Warum sollte man die „Burka” erlauben, wenn man doch auch beispielsweise nicht mit einem Motorradhelm oder einer Skimaske in eine Bank gehen darf?

Natürlich ist es nicht höflich, eine Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten, aber hier tut es Not - warum sollte man eine Bank, ein Amt, einen Gerichtssaal oder was sonst mit einem Motorradhelm oder einer Skimaske oder einer Sturmhaube oder was sonst betreten wollen?

Wer sich eingehend mit dem Thema „Burka” und „Burkaverbot” befasst, stellt schnell fest, dass es allein im Deutschen eine verwirrende Begriffsvielfalt gibt: Kopftuch, (Gesichts-) Schleier, Burka, Nikab, Hidschab, Tschador, Tscharschaf, Tschaderi, Burkini...

Keiner dieser Begriffe ist im Deutschen so eindeutig definiert, wie man sich das wünschen würde - und noch viel weniger stimmen im Deutschen verbreitete Definitionen mit denen in den Ländern der islamischen Welten überein.

Weil immer wieder gefragt wird, wie Niqāb oder Burqa' denn aussehen, habe ich einige Bilder gesucht, um diese Schleier zu zeigen.

Burka” - das ist nicht nur ein Kleidungsstück muslimischer Frauen, sondern hat auf einer ganz anderen Ebene, in einem ganz anderen Umfeld auch viel mit Erotik, Sexualität, Fetischismus, Sadomasochismus, Dominanz, Submission zu tun.

Sobald ich Fotos verschleierter Frauen irgendwo veröffentliche, kann ich mir sicher sein, dass binnen Stunden unzählige Fetischisten die Bilder favorisieren, ihren Galerien hinzufügen, herunterladen (weswegen ich keine Fotos mehr veröffentliche).

Folgt man diesen Leuten im Internet, findet man in ihren Alben häufig neben verschleierten Fotos auch solche, die gefesselte, geknebelte Frauen zeigen. Manche haben sich auf den „Burka” als Fetisch spezialisiert, geben sich im Internet als muslimische Frauen aus und versuchen mit Muslimen in Kontakt zu kommen.

Interessant ist dabei, dass viele dieser Personen Phasen haben, in denen sie ihrem Fetisch nachgehen - und dann Phasen, in denen sie sich zurückziehen, teilweise alle ihre Fotos löschen, sämtliche Spuren ihrer Neigung verschwinden lassen. Es scheint so, als seien sie immer wieder im Kampf mit ihrem Fetisch. Und interessant ist auch: Keiner der mir bekannten „Burka”-Fetischisten setzt sich, soweit ich das erkennen kann, ernsthaft gegen ein „Burkaverbot” ein.

Forderungen nach einem Verbot von Niqāb und Burqa werden immer wieder mit dem Schlagwort „Gesicht zeigen!” begründet: In einer „offenen Gesellschaft” zeige man (einander) sein Gesicht. 

Mit dieser Forderung wird eine bedeutungsvolle Formel auf ein bloßes „Burka weg” reduziert.

Wann ist ein Schleier eigentlich eine „Burka”?

Nein, damit meine ich dieses Mal nicht den Unterschied zwischen Burqa, Niqāb, Çarşaf & Co., die alle immer wieder unter dem irreführenden Schlagwort „Burka” geführt werden.

Sondern: Wie viel vom Gesicht muss bedeckt sein, damit ein etwaiges „Burkaverbot” greift?

Und greift ein „Burkaverbot” eigentlich immer - oder gibt es Zeiten, zu denen eine muslimische Frau einen Niqāb tragen darf?

Der Terminus „öffentlicher Raum” wird in der Niqāb- und Burqa-Debatte zwar regelmäßig verwendet, ist aber eigentlich nicht genau definiert.

Für die einen ist es der Raum, der sich im Besitz der öffentlichen Hand befindet und von dieser verwaltet, gepflegt und kontrolliert wird - unabhängig davon, wer diesen Raum nutzen darf.

Für die anderen ist es der Raum, der für die Öffentlichkeit frei zugänglich ist und von ihr genutzt wird - unabhängig davon, in wessen Besitz sich dieser Raum befindet. Auch in Privatbesitz befindlicher, aber von der Öffentlichkeit genutzter Raum kann demnach öffentlicher Raum sein.

Daneben gibt es noch den halböffentlichen Raum, zu dem die Öffentlichkeit zumindest zeitweise beschränkten Zugang hat.

Früher galt für den öffentlichen Raum, dass die Benutzung jedermann möglich sein sollte und eigentlich nur zwei Regeln erforderte: „Sei rücksichtsvoll - verhalte dich im öffentlichen Raum so, dass du andere nicht belästigst und hinterlasse den öffentlichen Raum so, wie du ihn vorfinden möchtest.”

Es ging grundsätzlich darum, die Voraussetzungen für ein geordnetes Miteinander zu garantieren, jedoch eher nicht um eine Förderung des Miteinanders im öffentlichen Raum.

Innerhalb des öffentlichen Raumes waren die einzelnen Bereiche entweder mehr für die Fortbewegung gedacht, um von einem Ort zu einem anderen zu gelangen, oder mehr für den Aufenthalt, für eine Freizeitaktivität usw. Je nachdem galten in den Bereichen, in denen man sich aufhielt, vielleicht etwas strengere Regeln, wenn die Rücksicht das erforderte (so kennt meine Generation noch die Badekappenpflicht in Schwimmbädern).

Eine häufig vertretene These ist, dass es die Identifizierbarkeit einer Person ist, die im öffentlichen Raum ein Kennenlernen der anderen und eine Wertschätzung ihnen gegenüber ermöglicht. Eine ständige Verschleierung im öffentlichen Raum mache dies unmöglich, darum sei ein Verbot von Niqāb und Burqa in der Öffentlichkeit sinnvoll.

Ein erstes Problem der aus dieser These folgenden Forderung nach einem Verbot besteht darin, dass nicht jede Niqābi ihren Niqāb in der Öffentlichkeit ständig trägt. Man kann aus dieser These eigentlich nur ein Verbot der ständigen Verschleierung im öffentlichen Raum begründen, nicht aber der gelegentlichen. 

In der Debatte um das Tragen des Niqāb in der Öffentlichkeit und die damit häufig einhergehende Verbotsforderung werden die Termini „identifizieren” und „erkennen” häufig synonym verwendet. Aber die Begriffe sind nicht beliebig austauschbar, wie man an folgendem Satz erkennen kann:

„Man kann eine Niqābi nur ohne ihren Niqāb identifizieren - und man kann eine Niqābi nur mit ihrem Niqāb erkennen.”