Eines der häufigsten Argumente gegen den Niqāb und für ein Verbot ist die vermeintliche Verletzung eines Grundprinzips unserer Gesellschaft, der Gleichberechtigung.

Verstößt es denn nicht gegen die Gleichberechtigung, wenn Frauen gezwungen werden, sich zu verschleiern - vor allem, wenn ihre Männer in eher legerer Kleidung, oft mit kurzen Ärmeln, herumlaufen, die völlig verhüllte Frau als „schwarzes bewegliches Objekt” im Schlepptau?

Grundsätzlich ist die Gleichberechtigung eine Pflicht des Staates gegenüber seinen Bürger. Der Staat ist verpflichtet, Frauen und Männern gleiche Rechte einzuräumen.

Gleichberechtigung ist auch beispielsweise im Vertragsrecht verankert. Niemand darf bei einem Vertragsabschluss einer Person aufgrund ihres Geschlechts mehr oder weniger Rechte einräumen. Jede Person, die bei einem Vertragsabschluss wegen ihres Geschlechts diskriminiert wird, darf dagegen rechtlich vorgehen.

Auch von Religionsgemeinschaften erwarten wir Gleichberechtigung. Gerade beim Islam meinen wir oftmals, dass die Gleichberechtigung nicht umgesetzt wird. Wir machen das gerade an der Kleidung fest, weil diese sichtbar ist. Wir machen es am Hidschāb und am Niqāb fest, weil wir in ihnen - freilich stark beeinflusst von unserer eigenen Geschichte, deren Deutung wir auf die Muslime übertragen - ein Symbol für die Unterordnung der Frau unter den Mann, für eine Unterdrückung der Frauen sehen.

Selbst wenn es so wäre, dass Hidschāb und Niqāb für die Unterordnung der Frau unter ihren Mann, für ihre Unterdrückung stehen - so ist doch festzuhalten, dass unsere Sicht auf den Islam als Ganzes nicht bestimmen darf, welche Rechte wir der einzelnen muslimischen Frau zugestehen, dem Individuum mit ihrem ganz persönlichen, unveräußerlichen Recht, ihre Lebensführung nach ihren religiösen Überzeugungen zu gestalten. Auch wenn wir eine Unterdrückung der Frauen selbstverständlich nicht gutheißen, so ist das Recht der Frau auf selbstbestimmte Ausübung ihrer Religion dadurch nicht aufgehoben.

Mit anderen Worten: Eine Frau hat das Recht, sich einem Mann unterzuordnen, sich sogar unterdrücken zu lassen. Wobei festzuhalten ist: Die meisten muslimischen Frauen, die Hidschāb oder Niqāb tragen, sehen darin keine Unterordnung, keine Unterdrückung.

Wir müssen lernen, dass unser Bild von den Fremden oftmals falsch ist. Die Vorstellung der unterdrückten muslimischen Frau ist eine Annahme, die nicht von Fakten untermauert wird. Natürlich gibt es muslimische Frauen, die Unterdrückung erleben, und gerne nehmen wir sie als Zeuginnen der Anklage - und wischen die vielen Stimmen muslimischer Frauen, die etwas anderes sagen, beiseite. Sie seien ja „gehirngewaschen”, indoktriniert, wüssten es nicht anders, nicht besser. Wir halten gerne fest am Bild eines Islam, in dem die Frauen unterdrückt werden, ihren Männern unterworfen sind.

