„Wir müssen etwas Wichtiges miteinander bereden. Ich rufe Dich an, dann reden wir miteinander.” Eine typische Szene nach dem sonntäglichen Gottesdienst in einer freikirchlichen Gemeinde, deren Mitglieder nicht alle am Ort wohnen und die nach 90 Minuten Gottesdienst schnell nach Hause wollen. Wichtige Dinge werden dann oft am Telefon beredet.

Man kann also offenbar auch wichtige Dinge miteinander berede, ohne dass man sich „von Angesicht zu Angesicht” begegnet.

Als Prosopagnostiker bin ich kein Fachmann für die Mimik anderer Menschen. Ich bin blind für sie und kann mich auch besser konzentrieren, wenn ich beim Gespräch meinem Gegenüber nicht ins Gesicht oder gar in die Augen sehe. Am besten kann ich mich konzentrieren, wenn ich beim Reden die Augen schließe und alle visuellen Reize ausblende. Wie gesagt - Fachmann bin ich nicht, wenn es um Kommunikation und Mimik geht. Ich habe mühsam gelernt, die Erwartungen anderer an einen Blickkontakt halbwegs zu erfüllen. Man darf dem Gegenüber ja auch nicht unablässig in die Augen starren oder ihn nur dauernd angucken. Offenbar schaut man kurz hin und dann wieder weg. So jedenfalls nehme ich es wahr, wie nicht „gesichtsblinde” Menschen miteinander kommunizieren.

Als Prosopagnostiker bin ich andererseits ein Beweis für die These, dass man auch ohne den Blick in das Gesicht des Gegenübers miteinander kommunizieren kann. Denn ich kann ja mit anderen Menschen kommunizieren. Auch da, wo es um wichtige Dinge geht. Und nicht nur wir Prosopagnostiker können das, sondern auch Blinde. Natürlich haben wir einen Vorteil - unsere anderen Wahrnehmungssinne sind geschärft und vermitteln uns Informationen, die den „Normalsterblichen” entgehen. Ich höre beispielsweise zwischen die Worte, ich achte auf die die Körperhaltung, auf die Gestik.

Als Einschränkung empfinde ich meine „Gesichtsblindheit” immer da, wo ich mit mir sehr nahestehenden Personen kommuniziere. Die Mimik fehlt mir also nicht je nachdem, wie wichtig ein Gespräch ist, sondern mit wem ich es führe. Die Mimik im Gesicht meiner Frau würde ich gerne sehen können. Ich würde sie gerne anschauen können, wenn ich mir ihr rede. Dies ist der eine Punkt, wo ich die „Gesichtsblindheit” als störend empfinde. Der Moment, wo es nicht um Informationen geht, sondern um Beziehung. Um Teilhabe.

Das sind nicht die Gespräche, die man in der Öffentlichkeit führt. Diese Gespräche führt man im privaten Bereich. Zwischen Mann und Frau, zwischen Eltern und Kindern. Die Mimik gehört zum Wortschatz der Liebenden, zur Gesprächskultur der Familien. Da ist sie unerlässlich.

Ansonsten haben wir kein Problem damit, auch ganz wichtige Themen am Telefon zu bereden. Erst wenn unser Gegenüber einen Niqāb trägt, wollen wir plötzlich das Gesicht unseres Gegenübers sehen, wollen wir Blickkontakt herstellen. Dann vergessen wir plötzlich, dass wir normalerweise auch wichtige Themen ganz selbstverständlich am Telefon bereden.

Die meisten Gespräche, die wir führen, benötigen keinen Blick in das Gesicht des Gegenübers, keinen Blickkontakt. Tatsächlich können wir anhand der Mimik unseres Gegenübers ja auch nur mit 50 prozentiger Wahrscheinlichkeit feststellen, ob das Gesagte der Wahrheit entspricht. Ebenso gut könnten wir eine Münze werfen. Die Mimik eines Menschen zuverlässig zu deuten setzt Vertrautheit voraus, eine gewisse Intimität. Wir müssen den anderen kennen, um seine Mimik deuten zu können.

Ohne diese Vertrautheit bleibt nur eine sehr oberflächliche Deutung. Wohl am Häufigsten werden wir mit dem Lächeln konfrontiert. Falsches Lächeln enttarnen wir dabei meist nicht, sondern fallen fast immer darauf herein. Trägt eine Frau einen Niqāb, gelingt ihr das falsche Lächeln allerdings nicht. Wir können zwar die Muskeln kontrollieren, die den Mund zum Lächeln bringen, nicht aber diejenigen Muskeln, die dann auch die Augen zum Lächeln bewegen. Unter dem Niqāb bleibt also das falsche Lächeln unsichtbar - nicht aber das echte Lächeln der Augen. Auch vorgetäuschte Wut oder Trauer bleiben uns unter dem Niqāb verborgen - wir sehen nicht, dass das Kinn vorgestreckt wird, und vorgetäuschte Wut oder Trauer erreichen nicht die Augen. Auch hier sehen wir nur echte Wut, echte Trauer. Der Niqāb macht also aus Menschen schlechte Lügner.

Außerdem verhindert der Niqāb, dass wir unser Gegenüber nach der äußeren Erscheinung beurteilen. Sowohl Männer als auch Frauen neigen dazu, vor allem Frauen nach der äußeren Erscheinung zu beurteilen. Der Niqāb macht diese Beurteilung weitgehend unmöglich - abgesehen freilich davon, dass wir den Schleier selbst beurteilen, dass wir aufgrund von wertenden Klischees und Stereotypen urteilen.

