Hierzulande nehmen viele Nichtmuslime an, der Hidschāb (und ebenso der Niqāb) seien Zeichen der Unterordnung der Frauen unter ihre Männer, Symbole der Unterdrückung.

Im Islam allerdings werden Hidschāb (und ebenso der Niqāb) nicht so gesehen.

Tatsächlich spielt uns hier unsere eigene christliche Geschichte einen Streich.

Die einzige Bibelstelle im Neuen Testament, die sich ausdrücklich mit dem Kopftuch bzw. Schleier der Frau befasst, hat nämlich scheinbar auch die Unterordnung der Frau unter den Mann zum Thema und erhebt das Kopftuch zum Zeichen dieser Unterordnung:

„Ich will aber, dass ihr auch Folgendes wisst: Jeder Mann untersteht Christus, die Frau [untersteht] dem Mann, und Christus untersteht Gott.

Ein Mann entehrt Christus, wenn er im Gottesdienst öffentlich betet oder im Auftrag Gottes prophetisch redet und dabei eine Kopfbedeckung trägt.

Trägt dagegen eine Frau keine Kopfbedeckung, wenn sie im Gottesdienst betet oder im Auftrag Gottes prophetisch redet, dann entehrt sie sich selbst. Das wäre genauso, als wenn sie kahl geschoren herumliefe. Will eine Frau ihren Kopf nicht bedecken, kann sie sich auch gleich die Haare abschneiden lassen. Aber weil es jede Frau entehrt, wenn ihr das Haar kurz geschnitten oder der Kopf kahl geschoren ist, soll sie ihren Kopf bedecken.

Ein Mann aber soll im Gottesdienst keine Kopfbedeckung tragen, denn er ist nach Gottes Bild und zu seiner Ehre geschaffen, die Frau dagegen zur Ehre des Mannes.

Denn Adam, der erste Mensch, wurde nicht aus einer Frau erschaffen, aber Eva, die erste Frau, wurde aus dem Mann erschaffen. Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau [wurde] für den Mann [geschaffen].

Deshalb soll sie im Gottesdienst eine Kopfbedeckung tragen als Zeichen dafür, dass sie dem Mann untersteht.

Auch wegen der Engel, die über Gottes Ordnungen wachen, sollte sie dies tun.

Vor dem Herrn sind jedoch Mann und Frau gleichermaßen füreinander da. Denn obwohl Eva aus Adam geschaffen wurde, so werden doch alle Männer von Frauen geboren. Beide aber, Mann und Frau, sind Geschöpfe Gottes.

Urteilt doch selbst: Gehört es sich für eine Frau, ohne Kopfbedeckung öffentlich zu beten? Lehrt euch nicht schon die Natur, dass lange Haare für den Mann eine Schande sind, aber eine Ehre für die Frau?

Das lange Haar ist ihr als Schleier gegeben.

Doch wer es darüber zum Streit kommen lassen will, dem möchte ich nur sagen: Wir kennen die Sitte nicht, dass Frauen ohne Kopfbedeckung am Gottesdienst teilnehmen, und die anderen Gemeinden Gottes auch nicht.”

(1. Korinther 11,3-16 zitiert nach „Hoffnung für alle”, © 1983, 1996, 2002 by Biblica Inc.TM;  Hervorhebungen und Texte in eckigen Klammern durch den Verfasser hinzugefügt)

Diese Worte und die damit verbundene Auslegung während 2.000 Jahren Kirchengeschichte, die man nur als frauenfeindlich bezeichnen kann, erklären sicherlich die zum Teil heftige Abneigung vieler Nordeuropäer gegen Kopftuch und Schleier.

Nun bin ich als Theologe der Überzeugung, dass die Worte des Paulus in dieser höchst schwierigen Bibelstelle in Geschichte und Gegenwart meist falsch verstanden worden sind und keine Abwertung der Frauen rechtfertigen - aber das ändert nichts an der Tatsache, dass wir aufgrund dieses Textes und wegen einer wörtlichen Auslegung hier und heute Kopftuch und Schleier als Zeichen von Unterordnung und fehlender Gleichberechtigung entschieden ablehnen.

