Derzeit wird eine Kleidung als besonders schlimm dargestellt - der Niqāb muslimischer Frauen.

Obwohl kein Mensch weiß, ob hierzulande Mädchen oder Frauen gezwungen werden, Niqāb zu tragen und falls ja, wie viele; obwohl kein Mensch weiß, wie und vom wem ein Verbot des Niqāb eigentlich umgesetzt werden soll und obwohl sich kaum jemand fragt, welche Folgen das dann für die muslimischen Frauen hätte - mit Schlagworten wie „Gleichberechtigung”, „Frauenrechte”, „Integration” überbieten sich gerade auch Politiker in Verbotsforderungen.

Wenn Mädchen oder Frauen gezwungen werden, sich zu verschleiern, dann ist das schlimm. Aber da brauchen wir kein besonderes Gesetz - bereits unsere vorhandenen Gesetze stellen Nötigung unter Strafe. Ein besonderes Gesetz gegen Männer, die ihre Frauen zur Verschleierung zwingen, ist blanker Populismus. Und es ist auch ungerecht, weil es keine Bestrafung jener Väter oder Ehemänner vorsieht, die ihre Frauen zu anderer Kleidung zwingen oder sie unter Zwang von bestimmter Kleidung abhalten.

Sicherlich gibt es Mädchen und Frauen, die zur Verschleierung gezwungen werden. In Deutschland, wo etwa ein Drittel der Niqābi zum Islam konvertierte Deutsche sind und ein weiteres Drittel innerhalb des Islam zum Niqāb gewechselt ist, stellt der Zwang zum Niqāb eher eine Ausnahmeerscheinung dar, auch wenn sich viele Deutsche nicht vorstellen können, dass eine Frau den Niqāb freiwillig trägt. Aber ich kann mir beispielsweise auch nicht vorstellen, dass Frauen freiwillig High Heels tragen, sich im Solarium freiwillig verbrutzeln lassen, sich ihre Haare beim Friseur ruinieren lassen, im Winter freiwillig dünne Strumpfhosen unter kurzen Röcken tragen, sich freiwillig Silikon in die Brüste einpflanzen und das Nervengift Botox ins Gesicht spritzen lassen, die sich freiwillig in Sexyness präsentieren - aber offensichtlich gibt es diese freiwillig handelnden Frauen, und der Mann, neben dem sie aufgedonnert einherstelzen, hat sie nicht dazu gezwungen. In Deutschland gibt es sogar Frauen, die freiwillig als Subbies in sadomasochistischen Beziehungen leben, die sich als „Sklavinnen” ihrem „Herrn” ausliefern und dies etwa mit dem „Ring der O” oder einem Sklavinnenhalsband sichtbar machen, die sich filmen und fotografieren lassen und zulassen, dass dies im Internet veröffentlicht wird.

Warum haben wir kein Problem damit, bei Sexyness oder Masochismus (und im Übrigen sogar bei Prostituierten, die meist noch freizügiger und noch unbequemer gekleidet sind) Freiwilligkeit anzunehmen und nicht im Entferntesten an ein Verbot zu denken, aber bei Frauen im Niqāb mutmaßen wir Zwang und wollen sogar ein rigoroses Verbot?

Aber im Titel geht es um wirklich schlimme Kleidung, und das ist etwas ganz anderes.

Es ist die Kleidung, die die meisten von uns Tag ein, Tag aus tragen, die Kleidung, die von ausgebeuteten Menschen oder modernen Sklaven unter menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt wird, bei deren Herstellung die Umwelt vernichtet und Wasser verschwendet wird, bei deren Produktion die Arbeiterinnen mit toxischen Chemikalien vergiftet werden.

Kleidung, deren Näherinnen oft genug sexuell ausgebeutet werden.

Den Preis für unsere billigen Textilien zahlen andere - und sie zahlen einen hohen Preis.

Die Arbeitszeiten der Näherinnen, die für ein Hemd, das ich für 30 Euro kaufe, rund 29 Cent erhalten, sind extrem lang, bis zu 14 Stunden.

Für die Baumwolle unserer Kleidung sterben jedes Jahr 20.000 Menschen.

Überhaupt sind gesundheitliche Schäden in der so genannten Textilkette die Regel, nicht die Ausnahme.

Für Frauen gibt es keinen Mutterschutz, und die Kinder nehmen die gleichen giftigen Chemikalien auf, denen auch ihre Mütter ausgesetzt sind.

Und jedes Jahr sterben moderne Sklaven in der Textilkette etwa in Bangladesch bei Bränden, Hauseinstürzen, Verätzungen, Unfällen oder weil keine Erste Hilfe erreichbar ist.

Warum eigentlich verbieten wir nicht diese Kleidung und lassen nur noch fair produzierte Kleidung in den Handel gelangen? Warum setzen wir uns nicht einmal mit allem Nachdruck und aller Entschiedenheit dafür ein, um die Arbeitsbedingungen in der Textilkette zu verbessern? Schon für 1,60 Euro mehr, die eine Näherin pro Kleidungsstück erhalten würde, könnte sie ein menschenwürdiges Leben führen.

Doch in Deutschland ist der Anteil an fair produzierter Kleidung gering. Politiker, die zwar teure, aber nicht fair produzierte Kleidung tragen, regen sich über Niqāb tragende Frauen auf und fordern Verbote.

Warum stört uns der Niqāb mehr als die von ausgebeuteten Menschen und modernen Sklaven produzierte Kleidung?

Ich war beeindruckt, als ich feststellte, dass ein von Muslimen geführter Online-Shop, der auch Kleidung für konservative Muslima herstellt, einschließlich einer großen Vielfalt an Khimar, Niqāb und Handschuhen, darauf hinweist, dass die Näherinnen in Südostasien fair bezahlt werden. Offenbar hat dieses kleine Unternehmen, dessen Chefin selbst Niqāb und Handschuhe trägt, mehr Verständnis für faire Kleidung als die Mehrheit der Deutschen.

Und was Politiker betrifft - mit Forderungen für Kleidung, die unter menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt wird, kann man keine Wählerstimmen gewinnen.

Mit Forderungen für ein „Burkaverbot” schon.