Häufig wird der Niqāb als eine Vermummung betrachtet - meiner Überzeugung nach zu Unrecht.

Der Begriff „Vermummung” hat seine frühesten Wurzeln in dem Begriff „Mummenschanz”. Dabei handelt es sich ursprünglich um ein Glücksspiel mit Würfeln aus dem 15. oder 16. Jahrhundert, das im Brauchtum von Karneval und Fastnacht verwurzelt ist. Von daher der Begriff „Mummenschanz” die Bedeutung „Maskerade, Maskenspiel” angenommen.

„Mum” ist ein Wort aus dem 15. Jahrhundert, das vermutlich „Maske” oder „verkleidete Gestalt” bedeutet. "Schanz" bedeutete „Spiel, Wagnis”.

Im Laufe der Zeit haben sich aus „Mummenschanz” zwei Begriffe entwickelt: „Vermummen” für das Maskieren oder Verkleiden einer Person und „Einmummen” für das Einhüllen in warme Kleidung.

In diesem Sinn werden die Begriffe heute aber kaum noch verwendet.

Die heute vorherrschende Verwendung kennt nur noch das „Vermummen” und sieht dies als die Maskierung einer zumeist in einer größeren Gruppe gegen die Obrigkeit agierenden Person, die mit der Vermummung ausschließlich das Ziel verfolgt, die Feststellung ihrer Identität zu verhindern, um einer strafrechtlichen Verfolgung oder Anschlägen von politischen Gegnern zu entgehen.

Nach § 17a Abs. 2 Versammlungsgesetz handelt es sich bei einer Vermummung um eine „Aufmachung, die geeignet und den Umständen nach darauf gerichtet ist, die Feststellung der Identität zu verhindern”. Dabei ist die Anwendung des Verbotes auf Versammlungen beschränkt - wobei Gottesdienste unter freiem Himmel, kirchliche Prozessionen, Bittgänge und Wallfahrten, gewöhnliche Leichenbegängnisse, Züge von Hochzeitsgesellschaften und hergebrachte Volksfeste nach § 17 VersG vom Vermummungsverbot ausgeschlossen sind. Sind gottesdienstliche Handlungen vom Vermummungsverbot ausgeschlossen, so müsste das freilich auch für die religiös begründete Verschleierung muslimischer Frauen gelten, die sich in der Öffentlichkeit aufhalten.

Nun mag ein Niqāb geeignet sein, die Feststellung der Identität zu verhindern - doch ist dies für eine Niqābi nicht Sinn und Zweck der Verschleierung, darauf ist sie nicht gerichtet. Damit greift weder das Vermummungsverbot des Versammlungsgesetzes noch handelt es sich nach dieser heute vorherrschenden Definition überhaupt um eine „Vermummung”.

Es handelt sich freilich auch nicht um eine „Vermummung” im früheren Sinn, also um ein Maskenspiel, um eine Maskerade, einen Kostümierung. Dabei maskieren sich die Teilnehmenden, um unerkannt neue Bekanntschaften zu schließen.

Eher noch handelt es sich um eine „Einmummung”, weil sich die Niqābi zwar nicht in warme, aber ihrer Überzeugung nach schützende Kleidung einhüllt.

Ein „Einmummungsverbot” ist freilich undenkbar - im Winter mummen sich viele Personen zum Schutz vor der Kälte in warme Kleidung ein, so dass manchmal nur noch die Augen zu sehen sind, ohne dass dies für irgend wen ein Ärgernis wäre.

Halten wir also fest: Bei der Verschleierung muslimischer Frauen handelt es sich nicht um eine „Vermummung”, und das Vermummungsverbot aus dem Versammlungsgesetz greift selbstverständlich auch nicht.

Sogar bei einer Versammlung müsste man einer verschleierten Frau nachweisen, dass ihr Schleier "den Umständen nach darauf gerichtet ist, die Feststellung der Identität zu verhindern" - und sie damit nicht nur ihre Religion ausübt. Es müssten also Umstände vorliegen, die ohne jeden Zweifel beweisen, dass es ihr darum geht, die Feststellung ihrer Identität zu verhindern. Sie müsste also - so meine Interpretation als Nichtjurist - etwa Steine werfen oder eine andere Straftat begehen, wegen derer sie strafrechtlich zu verfolgen wäre.