Ich weiß nicht, ob sich Befürworter eines Niqāb-Verbotes für den gesamten öffentlichen Raum darüber Gedanken machen, was eigentlich geschieht, wenn ein solches Verbot in Kraft tritt. Ich denke, sie tun es eher nicht.

Sie können freilich nicht annehmen, die Frauen würden dann plötzlich alle miteinander ihren Niqāb ablegen, Männer, die ihre Frauen zur Verschleierung zwingen, würden ihnen plötzlich erlauben, sich ohne Niqāb in der Öffentlichkeit zu bewegen.

Nehmen wir einmal an, es gibt tatsächlich Männer, die ihre Frauen zwingen, Niqāb zu tragen (vermutlich gibt es mehr Väter und Ehemänner, die ihre Töchter und Frauen daran hindern, Niqāb zu tragen). Sie würden sicherlich nicht auf die Idee kommen, ihre Frauen nun ohne Niqāb aus dem Haus zu lassen. Diese Frauen würden mehr oder weniger rund um die Uhr in ihren Wohnungen eingesperrt werden.

Die von manchen Politikern wie vom baden-württembergischen CDU-Wolf geforderte Strafe für Männer, die ihre Frauen zur Verschleierung zwingen, wäre hierbei natürlich auch witzlos - um nicht zu sagen: Populistisch.

Die meisten Frauen, die Niqāb tragen, tun dies freiwillig, und wir können sie in zwei Gruppen einteilen: Die Niqāb-ist-Sunna-Fraktion und die Niqāb-ist-Farḍ-Fraktion, also „kann” und „muss”.

Für die Sunna-Fraktion ist der Niqāb eine gemäß Sunna empfehlenswerte Handlung. Sie zu befolgen bringt eine jenseitige Belohnung mit sich, doch beim Unterlassen droht keine Bestrafung. Eine solche Niqābi würde also möglicherweise ihren Niqāb ablegen - zwar nicht glücklich darüber sein, aber zumindest muss sie nicht fürchten, gegen eine Pflicht zu verstoßen.

Denkbar ist auch, dass sie aus Trotz „jetzt erst recht” zum Niqāb greift: „Mein Niqāb, mein Glaube, meine Freiheit, mein Recht!” Für sie würde der Niqāb zu einem Ausdrucksmittel des Protests gegen eine Gesellschaft, die Muslimen vorschreiben will, wie sie ihren Glauben zu leben haben, die muslimischen Frauen vorschreiben will, wie sie sich zu kleiden haben, wie viel Haut sie zu zeigen haben.

Für die Farḍ-Fraktion hingegen ist der Niqāb nicht nur eine gemäß Sunna empfehlenswerte Handlung. Wenn eine Muslima Fitna fürchtet oder aber begehrende Blicke von fremden Männern, dann ist sie nach allen vier traditionellen Rechtsschulen des sunnitischen Islam verpflichtet, Niqāb zu tragen. Ebenso ist der Niqāb in der Salafiyya und im Prinzip auch in der hanbalitischen Rechtsschule des sunnitischen Islam Farḍ. Eine solche Niqābi würde also ihren Niqāb nicht ablegen - es wäre für sie ebenso verboten wie der Genuß von Alkohol oder Schweinefleisch.

Für sie bleiben also nur zwei Möglichkeiten - entweder beugt sie sich dem Verbot und beschränkt sich zukünftig auf ihre Wohnung bzw, auf das Haus, in dem sie lebt. Allenfalls lässt sie sich von ihrem Ehemann oder einem Mahram im Auto in die Moschee, zu Verwandten oder zu einer Freundin kutschieren, mit Niqāb und verdeckten Augen und mit Handschuhen verschleiert im mit abgedunkelten Scheiben geschützten Fond des Wagens sitzend. Oder aber sie verstößt bewusst gegen das Verbot und riskiert Strafen.

Die oft als Argument für ein Burkaverbot angeführte Kommunikation („die Stimme macht nur 30 % der Kommunikation aus, der Niqāb verdeckt 70 % der Kommunikation und ist damit der Tod der sozialen Kommunikation”) wird freilich nicht besser, wenn die Frauen ihre Wohnungen nicht mehr verlassen. Von den angeblich „30 %” (tatsächlich verdeckt der Niqāb ebenso viel von der nonverbalen Kommunikation wie die auf den Bereich der Augen konzentrierte Mimik einer Person aus dem ostasiatischen Kulturkreis für ein Gegenüber aus dem europäischen Kulturkreis) fällt sie auf ganz genau Null.

Will man die Kommunikation also verbessern, wäre ein Burkaverbot nur der erste Schritt. In einem zweiten Schritt müsste man die Frauen dann auch zwingen, ihre Wohnung zu verlassen, zu kommunizieren.

Die Zahl der Niqābi in der Öffentlichkeit nimmt möglicherweise ab, aber sie werden nicht verschwinden, wenn die Staatsmacht sie nicht konsequent einsammelt und gleich in Gefängnisse einliefert und dort oder angekettet im eigenen Haus verrotten lässt oder gleich den Schießbefehl erteilt. 

