Befürworter eines Niqāb-Verbotes meinen häufig, der Niqāb verstoße, da das Gesicht bedeckt wird, gegen die Regeln für ein gesellschaftliches Miteinander.

Selbstverständlich gibt es Regeln für das gesellschaftliche Miteinander:

  • Einander ohne Rassismus, Sexismus o.ä. begegnen
  • Einander mit Toleranz (Duldsamkeit) begegnen
  • Einander das Recht auf eine andere Überzeugung zugestehen
  • Einander das Recht zugestehen, andere zu überzeugen und überzeugt zu werden
  • Verzicht auf jede Form der Gewalt
  • Höflichkeit

Keine dieser Regeln wird verletzt, wenn eine der teilhabenden Personen einen Niqāb trägt (zumal gerade da, wo Frauen unter sich sind, die Niqābi ihren Niqāb abnehmen werden).

Einander mit offenem Gesicht zu begegnen meint ursprünglich, dass wir einander in Toleranz und ohne Fremdenfeindlichkeit begegnen, es beschreibt ursprünglich ein Miteinander ohne Rassismus. Wir verschließen uns nicht vor den anderen, vor den Fremden; wir beschränken unser Miteinander nicht auf die vermeintlich eigene Gruppe (definiert nach ethnischer Herkunft, Hautfarbe, Religion usw.). Dieses Wort nun auf ein Gesicht ohne Niqāb zu reduzieren verhöhnt den Kampf gegen den Rassismus und verletzt damit die Regeln für ein gesellschaftliches Miteinander - sogar die meines Erachtens wichtigste Regel, dass wir einander ohne Rassismus, Sexismus o.ä. begegnen.

Die Regeln des gesellschaftlichen Miteinanders verlangen, dass wir auch der Frau mit Niqāb offen und tolerant begegnen und sie zur gesellschaftlichen Teilhabe einladen.

An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass es erst der Niqāb ist, der Frauen, für die der Niqāb aus Furcht vor Fitna Farḍ (Pflicht) ist, die Teilhabe am gesellschaftlichen Miteinander ermöglicht. Das Verbot des Niqāb schließt sie aus der Gesellschaft aus und verbannt sie in ihre Wohnungen. Mit einem Verbot haben wir also nichts gewonnen, nur dass die Gesellschaft schrumpft, weil Frauen aufgrund ihrer religiösen Überzeugung ausgeschlossen werden, oder dass sich Parallelgesellschaften bilden.

Eine selbstbewusste Gesellschaft hält es aus, wenn Frauen im Niqāb am Miteinander teilhaben. Das Problem sind Gesellschaften mit einem schwachen Selbstwertgefühl und diffuser Angst vor allem Fremden, die etwa im Niqāb der gläubigen muslimischen Frau einen Angriff sehen. Leider ist Deutschland zu weiten Teilen eine derartige Gesellschaft, darum auch in weiten Teilen fremdenfeindlich.