Aber der Niqāb schenkt grundsätzlich die Möglichkeit, mehr auf das das zu achten, was unser Gegenüber sagt, als auf die äußere Erscheinung. Und weil gerade Frauen mehr nach dem beurteilt werden, wie sie aussehen (und wenig bekleidete Frauen in unserem Gehirn als Objekte klassifiziert und darum nicht wirklich ernst genommen werden), bietet der Niqāb einen gewissen Vorteil.

Natürlich sollte es so sein, dass wir gar nicht nach dem Aussehen, nach der äußeren Erscheinung urteilen. Vor allem sollten wir Frauen nicht so beurteilen und behandeln. Es scheint aber durch die Evolution des Menschen in uns angelegt zu sein. Wir haben nur einen gewissen Einfluss auf dieses Verhalten.

Wenn ich die aktuellen Forschungsergebnisse richtig interpretiere, dann können wir die Glaubwürdigkeit der Aussage einer Person am besten beurteilen, wenn sie einen Niqāb trägt, der allerdings die Augen unbedeckt lässt. Sind die Augen bedeckt oder befindet sich die Person hinter einem Sichtschutz (auch wenn man die Silhouette erkennen kann), sinkt die Trefferquote wieder auf jene 50 %, die wir auch erreichen, wenn wir der Person ins Gesicht sehen können. 

Auch wenn wir die Augen unseres Gegenübers nicht sehen können (wenn diese etwa durch eine dunkle oder verspiegelte Sonnenbrille bedeckt sind) reduzieren die Wahrscheinlichkeit, dass wir die Glaubwürdigkeit einer Aussage der betreffenden Person richtig einschätzen, wieder auf das reine Zufallsniveau.

Allerdings erreichen nur (Gerichts-) Psychologen gute Trefferquoten, wenn sie die Glaubwürdigkeit beurteilen sollen - sie allerdings verlassen sich vor allem auf den Inhalt des Gesagten. Sie lassen sich etwa ein Geschehen in chronologisch umgekehrter Reihenfolge erzählen - einem Lügner gelingt das nicht. Sie achten auf die Körpersprache - der Lügner etwa wird versuchen, zwischen sich und seinem Gegenüber eine Barriere zu errichten. Aber er achtet etwa nicht darauf, wohin die Augen seines Gegenübers schauen - es ist nur ein Mythos, dass man daran zuverlässig Wahrheit und Lüge unterscheiden könne. Ebenso gut könne man danach schauen, ob jemandes Nase wächst, um festzustellen, ob er lügt. Wenn Ihr Gegenüber jede Frage erst einmal wiederholt, wenn er Pronomen vermeidet, wenn er sich durch Einschränkungen absichert, wenn er kaum Details nennt, die für das Erlebnis unwichtig sind, wenn es ihm schwer fällt, Details zu wiederholen, wenn seine Hände sich häufig gegenseitig oder das Gesicht berühren, wenn die Arme verschränkt werden, wenn er sich zurück lehnt, wenn der Körper schief wirkt - dann sind das Hinweise auf eine Lüge. Im Gesicht zeigt sich die Lüge vor allem an einem häufigeren und längeren Blickkontakt, den die Person herstellen möchte.

Es bleibt die Erkenntnis: Wir können auch wichtige Dinge miteinander bereden, ohne dass wir einander unser Gesicht zeigen. Darum ist das Telefon keine Eintagsfliege geblieben, sondern dient bis heute auch wichtigen Gesprächen. Wollen wir das miteinander Reden am Telefon verbessern, das haben Studien gezeigt, ist es sinnvoller, die Tonqualität zu verbessern als eine Videoübertragung hinzuzufügen. Die Videoübertragung, bei der wir das Gesicht unseres Gegenübers sehen können, wird vor allem von Liebenden und von Familien genutzt. Ein größerer Frequenzumfang und die Ausblendung von Neben- und Störgeräuschen oder auch Echos ist ansonsten das Beste, was man tun kann, um am Telefon miteinander zu reden.

Wer miteinander reden will, braucht auch im Alltag weniger den Blick ins Gesicht als eine akustisch saubere Umgebung - keine Störgeräusche, keine Nebengeräusche. Nebengeräusche stören weit mehr als jeder Niqāb. Wer also dazu beitragen will, dass wir besser miteinander reden können, der finde Wege gegen die akustische Umweltverschmutzung. Damit wäre weit mehr gewonnen als mit einem Niqāb-Verbot - zumal sich die Frage stellt, wie viele ihrer täglichen Gespräche eine Niqābi mit und ohne ihren Niqāb führt. Sie trägt ihn ja nicht ständig. Sie trägt ihn in der Öffentlichkeit, wenn fremde Männer zu zugegen sind. Wie viele wichtige Gespräche führen wir in einem solchen Rahmen? Ist es ein wichtiges Gespräch, wenn wir nach dem Weg fragen? Ist es ein wichtiges Gespräch, wenn wir an der Kasse bezahlen?

Die meisten wichtigen Gespräche führt eine Niqābi, wenn sie keinen Niqāb trägt. Oder am Telefon.

Und am Telefon haben wir alle, bildlich gesprochen, unser Gesicht verschleiert. Ohne dass es uns irgendwie stört.