Derzeit wird eine Kleidung als besonders schlimm dargestellt - der Niqāb muslimischer Frauen.

Obwohl kein Mensch weiß, ob hierzulande Mädchen oder Frauen gezwungen werden, Niqāb zu tragen und falls ja, wie viele; obwohl kein Mensch weiß, wie und vom wem ein Verbot des Niqāb eigentlich umgesetzt werden soll und obwohl sich kaum jemand fragt, welche Folgen das dann für die muslimischen Frauen hätte - mit Schlagworten wie „Gleichberechtigung”, „Frauenrechte”, „Integration” überbieten sich gerade auch Politiker in Verbotsforderungen.

Ich habe mich, als ich diesen Artikel verfaßt habe, gefragt, wie Gott - also der Gott und Vater Jesu Christi, an den wir Christen glauben - über jene von uns Christen denkt, die Muslimas zwingen, den Niqāb abzulegen.

Ich denke, es ist ebenso, als würden wir Muslime zwingen, Alkohol oder Schweinefleisch zu konsumieren - Gott würde uns zur Rechenschaft ziehen.

Im Deutschen hat sich der irreführende Begriff „Burka” für den Körper- und Gesichtsschleier muslimischer Frauen eingebürgert.

Der korrekte arabische Begriff Niqāb bedeutet im Deutschen nur „Schleier” (und steht so auch in arabischen Bibelausgaben), doch denken wir dabei hierzulande eher an den Brautschleier, an den Trauerschleier, an ein modisches Accessoire aus den 1920er Jahren oder auch an den Habit katholischer oder orthodoxer Nonnen, wobei dieser nicht das Gesicht der Trägerin bedeckt. Offenbar gilt der Begriff „Schleier” vielen als verharmlosend, wenn es um die Verschleierung muslimischer Frauen mit der „Burka” geht (offen bleibt, warum sich in den letzten Jahren „Burka” durchsetzen konnte und nicht etwa „Nikab”).

Der Niqāb muslimischer Frauen ist freilich keine Erfindung der Muslime - die Grundform hat Muhammad so in Arabien vorgefunden, gerade auch bei jüdischen und christlichen Frauen in seiner Umgebung, und er hat sie für seine eigenen Frauen und für die Frauen und Töchter der Muslime übernommen - unter der Bezeichnung Ǧilbāb, unter dem die Muslimas den Schleier bis heute kennen. Von damals her zieht sich eine gerade Linie zum heutigen Niqāb, der darum in allen Rechtsschulen des sunnitischen Islam als Sunna gilt, als den Traditionen des Propheten gemäß.

Rabenschwarz scheint die vorherrschende Farbe zu sein, in der sich Niqābi in der Öffentlichkeit kleiden. Schwarzer Mantel, schwarzer Hidschāb, schwarzer Niqāb, möglicherweise auch schwarze Handschuhe. Selbst Schuhe und Handtasche sind manchmal schwarz. Fast schon gewagt wirkt da ein dunkelblauer Farbtupfer.

Grundsätzlich ist es aber nicht so, dass Schwarz die einzig verfügbare Farbe für Niqāb & Co. wäre - Online-Shops bieten etwa auch Farben mit so schönen Bezeichnungen wie Türkis, Lavendel, Burgunder, Flieder, Marineblau, Königsblau, Aubergine, Magenta und natürlich auch Farben wie Grün, Braun, Grau, Weiß, Rosa, Violett, Weinrot, Kirschrot...

Eines der häufigeren Argumente gegen die Verschleierung mit dem Niqāb bzw. für ein Verbot liegt darin, dass es ja auch nicht erlaubt sei, nackt herumzulaufen.

Heute leben schätzungsweise bis zu 6.500 Frauen in Deutschland, die einen Niqāb tragen. Das ist der bisherige Höchststand, aber die Zahl dürfte stetig zunehmen.

Ein häufiges Argument gegen den Niqāb ist, dass Kinder Angst vor den „vermummten” Frauen hätten.

Aufgrund zahlreicher Begegnungen meiner Frau, wenn sie Niqāb trägt, mit Kindern weiß ich allerdings, dass diese Behauptung in der Regel unzutreffend ist. Die häufigste Reaktion von Kindern auf den Niqāb meiner Frau ist nicht Angst oder Schrecken, sondern Neugierde.

Hierzulande nehmen viele Nichtmuslime an, der Hidschāb (und ebenso der Niqāb) seien Zeichen der Unterordnung der Frauen unter ihre Männer, Symbole der Unterdrückung.

Im Islam allerdings werden Hidschāb (und ebenso der Niqāb) nicht so gesehen.

Tatsächlich spielt uns hier unsere eigene christliche Geschichte einen Streich.

Bei meiner Beschäftigung mit dem Thema „Kopftuch und Burka” habe ich immer deutlicher gesehen, dass es entgegen der landläufigen Annahme keinen prinzipiellen Unterschied zwischen dem einen und dem anderen gibt. Der Unterschied zwischen Kopftuch und Burka ist gradueller, nicht prinzipieller Natur.