Die Realität ist eine andere. Es gibt unterdrückte Frauen, aber es gibt auch emanzipierte Frauen, feministische Frauen - auch solche mit Hidschāb und Niqāb. Wir sehen Emanzipation nur da, wo eine Frau Hidschāb und Niqāb ablegt - aber damit reduzieren wir die Emanzipation auf die Wirklichkeiten (oder eher Ideale) unserer eigenen postchristlichen Gesellschaft. Das ist nichts anderes als Kulturrassismus. Es gibt auch eine Emanzipation außerhalb unserer Kultur, außerhalb unserer weißen, westlichen Gesellschaft mit ihrem verkrampften Altfeminismus beispielsweise einer Alice Schwarzer. Es gibt auch eine islamische Emanzipation, ja sogar eine Emanzipation innerhalb eines sehr konservativen, traditionellen Islam. Ich folge auf Twitter beispielsweise einer sehr religiösen Muslima, einer sehr klugen und gebildeten Salafi, die mit größter Selbstverständlichkeit ihren Niqāb trägt, die zugleich völlig emanzipiert ist und sich nichts sagen lässt. Sie weiß, welche Rechte und Freiheiten Allah ihr zuordnet und welche Pflichten Allah den Männern im Hinblick auf die Frauen zuordnet. Innerhalb ihres Glaubens ist sie durch und durch emanzipiert.

Aber sie ist eben gläubig - und das stößt vielen postchristlichen, säkularen, ja religionsfeindlichen Feministen böse auf. Für sie vertragen sich Religion und Emanzipation nicht. Für sie ist Überwindung der Unterdrückung der Frauen zugleich Überwindung der Religion, weil diese frauenfeindlich sei, weil gerade der Islam mutmaßlich frauenfeindlich sei.

Viele Muslima leben ihren Glauben sehr selbstbewusst und emanzipiert. Sie sehen keinen Widerspruch zwischen den von ihnen als wahrhaftig empfundenen religiösen Gesetzmäßigkeiten und ihrer Emanzipation. Eine gläubige muslimische Feministin erkennt man daran, dass sie stets sehr genau fragt, was authentische Lehre und was bloß pseudoreligiöse Tradition, Folklore ist. Viele von ihnen wenden sich darum der Salafiyya zu, weil die Salafi sehr genau unterscheiden zwischen dem, was die ersten Muslime tatsächlich gelehrt haben und dem, was später an Traditionen, Bräuchen und auch Ungerechtigkeiten gerade gegenüber Frauen hinzugekommen ist. Unter den Salafi gibt es sehr viele selbstbewusste, emanzipierte Frauen.

Manche westliche Feministen glauben, die Religionsfreiheit müsse da eingeschränkt werden, wo die Gleichberechtigung - mutmaßlich - eingeschränkt würde. Es gehe da mehr um Solidarität als um individuelle Freiheiten. Damit wird die einzelne Frau zum Eigentum der westlichen Emanzipationsbewegung weißer Frauen. Sie verliert ihre Freiheit und hat sich „solidarisch” zu fügen. Gerade muslimische Frauen werden hier entmündigt und ihrer Freiheit beraubt. Diese Frauen werden nicht einmal ernst genommen, sie gelten als „edle Wilde”, die emanzipiert, mit den Segnungen der religionsfreien Zivilisation bereichert werden müssen. Ihr Beharren auf ihrer Religion gilt als Zeichen mangelnder Emanzipation, verschuldet natürlich durch muslimische Männer. Das Verbot von „Kopftuch” oder „Burka” soll die Frauen befreien. Die selbsternannten Helfer dieser Frauen nehmen die gläubigen Muslima nicht ernst, weil sie in ihrem Glauben ein Problem sehen, der den gläubigen Muslima das selbständige Denken erschwert oder verunmöglicht. Also müssen weiße Frauen für sie das Denken und Entscheiden übernehmen und sie vom Joch der mutmaßlich von Männern dominierten Religion befreien. Wie gesagt: Kulturrassismus gegenüber gläubigen Muslimas.

Die gläubigen Muslima sehen für die Emanzipation einen anderen Weg, und der kann durchaus Hidschāb und Niqāb beinhalten. Für sie hat es nichts mit Unterordnung oder Unterdrückung zu tun, wenn sie Hidschāb oder auch Niqāb tragen. Sie tun es nicht, weil es Tradition ist, weil ihre Väter oder Männer es ihnen sagen, weil sie blind religiösen Vorschriften folgen, sondern weil sie selbst den Koran und die Sunna und die Schriften der Rechtsgelehrten studiert haben und es so wollen. Sie fordern von den Männern alle Rechte ein, die der Koran und die Sunna ihnen zugestehen. Sie fordern das Recht ein, ihr Leben an den ersten Frauen der Muslime, vor allem an den Frauen des Propheten Muhammad, auszurichten. Sie fordern das Recht ein, über ihr Leben selbst zu bestimmen.

