Eines der häufigeren Argumente für ein Burkaverbot ist, dass es wegen der zur Verschleierung gezwungenen Frauen unabdingbar wäre, die „Vollverschleierung“ (hier wird dieser Begriff besonders gerne verwendet) mit dem „Stoffkäfig“ zu verbieten. Selbst wenn ein paar Frauen die „Burka“ freiwillig trügen, spräche das nicht gegen ein Burkaverbot, zumal diese wohl „gehirngewaschenen“ Frauen es an Solidarität mit den zur Verschleierungen gezwungenen Frauen missen ließen.

Aber hilft ein Burkaverbot Frauen, die zur Verschleierung gezwungen werden, tatsächlich?

Zu bedenken ist erst einmal, dass eine gewisse Anzahl von Frauen, die nach Beobachtung des Westens gegen die „Burka“ kämpfen, eigentlich primär gegen den Verschleierungszwang kämpfen, nicht gegen die Verschleierung des Gesichts an sich. Sie wollen kein Burkaverbot, sondern dass keine Frau mehr gezwungen wird, sich verschleiern zu müssen - sich aber verschleiern kann, wenn sie das selbst wünscht.

Zu bedenken ist auch, dass nicht jede muslimische Frau glücklich damit ist, wenn sie als unfreiwillige Mandantin selbsternannter Befreier von Frauen aus dem Stoffkäfig herhalten muss. Manche Frauen fühlen sich vom Westen entmündigt und instrumentalisiert. Sie werden ja nie gefragt, man spricht ja nicht mit ihnen, sondern nur über sie. Und man fragt auch nicht, ob diesen Frauen der Kampf für ihre Befreiung wirklich nützt - oder nicht doch eher schadet. Der aufgeklärte, der reinen Vernunft verschriebene Westen weiß schließlich am besten, was den kulturell wie intellektuell zurückgebliebenen, viel zu religiösen muslimischen Frauen nützt.

Schaden tut der Kampf für die Befreiung der muslimischen Frau von der Burka denjenigen Frauen, die nicht nur gegen den Zwang zur Burka oder zum Nikab kämpfen, sondern gegen jeden Zwang, der Frauen ein bestimmtes Verhalten, bestimmte Kleidung aufzwingen will. Durch die westliche Verengung auf die Burka wird das, was den Frauen wirklich wichtig ist, in die Ecke gedrängt. Das westliche „Burka nein, Kopftuch ja“ hilft diesen Frauen nicht weiter, weil der Zwang zum Kopftuch eigentlich weithin das größere, das weiter verbreitete und viel alltäglichere Problem vieler muslimischer Frauen ist. Dieser Zwang aber wird vom Westen meist geflissentlich ignoriert. Soweit reicht der Wille, muslimische Frauen zu befreien, dann doch nicht. Der Westen glaubt zu wissen, von was die muslimischen Frauen vorrangig befreit werden müssen - von der Burka. Und geht damit an der Lebenswirklichkeit vieler muslimischer Frauen und von den tatsächlichen Zwängen, denen sie tagaus, tagein ausgesetzt sind, vorbei.

Soweit die Vorrede.

Davon abgesehen wird sicherlich jeder vernunftbegabte Mensch einsehen, dass ein Burkaverbot in Deutschland, in Österreich oder in der Schweiz Frauen nicht hilft, die beispielsweise in Saudi-Arabien leben und dort zum Tragen des Nikab gezwungen werden (wobei das Tragen des Nikab in Saudi-Arabien nicht gesetzlich verankert ist, lediglich das Tragen eines Hidschab - für Ausländerinnen nicht einmal dies).

Ein Verbot wäre bestenfalls eine symbolische Geste in Richtung der muslimischen Frauen in der arabisch-sunnitischen Welt - aber viele Muslime, selbst solche mit einer gewissen Abneigung gegen den Nikab, empfinden dies dennoch eher als - milde ausgedrückt - unpassend.

Nützt ein Burkaverbot in Deutschland wenigstens den zur Verschleierung gezwungenen Frauen in Deutschland?

Nun wissen die Befürworter einer solchen „Frauenbefreiung durch Burkaverbot“ nicht einmal, wie viele Mädchen und Frauen zur Verschleierung mit dem Nikab gezwungen werden. Man geht davon aus, dass keine Frau so etwas freiwillig trage, dass sie entweder von Kindesbeinen daran gewöhnt sei, einer Gehirnwäsche unterzogen wurde oder von Familie oder Ehemann gezwungen werde. Sie seien Opfer einer frauenfeindlichen Ausprägung des Islam, eines von Männern erdachten Stoffgefängnisses für Frauen.

