Zweifellos ist es wichtig, dass z.B. Polizei und Staatsanwaltschaft, Wahlvorstände usw. Personen durch Abgleich mit dem Lichtbildausweis korrekt identifizieren können. Darum ist es meines Erachtens durchaus legitim, wenn bei berechtigten Feststellungen der Identität durch Abgleich mit einem Lichtbildausweis der Niqāb gelüftet wird. Ich kenne persönliche auch keine Niqāb-Trägerin, die damit Probleme hätte. 

Auch darum hat die Bundesregierung ein Gesetz beschlossen, das unter anderem sicherstellen soll, dass muslimische Frauen zur Feststellung ihrer Identität ihren Niqāb abnehmen. Damit wurde deutlich gemacht: Die korrekte Feststellung der Identität einer Person, gegebenenfalls auch durch Abgleich mit einem Lichtbildasuweis, ist von großer Bedeutung. 

Burka...

Dieses Gesetz betrifft dabei höchstens 6.500 Frauen, die Niqāb befürworten, von denen wiederum ca. 2.200 Frauen den Niqāb derzeit auch tatsächlich tragen - einige nur selten (etwa an Feiertagen, beim Moscheebesuch oder wenn sie sich „aufgehübscht“ haben), andere stets in der Öffentlichkeit. Letztere mögen schätzungsweise bis zu 2.000 Frauen sein. Das wären 0,0038 % aller Frauen oder 0,0019 % aller Menschen in Deutschland. Ein Mensch von 50.000 Menschen. 

Prosopagnosie...

Schauen wir uns eine andere Zahl an, nämlich die der Prosopagnostiker, die ein Gesicht zwar als solches erkennen, aber keiner bestimmten Person zuordnen können, die also kaum bis gar nicht in der Lage sind, eine Person anhand eines Lichtbildausweises zu identifizieren.

Dies betrifft in Deutschland ca. 2 - 3 % der Bevölkerung - und damit wahrscheinlich auch 2 - 3 % derer, die von Staats wegen anhand des Abgleichs mit dem Lichtbildausweis die Identität einer Person feststellen sollen. Diesen 2 - 3 % ist dies aber aufgrund ihrer Prosopagnosie nur eingeschränkt oder gar nicht möglich. Für sie trägt gewissermaßen jeder Mensch eine „Burka“. 

Das Problem ist: Viele Prosopagnostiker wissen gar nicht, dass sie prosopagnostisch sind. Sie halten ihre Unfähigkeit, Menschen anhand ihrer Gesichter erkennen zu können, für eine eher peinliche Macke, die sie von Geburt an zu überspielen versuchen. Sie erkennen Menschen häufig eher an ihren Stimmen, ihrer Körperhaltung, ihren Bewegungen usw., was bei einem Abgleich mit einem Lichtbild natürlich nicht möglich ist. 

Ich kenne das - ich bin selbst Prosopagnostiker und habe diese Diagnose erst vor einigen Jahren erhalten. Vorher habe ich alles getan, um meine „Macke“ vor anderen zu verstecken. Erst als ich meine Diagnose bekommen habe, konnte ich endlich anfangen, mit meiner Prosopagnosie offen und ehrlich umzugehen.

Seitdem weiß ich: Bestimmte Berufe, bei denen es darauf ankommt, andere Menschen zuverlässig anhand ihres Gesichts zu erkennen, kann ich nicht ausüben - so auch nicht meinen erlernten Beruf, den des Altenpflegers. Ich muss ja etwa bei der Medikamentenausgabe wissen, wen ich vor mir habe.

Mit meiner Prosopagnosie wäre ich natürlich auch nicht in der Lage, als Polizist oder Staatsanwalt oder im Wahlausschuss oder wo sonst eine Person anhand eines Abgleichs des Gesichts mit einem Lichtbildausweises zuverlässig zu identifizieren. 

Und so wie mir geht es rund 2 - 3 % aller Leute, die diese Aufgabe wahrnehmen müssen. Und so werden auch schätzungsweise 2 - 3 % aller Identifizierungen anhand eines Lichtbildausweises durch die Prosopagnosie des Prüfenden nicht korrekt ausgeführt. 

Mit einer Prosopagnosie ist man für solche Aufgaben schlicht und einfach ungeeignet. 

Es stellt sich die Frage, warum man wegen der Feststellung der Identität durch den Abgleich mit dem Lichtbildausweis zwar ein „bereichsspezifisches Verbot der Verhüllung des Gesichts“ erlässt, das gerade einmal 0,0019 % aller Menschen in Deutschland betrifft, es aber hinnimmt, dass 2 - 3 % der Feststellungen aufgrund der Prosopagnosie des Prüfenden nicht korrekt verlaufen. Das dürften jeden Tag Tausende Feststellungen der Identität durch Abgleich mit einem Lichtbildausweis sein - es kommt also sehr wahrscheinlich jeden Tag häufiger vor, als es Niqāb-Trägerinnen in Deutschland gibt. 

Neben dem Burkaverbot, das die Durchführung einer sicheren Feststellung der Identität ermöglichen soll, müsste es auch ein Gesetz geben, dass dies auch für diejenigen sicherstellt, die Personen identifizieren sollen, etwa durch einen Test auf Prosopagnosie (der ca. eine Stunde dauert). 

Kommen wir noch einmal zurück zum Abnehmen des Niqāb zur Feststellung des Identität. Meines Erachtens sollte das nur da erfolgen, wo eine solche Maßnahme angezeigt ist und wo dies auch bei nicht verschleierten Personen durch Abgleich mit einem Lichtbildausweis erfolgt. Ansonsten läge eine Diskriminierung vor.