Ein häufiges Argument gegen den Niqāb ist, dass Kinder Angst vor den „vermummten” Frauen hätten.

Aufgrund zahlreicher Begegnungen meiner Frau, wenn sie Niqāb trägt, mit Kindern weiß ich allerdings, dass diese Behauptung in der Regel unzutreffend ist. Die häufigste Reaktion von Kindern auf den Niqāb meiner Frau ist nicht Angst oder Schrecken, sondern Neugierde.

Die meisten Kinder wollen einfach wissen, warum diese Frau solche Kleidung trägt. Ihre Neugierde kann für meine Frau und oft auch für Eltern anstrengend sein (für die Eltern manchmal auch peinlich), aber sie ist nie von Angst geprägt.

Was ich auch aus meinen Beobachtungen lernen konnte: Kinder, die auf den Anblick einer Frau im Niqāb erschreckt reagieren, haben meist Eltern, die ablehnend auf den Niqāb reagieren. Und Kinder, die nicht oder kaum auf den Niqāb reagieren, haben meist Eltern, die ebenfalls nicht oder kaum auf den Niqāb reagieren. Und Kinder schließlich, die positiv auf den Niqāb reagieren, haben meist Eltern, die ebenfalls positiv auf den Niqāb reagieren.

Meine Frau und ich haben die Erfahrung gemacht, dass Menschen an bestimmten Orten erkennbar negativer und feindseliger auf den Anblick einer Frau im Niqāb reagieren als an anderen (wir staunen immer wieder über die Unterschiede zwischen beispielsweise Karlsruhe und Heidelberg) - und zwar Kinder ebenso wie Jugendliche oder Erwachsene.

Es ist meine aus Erfahrung gewonnene Überzeugung, dass Kinder eine etwaige Angst vor dem Niqāb von ihren Eltern oder anderen Bezugspersonen übernehmen. Sie ist erlernt bzw. anerzogen und damit ein Ergebnis falscher Erziehung.

Eigentlich haben also nicht Kinder Angst vor dem Niqāb, sondern ihre Eltern haben Angst oder stehen dem Niqāb feindselig gegenüber. Das Problem ist weder der vermeintlich schreckenerregende Niqāb noch das Erschrecken der Kinder, sondern die Haltung der Eltern zum Niqāb.

Problematisch ist, wenn die eine oder andere Schule die Angst einiger Kinder zum Anlass nehmen, Frauen im Niqāb den Zutritt zur Schule zu verwehren.

Nicht nur von den Menschenrechten her, sondern vor allem auch pädagogisch halte ich dies für höchst fragwürdig - ich erwarte eigentlich, dass ErzieherInnen und LehrerInnen den Kindern vermitteln, dass es keinerlei Anlass gibt, vor einer Frau im Niqāb Angst zu haben.

Die Angst vor dem Niqāb ist schließlich keine Phobie wie die Angst vor Spinnen oder engen Räumen oder großen Höhen - es handelt sich um eine Angst, die erlernt worden ist. Und eine solche Angst kann auch wieder verlernt werden.

Zugleich weiß ich freilich: Lehrende, die Kindern zu einem toleranten Umgang mit Frauen im Niqāb verhelfen wollen, laufen Gefahr, dafür an den Pranger gestellt und angefeindet zu werden.

Viele Eltern würden darin eine Vorschubleistung für eine Islamisierung der Kinder sehen. Eine Verharmlosung der vermeintlichen Gefahr, die von Islam (oder zumindest vom „Islamismus” oder dem Schreckgespenst des „Salafismus”) ausgeht. 

Man stelle sich einmal vor, die Kinder dürften einen Niqāb in die Hand nehmen, vielleicht sogar anlegen, ihn also selbst berühren, erfahren, kennenlernen...

Ich kann mir vorstellen, dass kein Pädagoge wild darauf ist, die wütenden Reaktionen bestimmter Eltern und entsprechender Kreise abzubekommen. Ein „Burkaverbot” ist der viel einfachere Weg, auf dem keine Anfeindungen lauern. Und wenn doch - der Verweis auf die vermeintliche Angst der Kinder ist ein jede Diskussion abtötendes Argument. Wer will schon, dass Kinder vor etwas Angst haben?

Ich halte diesen Weg selbstverständlich dennoch für einen völlig falschen Weg - Kinder müssen lernen, dass Frauen im Niqāb keine Gefahr darstellen, dass jegliche Angst vor ihnen völlig unbegründet ist.

Wenn Hänschen seine Angst vor der Frau im Niqāb nicht ablegen kann, wird dies Hans auch nicht gelingen. Hans wird eher eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit entwickeln.