Frauen, die sich angeblich freiwillig verschleiern (etwa deutsche Frauen, die zum Islam konvertiert sind), seien Opfer eines irgendwie kaputten Gehirns.

Wie gesagt: Belege kann man nicht vorlegen. Frauen, die erklären, sie trügen den Nikab freiwillig, werden gewissermaßen entmündigt und für nicht zurechnungsfähig erklärt. So bleibt die Vorstellung eines Kleidungsstückes, das keine Frau freiwillig trage.

Die Frauen werden zwangsweise zu Mandanten von selbsternannten Opferanwälten, die sie „befreien“ wollen - selbst Frauen, die nur ab und an Nikab tragen, etwa beim Besuch der Moschee, an hohen islamischen Feiertagen oder wenn sie sich aus einem besonderen Anlass „aufgehübscht“ haben und Make-up und Schmuck in der Öffentlichkeit unter dem Nikab verbergen wollen. Der Wille zur Befreiung macht alle Nikab-Trägerinnen gleich, sie werden als homogene Masse betrachtet, die mit dem Etikett „bedauerliches Opfer, nicht weit genug entwickelt, sich selbst zu befreien“ versehen wird. Für eine so einheitliche Opfergruppe braucht es dann ein auch nur ein simples Werkzeug, sie alle zu befreien: Ein Burkaverbot muss her, ein Schlüssel, der für alle Frauen passt, sie aus ihrem Gefängnis zu befreien.

In Wirklichkeit sind die Frauen, die Nikab tragen, eine höchst heterogene Gruppe von Frauen, und nur selten passen die üblichen Klischees auf diese Frauen. Da sind Frauen, die nur ab und an Nikab tragen. Da sind Frauen, die sich gegen ihre Familie, gegen ihren Ehemann durchsetzen müssen, um Nikab tragen zu können. Da sind Frauen, die Nikab als Sunna (empfehlenswert) betrachten, und Frauen, die es als Fard (Pflicht) betrachten. Da sind Frauen, die tragen nur schwarze Kleidung, und Frauen, die in ihrem Kleiderschrank alle Farben hängen haben. Da sind Frauen, die unter allerlei Zwängen leiden, allerdings nicht zum Tragen des Nikab gezwungen werden. Da sind Frauen, für die der Nikab Freiheit bedeutet, Ausdruck ihrer Emanzipation ist. Da sind Frauen, die mit dem Nikab andeuten, dass sie vergeben und nicht an Flirts interessiert sind - und Frauen, die mit dem Nikab Gott zeigen wollen, wie sehr sie ihn lieben, wie dankbar sie ihm sind. Da sind Frauen, für die ist der Nikab Tradition oder nicht weiter hinterfragte Pflicht, und da sind Frauen, für die steht der Nikab am Ende einer langen Reise des gründlichen Nachdenkens über Gott und die Beziehung zu ihm.

Und auf sie alle hat die Mehrheit in Deutschland nur eine Antwort: Burkaverbot.

Den Frauen, die tatsächlich zur Verschleierung gezwungen wird, hilft so ein Verbot nicht weiter. Es ist einigermaßen wahrscheinlich, dass der Vater oder der Ehemann sie im Falle eines Verbotes nicht mehr aus dem Haus lässt. Vor allem aber: Diese Frauen leiden unter mehr als nur einem Zwang, dem Zwang zur Verschleierung. Sie leiden unter vielen Zwängen, unter vielen Unfreiheiten - und der Nikab dürfte nicht einmal der schlimmste Zwang sein. Sie sind Sklaven.

Diejenigen, die mit einem Burkaverbot unbedingt Frauen befreien wollen, haben meist nicht viel dafür übrig, den von Zwang betroffenen Frauen wirklich zu helfen, sie tatsächlich zu befreien. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie tatsächlich glauben, nur mit einem Burkaverbot seien diese Frauen gerettet und würden nun auf den Straßen tanzen und ihren Befreiern überglücklich um die Arme fallen. So unfassbar dumm kann eigentlich niemand sein. Niemand kann ernsthaft glauben, es helfe auch nur einer Frau, wenn man ein Burkaverbot erlässt. Niemand kann glauben, es sei nicht einmal nötig, diese Frauen anzuhören, sondern man könne sie entmündigen, für sie beschließen, was das Beste für sie sei - und sie dann allein lassen.

