Bei meiner Beschäftigung mit dem Thema „Kopftuch und Burka” habe ich immer deutlicher gesehen, dass es entgegen der landläufigen Annahme keinen prinzipiellen Unterschied zwischen dem einen und dem anderen gibt. Der Unterschied zwischen Kopftuch und Burka ist gradueller, nicht prinzipieller Natur.

Am ehesten sieht man dies vielleicht am so genannten Çarşaf. Diese Kombination aus einem weiten Beinkleid und einem großen Tuch, das den Kopf und den Oberkörper bedeckt, kann so getragen werden, dass entweder das ganze Gesicht frei bleibt oder das Gesicht Stück um Stück bedeckt wird, bis schließlich nur noch ein schmaler Schlitz für die Augen bleibt. So kann der Çarşaf wahlweise einfach nur ein großes Kopftuch sein - oder eine so genannte Burka (die Damen sprechen in diesem Fall davon, ihren Çarşaf als Niqāb zu tragen). Und natürlich kann man jedes rechteckige Kopftuch so binden und feststecken, dass es auch das Gesicht ganz oder teilweise bedeckt. Auch manch ein Kopftuch, das so genäht ist, dass nur noch über den Kopf gezogen und nicht mehr gebunden werden muss, lässt sich so zurecht rücken, dass schließlich nur noch ein kleiner Augenschlitz frei bleibt (z.B. der so genannte Practical Amira).

Aber auch das normale Kopftuch kann je nachdem mehr oder weniger vom Gesicht bedecken. Nach allgemeiner Definition gehört zum Gesicht der gesamte Vorderkopf, soweit er nicht vom Kopfhaar bedeckt ist - einschließlich der Stirn, des Bereichs zwischen Ohren und Wangen und des Kinns. Meistens bedeckt das Kopftuch Teile des Gesichts - häufig die Stirn, den äußeren Wangenbereich und das Kinn. Manchmal wird das Kopftuch bzw. der Çarşaf so gebunden, dass nur noch Augen und Nase unbedeckt bleiben.

Rein technisch also sind die Grenzen zwischen dem Kopftuch und der so genannten Burka fließend. Es ist immer die Frage, ab wann wir eine teilweise Bedeckung des Gesichts tatsächlich als "Gesichtsverschleierung" wahrnehmen.

Viele Damen, die keinen richtigen Niqāb tragen, sondern ein Kopftuch verwenden, um ihr Gesicht ganz oder teilweise zu bedecken, verändern regelmäßig den Sitz ihres Tuchs, um ihr Gesicht mehr oder weniger zu bedecken. Beim Verlassen des Hauses ist vielleicht gerade einmal ein Augenschlitz zu sehen, beim Treffen mit der Lehrerin der Kinder zeigen sie dann ihr ganzes Gesicht, im Supermarkt bedecken sie den unteren Teil ihres Gesichts bis zur Unterlippe - und der Mann an der Kasse bekommt dann wieder nur den Augenschlitz zu sehen.

Damen, die einen Niqāb ohne Nasensteg tragen, können häufig die Höhe ihres Augenschlitzes in einem gewissen Bereich variieren. Beim Gespräch ziehen sie den Schleier etwas hinunter, so dass etwas mehr von ihrer Augenpartie zu sehen ist. Danach ziehen sie den Schleier dann wieder hoch und klappen vielleicht noch das dünne Tuch vor die Augen, das vorher noch über den Kopf zurückgeschlagen war, so dass nun auch die Augen bedeckt sind.

Rein technisch bietet also auch der Niqāb häufig eine gewisse Bandbreite, wie viel die Trägerin von ihrem Gesicht preisgibt (hier unterscheiden sich auf jeden Fall Burqa und Niqāb).

Im Islam sind die Unterschiede zwischen Kopftuch und der so genannten Burka deutlicher ausgeprägt. In der Regel gilt das Tragen des Kopftuches als Pflicht - und das Tragen des Gesichtsschleiers als "empfehlenswert" oder "verdienstvoll" (unter gewissen Umständen betrachten allerdings alle sunnitischen Rechtsschulen die Gesichtsverschleierung als Pflicht). Allerdings bleiben die Definitionen schwammig - während klar ist, dass der Hidschāb die Kopfhaare vollständig bedecken muss, bleibt strittig, ob darüber hinaus auch die Stirn, die Wangen und das Kinn bedeckt sein müssen (nach klassischer Auffassung trifft dies zu).

In jedem Fall kommt es hier zu einem Konflikt mit dem westlichen Verständnis von Kopftuch. Traditionell gilt nämlich hier als Kopftuch, was zwar den Kopf bedeckt, aber nicht nur Stirn, Wangen und Kinn unbedeckt lässt, sondern auch den Haaransatz, so dass in der Regel unter dem Tuch Haare zu sehen sind. Wir haben hier also in jedem Fall einen Konfliktpunkt, weil das traditionelle westliche Kopftuch die Haare zwar bedeckt, aber nicht verdeckt - und vor allem die Randbereiche des Gesichts unbedeckt lässt. Wer also „Kopftuch” sagt, sollte eigentlich verdeutlichen, ob er das altmodische westliche Kopftuch meint, das bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts Mode war, oder den Hidschāb.

Die meisten westlichen Gegner der muslimischen Verschleierung und Befürworter eines entsprechenden Verbots tun sich freilich nicht nur mit der vollständigen Verschleierung des Gesichts schwer - sie sehen auch jedes größere Kopftuch oder Oberkörpertuch (beispielsweise Čádor, Çarşaf oder Khimar) bzw. jedes Tuch, das die Kopfhaare vollständig verdeckt und womöglich auch noch die Randbereiche des Gesichts bedeckt, ungern in der Öffentlichkeit. Für sie liegt der Unterschied vor allem in der Sichtbarkeit der Haare unter dem Kopftuch. Sind Haare zu sehen ist es „Kopftuch”, ansonsten ist es de facto „Burka” (ebenso, wenn der Oberkörper unter dem Tuch verdeckt ist).

Hier gibt es also für die betreffenden Burkagegner einen Unterschied - aber nicht zwischen Kopftuch und Burka, sondern zwischen "westlicher Mode" und "islamischer Verhüllung". Und sie fordern denn auch, dass die Damen das Tuch in Innenräumen abnehmen.