen Jahrhunderts (also im Prinzip bis zum 11. September) kaum je ein Problem darstellte. Zwar wurden die Niqābi eher als fremd wahrgenommen und wegen ihrer Kleidung von vielen bemitleidet, aber im Miteinander galt „leben und leben lassen” als Grundsatz.

Obwohl wir um den 11. September 2001 herum wohl kaum mehr als eine Handvoll muslimischer Frauen in einer echten Burqa im Land hatten, war und ist dieser Schleier das Bild, das die „Burka-Debatte” seitdem geprägt hat. Erst langsam taucht in den Print-Medien und im Fernsehen auch der viel häufigere arabische Niqāb auf, doch die Bezeichnung ist und bleibt „Burka”. Und auch das Bild im Kopf bleibt im Grunde dasselbe.

Seit nun mehr gut 14 Jahren „Burka-Debatte” sind wir den Niqābi kein bisschen näher gekommen - wir entfernen uns sogar immer mehr von ihnen, obwohl kaum einer von uns je mit einer Niqābi gesprochen hat. Wir fühlen uns ganz wohl damit, nur über sie zu sprechen.

In Deutschland ist die „Burka” freilich auch eine Art Überdruckventil für eine mehr oder weniger latent vorhandene Abneigung gegen den Islam und das „Kopftuch” der Muslimas, den Hidschāb. Es ist nun einmal leichter möglich, seine Abneigung gegen die vermeintlich frauenfeindliche „Burka” zu äußern - hier riskiert man nur wenig Kritik wegen einer fremdenfeindlichen Haltung. Eine Niqāb-feindliche Einstellung ist gesellschaftlich weithin akzeptiert - obwohl sie zu den Standards der rechten Szene gehört.

Zugleich gilt: Für sehr viele Deutsche steht die „Burka” eigentlich für jede muslimische Kopfbedeckung, bei der die Haare vollständig bedeckt sind, für jedes „Kopftuch”, das mehr als nur schulterlang ist. Man sagt „Burka”, denkt aber zugleich an Khimar, Čádor und Çarşaf.

Exkurs: Bezeichnungen im Deutschen

Bis 2001 wurde der Gesichtsschleier muslimischer Frauen meist als „Schleier” bezeichnet.

Mit dem Einmarsch in Afghanistan 2001 kamen dann die Bezeichnungen „Burka” und „Ganzkörperschleier” sowie „Vollschleier” auf.

2004 kam darüber hinaus die Bezeichnung „Vollverschleierung” auf (vermutlich vom französischen „voile intégral” ins Deutsche übertragen). Wer auch immer diese Bezeichnung erfand, hat dabei übersehen, dass das Präfix „voll″ vor einem abtrennbaren Verb einen Füllzustand bezeichnet. „Vollverschleiern″ meint wörtlich, entweder den Schleier vollständig zu füllen oder etwas vollständig mit Schleiern zu füllen. Die Vollverschleierung von Schülerinnen ist demnach deren vollständige Füllung mit Schleiern.

Etwa 2006 wurde die Bezeichnung „Niqab” aufgegriffen. Bis dahin wurde der Niqāb meist als „Burka” bezeichnet, manchmal auch als „Ganzkörperschleier”, „Vollschleier” oder „Vollverschleierung”. Bis heute wird er jedoch nur selten tatsächlich als „Niqāb” (oder eingedeutscht als „Nikab″) bezeichnet. „Burka” ist aktuell die vorherrschende Bezeichnung, gefolgt von „Vollverschleierung”.

Die ursprüngliche Bezeichnung „Schleier” ist seit 2001 zurückgedrängt worden und seit spätestens 2004 nahezu völlig aus der Umgangssprache verschwunden.

Der Duden kennt sowohl die Bezeichnung „Burka” („den ganzen Körper bedeckender Umhang mit einem Einsatz aus Netzgewebe für die Augen”), die Bezeichnung „Nikab″ („Schleier, der das ganze Gesicht, nicht aber die Augen bedeckt”) als auch die Bezeichnung „Schleier” („Stück Stoff, das den Kopf, den Körper, das Haar oder das Gesicht einer Frau verhüllt oder umhüllt”). Die Begriffe „Vollverschleierung″ und „Vollschleier″ finden sich hingegen im Duden nicht.

Vor 2001 war „Burka” vor allem die korrekte Antwort auf die Kreuzworträtselfrage nach der russischen Bezeichnung für einen kaukasischen halbkreisförmigen rauen Fellmantel (auch diese Bedeutung findet sich noch im Duden, spielt aber ansonsten keine Rolle mehr in der Umgangssprache).