Am Montag soll in Marokko ein Erlass verteilt worden sein, nach dem der Import, die Herstellung und der Verkauf eines bestimmten Kleidungsstückes verboten wäre. 48 Stunden sollen die Händler Zeit gehabt haben, ihre Bestände loszuwerden - danach sollen sie konfisziert werden. Das wäre am heutigen Mittwoch der Fall.

Das Thema wird derzeit heiß diskutiert. Was wissen wir - und was wissen wir nicht? Und was vermuten wir?

Stand: 14.01.2017; 10:00 Uhr

Was wissen wir?

Wir wissen, dass es kein Gesetz gibt, nach dem der Import, die Herstellung oder der Verkauf eines „Burka” genannten Kleidungsstückes verboten wäre. Es handelt sich um einen Erlass.

Wir wissen, dass es keine Bestätigung von der Regierung gibt, ein solches Verbot erlassen zu haben.

Wir wissen, dass dieses Verbot nicht das Tragen des Kleidungsstückes umfasst.

Wir wissen, dass das Verbot mit Aktivitäten von „Kriminellen” begründet wird.

Wir wissen, dass es kaum Frauen in Marokko gibt, die den „Burka” genannte afghanische Chadri tragen. Verbreitet sind der Ḥiǧāb, der Ǧallāba, der Haik, der Sefseri sowie - als nicht traditionelle Kleidungsstücke im Maghreb - der Khimar und der Niqāb (letzterer sowohl in der arabischen als auch in einer eher marokkanischen Variante).

Wir nehmen schließlich sehr stark an, dass von dem Verbot nicht Ḥiǧāb und Ǧallāba betroffen sind, vermutlich auch nicht Haik und Sefseri oder andere traditionelle Kleidungsstücke des Maghreb - einschließlich solche, die das Gesicht verschleiern. Damit beträfe das Verbot nicht wirklich das, was man hierzulande fälschlich gerne als „Vollverschleierung” oder als „Burka” bezeichnet.

Wenn das zutrifft, dann ist die offizielle Begründung freilich Nonsens.

Wir wissen auch, dass es in Marokko nicht allzu gut um die Menschenrechte steht. So werden Frauen in Marokko von Gesetzes wegen diskriminiert - und ebenso in der Gesellschaft. Siehe http://www.humanrights.ch/de/service/laenderinfos/marokko/ für weitere Informationen. Laut Genfer Weltwirtschaftsforum rangiert Marokko bei den Frauenrechten auf Platz 133 von 142. Ein Burkaverbot ist nur eine weitere Diskriminierung der Frauen.

Wofür fehlt noch eine Bestätigung?

Es gibt Aussagen aus Marokko, nach denen in dem Erlass von sowohl خمار (Chamar, Khimar, übersetzt Schleier oder Bedeckung) als auch نقاب (Niqāb, Nikab, übersetzt Gesichtsschleier oder Gesichtsmaske) die Rede sei.

Beim Nikab ist wohl - auch hierfür fehlt noch eine Bestätigung - an die arabische, meist schwarze Form gedacht, nicht an den einfacheren, häufig farbigen marokkanischen Gesichtsschleier, der traditionell zur Ǧallāba getragen wird („Sefseri” oder „Haik”).

Was wissen wir nicht?

Wir wissen eigentlich nicht einmal, ob es diesen Erlass wirklich gibt. Es ist zwar sehr wahrscheinlich, dass dem so ist - aber eine offizielle Bestätigung steht aus.

Wir wissen nicht, was seitens der Behörden bzw. der Regierung mit dem Verbot bezweckt werden soll.

Wir wissen auch nicht, um welches Kleidungsstück es eigentlich geht. In den Medien kursiert der Begriff „Burka”. Wir wissen aber nicht, ob dieser Begriff auf dem Erlass steht (wahrscheinlich eher nicht).

Wir wissen nicht, ob damit lediglich der häufig fälschlich „Burka” genannte afghanische Chadri gemeint ist, jener meist blaue Umhangschleier mit dem integrierten Gesichtsschleier, bei dem auch die Augen mit einem Stoffnetz bedeckt sind, oder auch der arabische Niqāb - oder sogar jede Form von Gesichtsverschleierung.

Wir wissen also nicht, ob das Verbot auch oder insbesondere den Niqāb betrifft (wobei das inzwischen als sehr wahrscheinlich gilt).

Wir wissen nicht, was die Hersteller/Importeure/Händler mit den Kleidungsstücken machen sollen (vernichten, verbrennen, verkaufen?).

Wir wissen nicht, was die Behörden nach Ablauf der 48-Stunden-Frist mit den Kleidungsstücken machen sollen.

