In unserer Gesellschaft verstehen wir den Niqāb leicht als ein Hindernis, eine Barriere zwischen den Frauen, die ihn tragen - also „ihnen” - und „uns”, die wir nur den Niqāb vor uns sehen, nicht aber das Gesicht der Frau.

Sie und wir, Muslime und Nichtmuslime, muslimische Frauen und eine - aus welchen Gründen eigentlich? -  abgelehnte Gesellschaft, muslimische Frauen, die sich von uns abgrenzen, absondern, muslimische Frauen, die sich nicht mit uns integrieren wollen.

Dieses Verständnis trifft jedoch in keiner Weise den Grund, warum muslimische Frauen in der Öffentlichkeit einen Niqāb tragen. Den Grund, den wir nur so schwer verstehen.

Im Folgenden versuche ich den Grund aus Sicht gläubiger (konservativer) Muslime zu erklären.

Die Antisemitismus-Forschung kennt den von Natan Sharansky entwickelten 3-D-Test, um Israelkritik daraufhin zu untersuchen, ob sie antisemitisch ist oder nicht: Israelkritik sei immer dann antisemitisch, wenn sie Dämonisierung, Doppelstandards und Delegitimierung aufweist.

Grundsätzlich eignet sich der 3-D-Test immer, um bestimmte Formen der Kritik, die auf eine Gruppe von Menschen abzielt, als eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit - oder Rassismus - zu entlarven. Und manchmal gibt es sogar mehr als nur drei D's, die den menschenfeindlichen Charakter der Haltung einer Gruppe gegenüber ans Licht holen.

So nimmt es nicht Wunder, dass auch die Kritik an den Frauen, die Niqāb tragen, mit dem einen oder anderen „D” treffend beschrieben und damit einer gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit zugeordnet werden kann. Ich habe sogar sechs D-Test-Fragen gefunden, neben Dämonisierung, Delegitimierung, Doppelstandards auch noch Depersonifizierung, Desintegration und Desinformation.

Wer „Burka” liest, hört, sagt oder schreibt, denkt natürlich zuerst und zuletzt an die Verschleierung muslimischer Frauen, an Niqāb oder Burqa.

Aber nicht nur „ex oriente burka” - nein, auch der Westen hat so seine „Burkas”, die natürlich geschickt verschleiert sind.

Viele Befürworter eines fälschlich so genannten „Burkaverbotes” begründen ihre Verbotsforderung damit, dass sie die betreffenden Frauen durch ein Verbot des Niqāb integrieren wollen. Integrieren - oder doch eher assimilieren?

Immer wieder höre die Äußerung, man habe ja nichts gegen den Hidschāb, aber der Niqāb sei einfach zu extrem. Hierzu wollte ich eigentlich nur eine eher knappe Antwort verfassen, von wegen: So groß, wie man annimmt, ist der Unterschied zwischen Hidschāb oder Çarşaf einerseits und Niqāb andererseits ja gar nicht, aber die Antwort wurde dann doch länger und länger.

Zuerst wurde mir klar, dass die Größe der einzelnen Partien des Gesichts ihre Bedeutung für das Erkennen einer Person und ihrer zur Ausdruck gebrachten Mimik nicht widerspiegelt. Wir haben große Bereiche im Gesicht, die zum Erkennen einer Person und vor allem zum Deuten der Mimik weniger beitragen als manche kleinere Bereiche. Und dann wurde mir noch klar, dass es eigentlich beim Gesicht meist weniger um das Erkennen der Person und der Deutung ihrer Mimik geht, sondern um etwas ganz anderes: Um die Attraktivität des Gesichts. Die ist uns extrem wichtig. 

Der folgende Beitrag versucht diese Punkte ausführlich darzustellen. Die einzelnen Abschnitte bauen aufeinander auf - welcher Natur ist der Unterschied zwischen Hidschāb und Niqāb? Wie nehmen wir das Gesicht eines Menschen eigentlich wahr? Welche Bedeutung haben die einzelnen Bereiche des Gesichts? Welche Bedeutung hat das Gesicht eines Menschen für uns?

Wenn Emanzipation, Gleichberechtigung, Frauenrechte und Feminismus bedeuten, dass Frauen genau die sexy Kleidung tragen dürfen, die sie wollen; dass sie genau das glamouröse Make-up auflegen dürfen, das ihnen in den Sinn kommt; dass ein Rock, egal wie kurz oder eng, niemals Dich oder Mich meint und ebenso wenig „Ja!”; dass man einer Frau nicht unterstellen darf, sie wolle mit ihrer freizügigen Kleidung Männer „heiß machen”; dass auch vermeintlich nicht so gut aussehende Frauen, über 40-Jährige Frauen oder solche mit Übergewicht Minirock oder Leggings tragen dürfen, ohne dass man ihnen eine „Burka” empfiehlt; dass Frauen, die Miniröcke tragen, keine Mitschuld tragen, wenn sie sexuell belästigt oder vergewaltigt werden; dass Frauen sich für Geld ausziehen dürfen; dass Frauen als Sexarbeiterinnen tätig sein dürfen; dass Frauen selbst darüber bestimmen, mit wem sie eine Beziehung führen und vom wem sie ein Kind bekommen, wenn also Emanzipation all das bedeutet, warum gilt das eigentlich immer um so mehr, je mehr eine Frau ausziehen will, je mehr eine Frau sich auf viele Partner einlassen will - aber sobald sie Hidschāb oder gar Niqāb tragen will, sobald sie nur noch für einen Mann da sein will, da gilt sie plötzlich als nicht mehr emanzipiert, sondern als unterdrückt, nicht gleichberechtigt, rechtlos und patriarchalen Strukturen unterworfen?

Ich weiß nicht, ob sich Befürworter eines Niqāb-Verbotes für den gesamten öffentlichen Raum darüber Gedanken machen, was eigentlich geschieht, wenn ein solches Verbot in Kraft tritt. Ich denke, sie tun es eher nicht.

Sie können freilich nicht annehmen, die Frauen würden dann plötzlich alle miteinander ihren Niqāb ablegen, Männer, die ihre Frauen zur Verschleierung zwingen, würden ihnen plötzlich erlauben, sich ohne Niqāb in der Öffentlichkeit zu bewegen.

Eines der häufigsten Argumente gegen den Niqāb und für ein Verbot ist die vermeintliche Verletzung eines Grundprinzips unserer Gesellschaft, der Gleichberechtigung.

Verstößt es denn nicht gegen die Gleichberechtigung, wenn Frauen gezwungen werden, sich zu verschleiern - vor allem, wenn ihre Männer in eher legerer Kleidung, oft mit kurzen Ärmeln, herumlaufen, die völlig verhüllte Frau als „schwarzes bewegliches Objekt” im Schlepptau?

Befürworter eines Niqāb-Verbotes meinen häufig, der Niqāb verstoße, da das Gesicht bedeckt wird, gegen die Regeln für ein gesellschaftliches Miteinander.

Selbstverständlich gibt es Regeln für das gesellschaftliche Miteinander: