Gerade als „Weiße” nehmen wir Europäer häufig an, dass unsere Betrachtung des Gesichts die normale, überall auf der Welt gültige Betrachtungsweise darstellt. Und dass man mit unserem Verständnis vom Gesicht allumfassend erklären kann, warum muslimische Frauen ihr Gesicht mit einem Nikab bedecken. Wir deuten die Verschleierung des Gesichts der Muslimin von unserem Standpunkt aus, legen unsere kulturellen Maßstäbe zugrunde.

Tatsache ist allerdings, dass das Verständnis vom Gesicht, die ihm zugemessene Bedeutung und auch die Deutung einer Bedeckung des Gesichts in jeder Kultur eine andere ist. Selbst die Mimik ist in jeder Kultur eine andere, Europäer etwa unterscheiden sich im Ausdrücken und auch im Lesen der Mimik ganz erheblich von beispielsweise Chinesen, Koreanern, Japanern, aber auch Subsaharaafrikanern oder Arabern. Die Mimik ist nicht angeboren, sie wird erlernt. Für Ostasiaten haben wir Europäer eine recht merkwürdige Mimik. Und einen sehr merkwürdigen Umgang mit dem Gesicht.

Und auch für Menschen aus dem muslimischen Kulturkreis ist unser Umgang mit dem Gesicht, egal ob bei Frauen oder Männern, eher fremd und merkwürdig.

Unser Fehler besteht darin, dass wir unsere Betrachtungsweise des Gesichts als normativ voraussetzen, gewissermaßen als Teil einer „Leitkultur”. Jede andere Betrachtungsweise des Gesichts verstehen wir als „Kulturbruch”, der sich gegen uns richtet.

Ein weiterer Fehler von uns besteht darin, dass wir nicht verstehen, dass andere Kulturen ihre Betrachtungsweise des Gesichts ebenso als normativ, als für sie kulturell prägend voraussetzen - und auch als „völlig normal”. Wir glauben, andere Kulturen würden es begrüßen, wenn wir ihnen unsere Betrachtungsweise des Gesichts bringen, sie damit auf unsere vermeintlich hohe Stufe der Kultur anheben. Wir tun so, als sei unsere Betrachtungsweise des Gesichts die beste - und die einzige, die ihren Platz im Miteinander der Menschen haben darf. Wir glauben auch, unsere Betrachtungsweise des Gesichts sei die, die gerade Mädchen und Frauen Rettung bringt, ihnen ein „Gesicht schenkt”, das sie stolz herzeigen können. Auch wenn sie das vielleicht noch gar nicht wissen.

Wir wollen aber nicht wahrhaben, dass längst nicht alle Mädchen und Frauen das so sehen. Und dass viele von ihnen sich alles andere als wohl fühlen, wenn sie ein „Puppengesicht” aufsetzen müssen, wie man es in der Werbung, auf Laufstegen, in Hochglanzbroschüren, in Film und Fernsehen usw. sieht, eine Maske, die den Blick auf das natürliche Gesicht filtert, verzerrt. Wenn sie mit einer Maske die jederzeitige Verfügbarkeit einer schönen, jungen lebenden Puppe signalisieren sollen, deren Wert danach bemessen wird, ob ihr Gesicht dieser Anforderung entsprechen kann. Die sich darum die Nase operieren, die Lider straffen und sich Botox spritzen lässt und sich die Poren zukleistert, um dem westlichen auf das Gesicht konzentrierten Schönheitsideal zu entsprechen.

Es ist ja nicht so, als bevorzuge der Westen das natürliche, ungeschminkte Gesicht der Frau. Er bevorzugt einen „Nikab des Westens”. Laut einem Berliner Kosmetikverband schminken sich 70 % der Frauen täglich, im Durchschnitt gibt jede deutsche Frau pro Jahr fast 160 Euro für Make-up aus, und sie brauchen pro Tag 15 bis 30 Minuten, jüngere Frauen sogar bis zu 60 Minuten, um sich zu schminken. Manch eine entscheidet sich da auch gleich für Permanent-Make-up. Und anders als in eher östlichen Kulturen müssen nicht nur die Augen und die Augenbrauen, sondern muss das ganze Gesicht perfekt hergerichtet werden, ganz besonders aber der Mund, die Lippen.