Was vermuten wir?

Vermutet wird, dass der Begriff „Burka” erst in der englischsprachigen Berichterstattung zur Verwendung gekommen ist und dass im Original ein anderer Begriff verwendet wird - möglicherweise Burqu' (Schleier) oder Niqāb - oder dass von Khimar und Niqāb die Rede ist (was derzeit am wahrscheinlichsten ist).

Es gibt viele Vermutungen, was mit diesem Verbot bezweckt wird.

Vermutet wird von vielen, dass das angeblich offiziell genannte Argument, man wolle verhindern, dass Kriminelle die Kleidungsstücke zur Tarnung für ihre Verbrechen verwenden, nur vorgeschoben ist.

Von anderen wird vermutet, dass das Verbot auf Terroristen zielt und die Sicherheit im Land verbessern soll.

Vermutet wird, dass das Verbot der Annahme folgt, der „Burka” sei ein Symbol für Radikalität. Viele, die sich radikalen Gruppen angeschlossen haben, hätten „Burka” getragen, so dass man von „Burka” auf Radikalität schließt.

Viele nehmen an, es sei ein Warnsignal an Muslime, die einen eher streng geprägten Islam befürworten und nicht den marokkanischen Staatsislam des Königreiches. Offen ist dann aber, warum offenbar der Begriff „Burka” verwendet wird und nicht vom „Niqāb” die Rede ist.

Andere vermuten, es ginge darum, Kleidungsstücke zurückzudrängen, die nicht den marokkanischen Traditionen, der marokkanischen Kultur entsprechen.

Viele nehmen einen gewissen französischen Einfluss an.

Viele vermuten, dass dieses Verbot entweder Vorstufe eines entsprechenden Trageverbotes ist - oder dass durch das Handelsverbot das Kleidungsstück verschwinden soll, also ein „Verbot durch fehlende Möglichkeit”.

Ich vermute, dass Marokko saudische und wahhabitische bzw. salafitische Einflüsse zurückdrängen will. Um einen „liberalen Islam” oder gar Frauenrechte geht es dabei sicherlich nicht, ebenso wenig um Fragen der Sicherheit, sei es im Hinblick auf Kriminelle oder auf Terroristen.

Hintergrund

Im Königreich Marokko ist der sunnitische Islam malikitischer Richtung, dem rund 90 % der Marokkaner angehören, Staatsreligion. Kritik am Islam kann zu Verurteilungen führen.

In Marokko haben Frauen und Männer laut Verfassung (von 2011) die gleichen Rechte, doch werden Frauen durch Gesetze und in der Gesellschaft diskriminiert (siehe http://www.humanrights.ch/de/service/laenderinfos/marokko/ für weitere Informationen). Laut Genfer Weltwirtschaftsforum rangiert Marokko bei den Frauenrechten auf Platz 133 von 142.

Nach der in Marokko vorherrschenden malikitischen Rechtsschule ist der Niqāb grundsätzlich Sunna, doch sind Angst (m.E. vor begehrlichen Blicken) und Orte bzw. Zeiten der Fitna Gründe für eine Pflicht, Gesicht und Hände zu bedecken. Auch ein nicht muslimischer Mann darf Hände und Gesicht der muslimischen Frau nicht sehen. In dieser Rechtsschule kann übrigens nach Meinung einiger Rechtsgelehrter auch Pflicht sein, dass die Frau bei Angst, in Zeiten und an Orten der Fitna und in Gegenwart nichtmuslimischer Männer nicht spricht.

In Marokko wird traditionell ein eher einfacher, häufig farbiger Niqāb (dort häufig als „Sefseri” bzw. als „Haik” bezeichnet) zur traditionellen Ǧallāba getragen. Manche Frauen tragen auch andere, häufig farbige oder bunte Kleidung, kombiniert mit einem Kopftuch.

In den 1970er Jahren hat Marokko auf Initiative des Königshauses engere Beziehungen mit Saudi-Arabien geflochten. In der Folge haben die Saudis in Marokko Schulen und Moscheen usw. errichtet - was freilich dazu führte, dass die wahhabitische Lesart des Islam in Marokko eine gewisse Verbreitung fand, damit natürlich auch die entsprechend geprägten Bekleidungsvorschriften und letztlich auch jene Kleidung, die von der arabischen Halbinsel stammt.

Darum sieht man heute zunehmend eher arabische Frauenkleidung - meist schwarz und mit einem ebenfalls schwarzen Niqāb, der einen schmaleren Schlitz für die Augen aufweist als der traditionelle marokkanische Niqāb, dazu manchmal auch Handschuhe.