Wenn übrigens eine vollständig verhüllte Frau neben ihrem leger gekleideten Mann geht - warum eigentlich glauben wir an Unterdrückung? Vielleicht ist sie einfach nur religiöser als ihr Mann. Die muslimischen Frauen werden von uns zu häufig lediglich in Abhängigkeit von ihren Männern gesehen, nur selten nehmen wir sie als eigenständige Personen wahr, die selbst über ihr Leben bestimmen.

Muslimische Frauen, die Hidschāb und Niqāb tragen, können sehr wohl gleichberechtigt sein. Und selbst wenn alle muslimischen Männer dieser Welt von Gleichberechtigung nichts hielten, selbst wenn der Islam eine Religion ohne jede Gleichberechtigung wäre - das schränkt niemals das Recht der Frauen ein, ihr Leben selbstbestimmt zu führen, selbst zu bestimmen, was von ihrem Körper sie in der Öffentlichkeit präsentieren. Die Religionsfreiheit einer Frau ist nicht von der Religion abhängig, der sie angehört, sondern von ihrer eigenen Würde, und die ist unverletzlich. Wir müssen die Frau als Individuum betrachten, nicht auf ihre Zugehörigkeit zu einer Religion reduzieren, die wir zudem für frauenfeindlich halten. Egal wie frauenfeindlich der Islam sein könnte - die muslimische Frau darf niemals auf ihre Zugehörigkeit zu dieser Religion reduziert werden. Nur ihre eigene Religiosität, nur ihre eigenen religiösen Überzeugungen zählen in einem der Freiheit und der Bürgerrechte verpflichteten Staat.

Auch darf eine muslimische Frau solange nicht in ihrer Freiheit beeinträchtigt werden, Hidschāb und Niqāb zu tragen, wie sie selbst andere Menschen gleichberechtigt behandelt, ihnen die Freiheit einräumt, Haupthaar bzw. Gesicht zu verdecken. Es ist ja nicht so, dass eine muslimische Frau hier anderen Menschen Vorschriften macht - und darum dürfen wir ihr auch keine Vorschriften machen.

Es gibt also viele gleichberechtigte, emanzipierte Muslima - auch solche mit Hidschāb und Niqāb. Nur weil ihre Gleichberechtigung uns befremdlich erscheint, haben wir nicht das Recht, ihr einen eigenen Wert und damit das Recht auf Verwirklichung abzusprechen. Unsere kulturelle Form der Gleichberechtigung - gerade auch weil sie zum Kulturrassismus neigt - steht nicht über der von gläubigen muslimischen Frauen angestrebten und verwirklichten Gleichberechtigung.

Es müssen also in unserer Gesellschaft verschiedene Verwirklichungen der Emanzipation nebeneinander existieren. Der Staat kann hier nur Neutralität wahren. Er kann Frauen nicht vorschreiben, auf welche Weise sie emanzipiert zu sein haben. Er muss Diskriminierung aufgrund des Geschlechts verhindern - aber nur dann, wenn eine Frau tatsächlich Diskriminierung erlebt und deswegen Klage führt. Wir können ihr nicht vorschreiben, wann sie sich wegen ihres Geschlechts diskriminiert zu fühlen hat, wir können uns ihr nicht als selbsternannte Anwälte aufdrängen, die ihr zu einer Gleichberechtigung verhelfen, die ihr wesensfremd ist - und sie entmündigen, wenn sie sich nicht diskriminiert fühlt.

Frauen sind gleichberechtigt, wenn sie ihr Leben nach ihren eigenen Wertvorstellungen und nach ihren frei gebildeten religiösen Überzeugungen und nach den daraus resultierenden Gesetzmäßigkeiten gestalten können, ohne von Männern bevormundet oder diskriminiert zu werden. Aber auch auch andere Frauen können die Gleichberechtigung einer Frau einschränken, wenn sie diese Frauen bevormunden.