Eines der häufigeren Argumente gegen die Verschleierung mit dem Niqāb bzw. für ein Verbot liegt darin, dass es ja auch nicht erlaubt sei, nackt herumzulaufen.

Das es nicht erlaubt ist, nackt herumzulaufen, ist zweifellos richtig - allerdings ist das Gegenteil von „komplett verschleiert” auch nicht „völlig nackt”, sondern vielmehr „Sexyness”: Miniröcke (auch bei niedrigen Temperaturen), dünne Strumpfhosen, High Heels, rasierte Beine sind allgegenwärtig, Silikonbrüste, Botox und Schlankheitswahn schon extrem, aber durchaus in der Öffentlichkeit präsent. Der Körper wird möglichst sexy präsentiert, wird als „verfügbar” etikettiert.

Dem gegenüber steht die verschleierte Frau, die sich der öffentlichen Präsentation ihrer Schönheit und auch dem dahinter stehenden Zwang entzieht. Auch das Gesicht, gerade in einer Welt der Sexyness-Karikaturen in Gestalt von allzeit verfügbaren Liebespuppen der natürlich schönste Anblick, wird der öffentlichen Präsentation entzogen. Der Blick wird auf die Augen gelenkt, dem Tor zur inneren Welt, zur Seele, der Heimat der inneren Werte.

Natürlich - das möchte ich in diesem Zusammenhang ergänzen - kann man sagen, dass der Sexyness-Wahn mit seiner verkrampften Präsentation des weiblichen Körpers de facto nichts anderes als Nacktheit ist (knallenge dünne Hosen, die nicht mehr verbergen als es eine Körperbemalung tun würde, mögen hier als Beispiel genügen) - damit wäre der Niqāb dann doch wieder das Gegenteil von Nacktheit. Aber eben einer hierzulande durchaus allgegenwärtigen Nacktheit, die auf Männer nun einmal viel erotischer wirkt als jeder FKK-Strand. 

Wenn gerade junge Mädchen ein solariumbraunes Äußeres, knallenge Hosen, Hot Pants, Miniröcke, aufgepuschte Brüste, grell geschminkte Gesichter und High Heels von heute auf morgen gegen den Niqāb eintauschen, dann hat das auch etwas mit diesem Gegensatz von Sexyness und Niqāb zu tun, von Zurschaustellung des Körpers und seiner Verhüllung. Sexyness ist gerade für Mädchen häufig anstrengend. Und die Jungen sind ihnen dabei alles andere als hilfreich. Die Gefühle dieser Mädchen fahren Achterbahn, die Angst, dass die ausgesendeten Signale falsch verstanden werden, sitzt immer im Nacken. Es ist ein Ausweg, auf Hidschāb oder Niqāb zu wechseln, ist auch ein Zeichen, in unserer Gesellschaft hoffnungslos überfordert zu sein. Das Tuch bietet dem Mädchen Schutz und Sicherheit. Man kann sich vorstellen, was es für ein Mädchen in einer solchen Situation bedeutet, ihm das Tuch wegnehmen zu wollen. Es würde bedeuten, das Mädchen schutzlos zurückzulassen. Im schlimmsten Fall bleibt für ein ängstliches, verunsichertes Mädchen dann nur noch ein letzter Ausweg, das Leichentuch.

Wahrscheinlich - Gedankenwechsel - erklärt sich die ablehnende Haltung der Mehrheitsgesellschaft zum Niqāb zu einem gewissen Teil auch damit, dass sich hier Frauen einem gesellschaftlichen Diktat entziehen. Diese Frauen emanzipieren sich gegenüber einem sexistischen Zwang, dass Frauen sich als allzeit verfügbare Püppchen zu präsentieren haben (und die „Burka” - dieser Hinweis darf in keiner Diskussion zum „Burkaverbot” fehlen - lediglich von Frauen ab 40 oder solchen mit Übergewicht anstelle von Leggings oder Minirock getragen werden sollte). Der Niqāb signalisiert ein deutliches „zum Spielen nicht verfügbar”, macht deutlich, dass man es da nicht mit einem Püppchen zu tun hat. Die Frauen wollen sich dem Körperkult entziehen und auf ihre inneren Werte hinweisen - aber die meisten Männer finden innere Werte (leider) nicht sonderlich sexy. Sie sehen darin eine Zurückweisung ihrer vermeintlich berechtigten Ansprüche und reagieren empört.

Auch Frauen tun sich mit ihren Geschlechtsgenossinnen, die sich so radikal dem gesellschaftlich etablierten Spiel entziehen, häufig schwer. Die spielen unfair! Die verhalten sich unsolidarisch! Feministinnen machen es sich zu leicht, den Niqābi vorzuwerfen, sie hätten sich mit ihrer Verhüllung den Männern unterworfen. Es ist vermutlich der Unzufriedenheit, dem Frust mit dem Scheitern des westlichen Feminismus im Hinblick auf den Sexismus geschuldet.