Für die Polizisten entsteht das Problem, wie sie das Verbot umsetzen sollen, zumal sie immer wieder die gleichen Frauen antreffen, kontrollieren und mit Strafen belegen werden.

Zugleich wird natürlich die Gewalt sowohl gegen jene Niqābi, die sich trotz Verbots in der Öffentlichkeit bewegen, als auch gegen jene Frauen, die Hidschāb tragen (vor allem die größeren Varianten wie Khimar, Çarşaf oder Čádor) zunehmen.

Die Erfahrungen aus Frankreich und Belgien haben deutlich gezeigt, dass ein Niqāb-Verbot zum einen die Niqābi nicht verschwinden lässt, zum anderen fremdenfeindliche Gewalt gegen Hidschāb-Trägerinnen verstärkt.

Gewonnen haben dann die Rechtspopulisten, Ausländerfeinde, Islamhasser. Sie haben das von ihnen gewünschte Verbot - und fordern nun ein härteres Vorgehen gegen die verbliebenen Niqābi (mitsamt der Empfehlung, von Schusswaffen Gebrauch zu machen) und Verbote von Hidschāb, Khimar, Çarşaf und Čádor.

Politiker wie Julia Klöckner, Jens Spahn, Guido Wolf, Ismail Tipi und viele andere werden sicherlich spätestens im Wahlkampf manche dieser Forderungen aufnehmen und nun fordern, dass muslimische Frauen allenfalls kleine, schicke Kopftücher tragen sollen (natürlich nicht an Schulen, auf Behörden usw.), die selbstverständlich die Schultern nicht bedecken, am Besten im Kragen des (kurzen) Mantels verschwinden, keinesfalls aber größere Tücher. Männer, die ihre Frauen angeblich zu größeren Tüchern oder zu langen Gewändern zwingen, drohen sie mit Strafen. „Pegida” wird laut nach Kopftuchverboten in der Öffentlichkeit verlangen. Die Zahl der Übergriffe auf Kopftuchträgerinnen nimmt noch einmal zu.

Der Debatte um die „Burka” war ein Überdruckventil für mehr oder weniger latente Fremden- und Islamfeindlichkeit. Ohne dieses Überdruckventil sucht sich dieser Hass nun eben einen anderen Kanal.

Habe ich noch etwas vergessen?

Ach ja: Wir haben es dann geschafft, zwischen 3.000 und 6.500 Frauen unglücklich zu machen. Außer ein paar Rechten hat sonst niemand etwas davon - nicht einmal die CDU ein paar Stimmen aus dem rechten Lager, auf die der eine oder andere Wahlkämpfer sicherlich gehofft hat.

Die Öffentlichkeit ist freilich auch nicht sicherer als vorher. Terroranschläge sind immer noch möglich (und womöglich etwas wahrscheinlicher).

Die Menschen erkennen ihre Nachbarn immer noch nicht besser und wissen eigentlich gar nicht, wer da nebenan wohnt. Vor allem erkennen sie auch ihre Nachbarin nicht, die früher einmal Niqāb getragen hat. Nachdem sie von Rechten in ihrer Wohnung wegen ihres Kopftuches überfallen worden und an den Verletzungen gestorben ist, fällt Nachbarn erst nach drei Monaten auf, dass da etwas nicht stimmt, und man ruft die Polizei, die dann ihre verwesten Überreste findet.

Die Menschen reden auch nicht häufiger miteinander - und schon gar nicht mit den Frauen, die vorher Niqāb getragen haben. Sie reden auch nicht mit ihrer Nachbarin, die - na, Sie wissen schon: Schließlich erst nach drei Monaten gefunden wird.

Die Kinder an den Schulen haben nicht weniger Angst als vorher - und einige haben Angst vor den Frauen mit den großen Tüchern und den weiten Gewändern. Also wird die eine oder andere Schule solche Gewänder auf ihrem Gelände verbieten.

Ja - gerade in den letzten fünf Absätzen oder so habe ich die Folgen eines Niqāb-Verbots zwecks Veranschaulichung etwas überzeichnet dargestellt. Eines ist aber klar: Von einem Verbot hat wirklich niemand etwas. Die großen Verlierer sind die Niqābi - und alle Hidschāb-Trägerinnen. Ein paar Rechte freuen sich freilich einen Wolf und bleiben ansonsten ihrem dumpfen Rechtspopulismus, ihrem Fremdenhass und ihrem Islamhass treu. 

Das Leben der anderen, die jetzt ein Verbot befürworten, wird durch ein Niqāb-Verbot nicht einen Deut besser, angenehmer, sicherer, kommunikativer werden. Sie haben von einem solchen Verbot nichts außer vielleicht einer gewissen Befriedigung, die aber bald nicht mehr so recht trägt. Die Freude an diesem Sieg verfliegt bald. Zumal sich da ja immer noch „Burka-Frauen” herumtreiben, einige mit, andere ohne diesen „Fetzen” vor dem Gesicht - auf jeden Fall mit langen und weiten Gewändern, einfach nicht so, wie es unserer Kultur entspricht.