Der Niqāb muslimischer Frauen gilt als „Mimik-Barriere”, die es dem Gegenüber einer solchen Frau unmöglich macht, ihre Mimik zu erkennen, zu erkennen, welche Gefühle diese Frau ausdrücken will, ob ihre Äußerung glaubwürdig sind usw. Mit diesem Argument werden Forderungen nach Burkaverboten an Schulen, Universitäten, Gerichten usw. begründet.

Es gibt eine dem dem Niqāb vergleichbare Mimik-Barriere da, wo Europäer und Asiaten aufeinander treffen. Asiaten verwenden zum Ausdrücken und Verstehen der Mimik vor allem die Augen, Europäer oder Amerikaner eher die Mundregion, wie Studien (mit Europäern, Amerikanern, Chinesen und Japanern) ergeben haben.

Wenn wir Europäer mit Asiaten sprechen, dann erscheinen uns ihre Gesichter merkwürdig „starr”, unbeweglich, bar jeden Gefühlsausdrucks, emotionslos.

Umgekehrt haben Asiaten oft Probleme, unsere Mimik korrekt zu interpretieren.

Das liegt wie gesagt daran, dass Asiaten die Mimik auf die Augen konzentrieren, die Europäer jedoch eher auf die Mundpartie.

Asiaten haben darum viel weniger Probleme bei der Kommunikation mit einer Frau mit Niqāb, während wir Europäer bei der Kommunikation Probleme sowohl mit Asiaten als auch mit Frauen mit Niqāb haben.

Hinzu kommt übrigens: Wir Europäer (wie auch die Amerikaner) sind Meister der Verschleierung unserer Mimik. Während wir nicht in der Lage sind, die Mimik unserer Augen zu steuern (ein falsches Lächeln etwa erreicht niemals die Augen), beherrschen wir es meisterhaft, die Mimik unserer Mund- und Kinnpartie zu steuern. So erzeugen wir ein falsches Lächeln, falsche Wut, falsche Trauer, falsche Entschlossenheit - sie alle verschleiern, was wir eigentlich meinen. Wir sind Meister der Maskierung, Meister der Verschleierung.

Daran mag es liegen, dass wir dem Niqāb so negativ begegnen - wie früher (und manche auch heute noch ) auch häufig den Asiaten. Wessen Mund- und Kinnpartie unbeweglich erscheint oder verhüllt ist, der hat, so argwöhnen wir, etwas zu verbergen, der führt etwas im Schilde, der will uns nicht wissen lassen, was er denkt, was er eigentlich meint, der ist verschlagen. Bei dem müssen wir auf der Hut sein, Distanz wahren.

Die Konzentration auf Mund- und Kinnpartie, wenn es um die Mimik geht, ist eine kulturelle Eigenart von uns Europäern - mehr nicht. Sie bildet ebenso eine Barriere zwischen uns und den Frauen mit Niqāb wie auch zwischen uns und den Asiaten.

Das bedeutet auch: Wir können Frauen mit Niqāb nicht anders behandeln als Asiaten, soweit es um die Sichtbarkeit und Erkennbarkeit der Mimik geht.

Wer mehr über die Mimik-Barriere zwischen Europäern und Asiaten lesen möchte, dem empfehle ich folgende Artikel:

Unklar ist mir (auch weil ich ohnehin nicht in der Lage bin, die Mimik zu erkennen und zu deuten), ob es auch zwischen Europäern und Subsahara-Afrikanern eine Mimik-Barriere gibt. Untersuchungen dazu gibt es m.W. noch nicht.