Frauen, die zur Verschleierung gezwungen werden, haben weit größere Probleme, als dass sie den Nikab tragen müssen. Aber ihnen wirklich zu helfen, würde bedeuten, Zeit und Geld und Manpower zu investieren, zuzuhören, sich Zeit zu lassen, sich selbst zu investieren. Zu fragen, welche Hilfe denn tatsächlich benötigt und erwünscht ist. Aber wenn wir uns Zeit nehmen, dann eigentlich nur, um die Frauen zu belehren, wie sie den Islam zu verstehen haben. Das tun wir im Westen nämlich am liebsten: Muslimen den Islam erklären. Natürlich vor allem den Männern, Frauen deutlich seltener.

Eine Frau, die zur Verschleierung gezwungen wird, hat vom Burkaverbot keinerlei Vorteil. Es stellt für sie keine Befreiung, keine Hilfe, keine Rettung dar.

Ein Burkaverbot hindert jedoch Frauen, die sich freiwillig verschleiern, daran, ihre Religionsfreiheit und ihr Selbstbestimmungsrecht auszuüben. Aber denen glauben wir meist ja ohnehin nicht, dass sie es freiwillig, selbstbestimmt tun. Wir erklären sie oft für unmündig, verrückt, halten sie für fanatisch, extremistisch, fundamentalistisch.

Ein Burkaverbot nützt eigentlich nur uns: Wir sehen dann, so jedenfalls unsere Hoffnung, keinen Nikab mehr. Wir müssen diesen Anblick nicht mehr ertragen.

Es wäre ehrlich, wir würden zugeben, dass es uns eigentlich nur darum geht - und das ganze Gerede von wegen „Frauen aus dem Stoffkäfig befreien“ nur ein Vorwand ist, der uns so aussehen lässt, als seien wir Retter, Helden, die nur am Wohl der armen Frauen interessiert sind. Wollten wir den Frauen wirklich helfen, würden wir uns Gedanken machen, wie wir das tun können, welche Mittel legitim, geeignet, erforderlich und angemessen sind. Wir würden die Frauen nicht als homogene Masse wahrnehmen, sondern als sehr unterschiedliche Frauen. Wir würden mit ihnen reden, nicht nur über sie. Wir würden sie besuchen und sie zu uns einladen, wir würden mit ihnen Zeit verbringen, wir würden sie kennenlernen, wir würden Freundschaften schließen. Wir würden mit ihnen lachen, mit ihnen weinen. Wir würden wissen, welche unserer Bemerkungen sie verletzt, welche sie aufbaut. Wir würden Konvivenz üben: einander helfen, voneinander lernen, miteinander feiern.

Wir aber, wir würdigen sie herab - sprechen von Schleiereulen, Müllsäcken, Stoffkäfigen, Opfern. Wir reduzieren sie entweder auf eine Opferrolle - oder stellen sie unter einen Generalverdacht, werfen ihnen vor, ihr Gesicht nur zu verschleiern, weil sie etwas zu verbergen haben. Wir glauben, wir wüssten immer besser als sie selbst, was gut für sie ist. Wir kennen den Islam besser als sie. Wir begegnen ihnen von oben herab, wenn wir ihnen in einem Akt unverdienter Gnade die Hand zur Hilfe anbieten - und empört sind, wenn sie gar nicht befreit werden wollen, ihre Notlage gar nicht einsehen wollen.

Oft denke ich, ein Burkaverbotsverbot würde allen muslimischen Frauen wirklich helfen. Wenn der Westen endlich vom hohen Ross hinabstiege und den Frauen auf Augenhöhe begegnen würde. Wenn wir den Frauen nicht vorschreiben, wie sie sich als Frauen wohl zu fühlen haben, wenn wir ihnen nicht immer wieder deutlich machen würden, wir wüssten besser als sie, was gut für sie ist. Wenn wir ihnen nicht immer wieder zeigen würden, dass wir sie für bestenfalls halbzivilisiert, nicht integriert, nicht fähig zur Teilhabe an der Gesellschaft halten.

Wir sollten einer Frau erst dann helfen, die Burka loszuwerden, wenn sie uns ausdrücklich darum bittet. Alles andere entmündigt sie - und das ist schlimmer als jede Burka.