Gesicht zeigen”, „offene Gesellschaft”, „offene Kommunikation” - das sind einige der Begriffe, die eigentlich eher metaphorisch gemeint sind, aber im Hinblick auf die Gesichtsverschleierung von Befürwortern eines Burkaverbotes gerne wortwörtlich genommen werden, dadurch im Grunde genommen missbraucht werden.

Schauen wir uns einige dieser Begriffe einmal an.

Gesicht zeigen!”

Der Begriff „Gesicht zeigen!” ist ursprünglich die Aufforderung zur Zivilcourage insbesondere gegen Intoleranz, Rassismus und Rechts, gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus, gegen Faschismus und Nationalismus.

Ein Slogan gegen Rechts, der gerade von CDUlern und Personen von noch weiter rechts entführt wurde, um damit die Gesichtsverschleierung muslimischer Frauen zu bekämpfen, die bekanntlich zu den Feindbildern der Rechten gehören. Damit wird jedes Engagement von Bürgern, aktiv gegen Rechts Gesicht zu zeigen, verhöhnt.

Die Entführung dieses Begriffes wendet sich darum nicht nur gegen verschleierte Frauen, sondern auch gegen „Linke” in ihrem Engagement gegen Rechts.

Offene Kommunikation

„Offene Kommunikation” meint ursprünglich eine wertschätzende Kommunikation, die das Gegenüber ernst nimmt. Es werden keine Informationen zurückgehalten, man hat vor dem Gegenüber keine Geheimnisse.

Offene Gesellschaft

Die „offene Gesellschaft” ist eigentlich ein auf Karl Popper zurückgehendes freiheitliches Gesellschaftsmodell. Hier geht es vor allem darum, die von Popper so genannten „kritischen Fähigkeiten des Menschen” freizusetzen. Die „offene Gesellschaft” ist eine freiheitliche Gesellschaft kritischer Bürger. Die „offene Gesellschaft” mischt sich in die Bekenntniswahl und die Religionsausübung der Bürger nicht ein. Soziale Bindungen, Traditionen und überlieferte Sitten spielen für die „offene Gesellschaft” eine untergeordnete Rolle. Eine größere Rolle spielen die Grundrechte; sie bilden das „Sittengesetz” der „offenen Gesellschaft”.

Mit einer „offenen Gesellschaft” ist ein Burkaverbot nicht zu haben - das gehört eher zu einer „geschlossenen Gesellschaft”.

Die „offene Gesellschaft” akzeptiert, dass eine muslimisiche Frau den Gesichtsschleier trägt, solange sie dies aus freien Stücken tut, und sucht nach Möglichkeiten der Integration und der Kommunikation. Sie wird die Verschleierung nur da einschränken, wo dies nach Faktenlage absolut notwendig ist.

Ein postfaktischer Umgang mit der Gesichtsverschleierung, wie wir ihn derzeit häufig erleben, passt nicht zu einer offenen Gesellschaft.

Offenes Visier

Offenes Visier” meint eigentlich Ehrlichkeit in der Kommunikation, dass die Anliegen nicht verdunkelt („verschleiert”) werden, dass keine Informationen zurückgehalten werden, dass nichts schön geredet wird.

Es ist übrigens ein Mythos, dass die Ritter vor dem Kampf das Visier ihres Helmes geöffnet haben, um dem Gegner Respekt zu zollen. Das war kein Ausdruck von Ehre. Es war eine Notwendigkeit.

Das Visier des Helms wies zum Atmen einige sehr kleine Löcher auf und zum Sehen einen kleinen Schlitz - es war gar nicht möglich, das Visier über einen längeren Zeitraum geschlossen zu halten. So blieb das Visier so lange wie möglich geöffnet, um ungehindert atmen und sich einen Überblick verschaffen zu können, und wurde nur kurz vor dem eigentlichen Nahkampf vorübergehend geschlossen. Es musste dann immer wieder geöffnet werden.

Offenes Gesicht

Offenes Gesicht” ist eigentlich ein Begriff aus der Mimik-Forschung; es gibt im Hinblick auf den europäischen Kulturraum in der Mimik ein „offenes” und ein „geschlossenes Gesicht”.

Sie werden mitunter als auch „Grundszenen” der europäischen Mimik beschrieben. Der Europäer ist grundsätzlich in der Lage, sowohl die eine als auch die andere Szene zu mimen, also vorzutäuschen.

Der Europäer zeigt ein „offenes Gesicht”, wenn er seinen Kopf leicht anhebt, die Augen öffnet, die Augenbrauen hochzieht, den Mund leicht öffnet und dabei die Mundwinkel in die Höhe zieht.

Ein „geschlossenes Gesicht” zeigt er hingegen, wenn sein Kopf gesenkt ist, die Augen zusammengekniffen, die Augenbrauen heruntergezogen, der Mund geschlossen und die Mundwinkel nach unten gezogen sind. 

„Gesichtsverlust”

„Gesichtsverlust” meint eigentlich den Verlust von Ansehen oder Respekt, den Verlust der Reputation, eine Schmach.

„Nackt”

Meistens verwenden wir den Begriff „nackt” da, wo sich ein Mensch nackt fühlt. Dabei geht es oftmals gar nicht um um Kleidung, sondern um ein breites Spektrum an Emotionen und Befindlichkeiten, die oftmals eng mit einerseits Schutzlosigkeit und andererseits Scham verknüpft sind.

Nacktheit wird häufig als Bestrafung oder Folter eingesetzt - sowohl tatsächliche Nacktheit als auch die, die sich da als Gefühl einstellt, wenn man seines Schutzes beraubt oder der Schande ausgeliefert wird.

Burkaverbote zielen da, wo sie von Fremdenfeinden gefordert oder durchgesetzt werden, häufig darauf ab, Menschen zu bestrafen - durch gefühlte Nacktheit, damit durch gefühlte Schutzlosigkeit und Scham. Sie wollen damit die Würde des Menschen verletzen.

Erzwungene Nacktheit, auch wenn sie „nur” gefühlt ist, erhöht das Risiko eines Suizides. Wo Menschen zur Nacktheit gezwungen werden, da stirbt etwas in ihnen.

Exhibitionismus

Den Begriff „Exhibitionismus” kennen wir sowohl als Bezeichnung einer Sexualpräferenz (solche Personen erleben es als lustvoll, von anderen, meist fremden Personen nackt oder bei sexuellen Aktivitäten beobachtet zu werden; das Gegenstück ist der sexuelle Voyeurismus) als auch im übertragenen Sinn: Entweder eine übertriebene intime Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit oder Menschen, die sich gerne sexy, knapp bekleidet oder nackt zeigen.

Der Begriff wird aber von einigen Personen auch auf Frauen angewandt, die Hidschāb oder Niqāb tragen und damit ihre Religiosität in der Öffentlichkeit zeigen - wobei meist mit der Unklarheit gespielt wird, welche der Bedeutungen gemeint ist.

Wenn, was häufig der Fall ist, vom „verbotenen Exhibitionismus” o.ä. die Rede ist, ist natürlich die Sexualpräferenz gemeint, die im deutschen Strafrecht einen Straftatbestand darstellt (gerade vor Kindern oder Minderjährigen).

Damit wird auf eine angebliche psychosexuelle Störung derjenigen Frauen angespielt, die sich verschleiern - und dies angeblich nur tun, weil ihnen das verschleierte Auftreten vor anderen, fremden Personen auf eine perverse Art Befriedigung verschafft, womit sie die Religion missbrauchen würden und ein Verbot gerechtfertigt wäre.