(Auch der Brautschleier, der im vierten Jahrhundert entstanden ist, prägt unsere Deutung des Schleiers. Ursprünglich rot, sollte er den Platz der Frau am Herdfeuer symbolisieren. Dieser Schleier weist der Frau einen nicht gleichberechtigten Platz zu - Kinder, Küche, Kirche.)

Dabei übertragen wir unser christlich tradiertes Verständnis von Kopftuch und Schleier und unsere daraus resultierende Ablehnung dieser Kleidungsstücke auf den Hidschāb und den Niqāb muslimischer Frauen. Wir glauben, dass Hidschāb und Niqāb im Islam ebenso Unterordnung bedeuten müsse, ebenso eine Abwertung der Frau bedeute.

Allerdings werden wir mit dieser Übertragung dem Hidschāb und Niqāb muslimischer Frauen nicht gerecht. Nirgendwo im Koran oder in der Sunna finden sich Hinweise, dass Hidschāb und Niqāb Zeichen der Unterordnung seien oder eine Abwertung der Frauen gegenüber dem Mann beinhalteten.

Hilft es, wenn ich darauf verweise, dass Paulus gar nicht an das alltäglich getragene Kopftuch denkt und darüber schreibt, sondern über das Verhalten von Männern und Frauen, während sie im Gottesdienst eine leitende Funktion übernehmen? Hilft es, wenn ich darauf verweise, dass Paulus hier sehr wahrscheinlich römische Sitten in die Gottesdienste der christlichen Gemeinde in der römischen Kolonie Korinth übernimmt, damit die Christen nicht unter einen falschen Verdacht geraten, die gesellschaftliche Ordnung umstürzen zu wollen?

Diese Bibelstelle, die unseren Blick auf Kopftuch und Schleier entschieden geprägt und in eine ablehnende Haltung geführt hat, galt einer ganz bestimmten Situation in einer Stadt - und darf nicht verallgemeinert oder gar auf eine andere Situation übertragen werden.

Die Übertragung vom Schleier in christlichen Gottesdiensten in Korinth auf den Hidschāb und den Niqāb muslimischer Frauen ist schlicht nicht zulässig.

Als die ersten Frauen der Muslime im siebten Jahrhundert ihren Ǧilbāb über ihr Gesicht zogen und so den Vorläufer des heutigen Niqāb schufen, da taten sie das auf Muhammads Geheiß, um als freie, in ehrbaren Beziehungen lebende Frauen erkannt zu werden. Wenn ein Muslim seiner Sklavin die Freiheit schenkte, dann legte sie als Zeichen dieser gewonnenen Freiheit einen Schleier an (was einer Sklavin ebenso wie einer Prostituierten streng verboten war). Der Schleier der muslimischen Frau war nicht Zeichen ihrer Unterordnung, sondern ihrer Freiheit. 

Muslimische Frauen, die sich heute an den ersten Muslimen, an der Frühzeit des Islam orientieren, die sehen Hidschāb und Niqāb in genau dieser Weise als Zeichen ihrer Freiheit. Frauen, die zum Islam konvertieren, sehen im Schleier ein Zeichen einer neu gewonnenen Freiheit.

Sie können das westliche Verständnis, der Schleier stehe für Unterordnung, Unterdrückung, fehlende Gleichberechtigung und Frauenfeindlichkeit, nicht nachvollziehen, weil dies nicht ihr eigenes Verständnis ist. Sie wollen sich auch kein fremdes Verständnis aufdrängen lassen, sie wollen die Deutungshoheit über ihren Schleier nicht anderen überlassen.

Und es ist auch nicht rechtens, wenn wir westlichen Christen unser in fast 2000 Jahren geprägtes Verständnis den muslimischen Frauen überstülpen. Die muslimischen Frauen haben das Recht, ihr eigene Deutung zu artikulieren, und wir haben die Pflicht, ihnen zuzuhören und ihnen Glauben zu schenken, wenn sie uns von ihrem Verhältnis zu Hidschāb und Niqāb berichten.