Eine Frau, die ihr Gesicht mit einem Schleier verhüllt, steht im völligen Gegensatz zur im Westen üblichen Kultur, das Gesicht der Frau „aufzuhübschen”. Es ist ein Kulturbruch, ein Bruch mit dem „Nikab des Westens”. Wir können uns nur schwer vorstellen, dass Frauen dazu freiwillig bereit sind. Wie auch, wenn westliche Frauen, nur um ihr Gesicht vorzeigbar zu machen, bereit sind, sich wiederholt unter das Messer zu legen, ein Nervengift spritzen zu lassen. Eine Kultur, die das für normal erachtet, kann sich nicht vorstellen, dass Frauen freiwillig ihr Gesicht mit einem Schleier bedecken.

Der Kampf des Westens gegen den Nikab ist nicht Nikab gegen „Gesicht pur”, es ist Nikab gegen Nikab, „Nikab des Orients” gegen „Nikab des Westens”. Hätten wir Europäer nicht den allgegenwärtigen, normativen „Nikab des Westens”, wäre das Gesicht der westlichen Frau stets in seiner natürlichen, unveränderten Erscheinungsweise, störte uns der Nikab muslimischer Frauen wohl längst nicht so sehr. Es ist nicht der Nikab, der uns stört, es ist der andere Nikab, der fremde Nikab.

Freilich sehen wir den „Nikab des Westens” gar nicht. Für uns ist es selbstverständlich, natürlich, wenn Frauen ihr Gesicht schminken oder sogar operieren lassen, wenn sie sich Botox spritzen lassen. An der gegebenenfalls erschminkten und mit dem Messer und dem Nervengift herbeigeführten Schönheit des Gesichts wird die Frau eingeschätzt, wird ihr „Wert” gemessen. An der Art, wie sie sich schminkt, glauben wir, ihren Charakter einschätzen zu können, ihre Weiblichkeit bewerten zu können.

Gesicht zeigen” bedeutet für eine Frau im Westen, ihr Gesicht so vorteilhaft wie möglich herzuzeigen, der öffentlichen Beurteilung und Bewertung zur Verfügung zu stellen. Der Mund, die Lippen sollen Verfügbarkeit der Frau signalisieren. Es ist weniger wichtig, was eine Frau sagt, sondern wie ihre Lippen sich dazu bewegen. Wir europäischen Männer hängen an ihren Lippen, solange sie uns rot und glänzend und füllig ihre Verfügbarkeit verheißen. Zugleich darf sie dabei nicht wie eine „Schlampe” wirken. Es ist ein schmaler Grat, auf dem die Frau sich bewegen muss.

Wir merken die damit einhergehende Erniedrigung der Frau meist gar nicht, die ihrem Gesicht aufgezwungene Signalisierung als „verfügbar”. Für uns im Westen ist das normal, ist die Maske, der „Nikab des Westens” völlig normal. Nur Frauen, deren Gesicht von Natur aus bemerkenswert schön ist, sehen wir es nach, wenn sie mit Make-up sparen - und keiner können wir es verzeihen, wenn sie ihr Gesicht mit einem Schleier verhüllen. Das darf allenfalls die Braut vor ihrer Hochzeitsnacht, das sollte nach Meinung mancher Männer auch eine Frau ab 40 oder wenn ihr Gesicht auch mit viel Make-up nicht mehr „herzeigbar” ist, der Gesellschaft nicht mehr zugemutet werden kann, wenn sie sich weigert, den Erwartungen der Gesellschaft entsprechend etwas gegen ihre Fältchen zu unternehmen.

Es ist, das möchte ich zum Schluss noch anmerken, tragisch, dass das westliche Schönheitsideal auch auf viele Nichteuropäerinnen abfärbt, dass immer mehr Frauen so aussehen wollen wie die Schönheiten aus Amerika und Europa, die sie im Fernsehen und im Kino sehen, die sie in Hochglanzmagazinen bewundern. Was sie bewundern, ist nicht echt, es sind Masken, es ist der „Nikab des Westens”. Er befreit die Frauen nicht, er gibt ihnen keine Würde, er macht sie zu Puppen.