Ich bin mir nicht ganz sicher, wer den Begriff „Vollverschleierung” wann und vor allem warum in die „Burkadebatte” eingeführt hat. Bis Ende des 20. Jahrhunderts sprach man, auch wenn es um die Verschleierung muslimischer Frauen ging, einfach vom „Schleier”. Es folgte der Begriff „Burka” und die Kombination „Burka und Nikab” und schließlich der Begriff „Vollverschleierung”.

Der Begriff „Schleier” bezeichnet im Deutschen eine locker umhüllende Kopfbedeckung, die vollständig ist, wenn sie wenigstens so weit hinab reicht, dass auch der Nacken bedeckt ist. Dabei ist es erst einmal unerheblich, ob das Gesicht bedeckt ist oder nicht. Dem Wortsinn nach handelt es sich bei so einem vollständig ausgeführten Schleier um einen Vollschleier, also um einen Schleier in voller Länge. Damit ist auch der Habit einer Nonne ein Vollschleier.

Etwa ab dem frühen 21. Jahrhundert wurde der einfache Begriff „Schleier” im Deutschen kaum noch für die Verschleierung muslimischer Frauen verwendet - und für einen Schleier mit bedecktem Gesicht bürgerte sich nicht der Begriff „Gesichtsschleier” ein, sondern zuerst „Burka”. Als klar wurde, dass „Burka” missverständlich ist, sprach man von „Burka und Nikab”, um alle Eventualitäten abzudecken. Seit 2015 wird der einige Jahre früher eingeführte Begriff „Vollverschleierung” immer populärer, wenn in der Politik oder in den Medien Befürworter eines Verbotes den Eindruck einer Diskriminierung muslimischer Frauen vermeiden wollen.

Warum nun also „Vollverschleierung” - warum nicht...

„Schleier”

Der Begriff „Schleier” schließt eben auch den Schleier einer Nonne oder den Brautschleier ein. Man möchte aber deutlich unterscheiden zwischen dem Schleier der muslimischen Frau und dem der Nonne oder der Braut - gerade wenn es um ein Verbot geht.

„Burka”

Es hat sich herumgesprochen, dass der Begriff „Burka” missverständlich ist. Nach den gängigen Lexika ist dieser Begriff entweder ein aus dem Russischen übernommenes Lehnwort, das einen aus dem Kaukasus stammenden halbkreisförmigen Mantel aus rauem Fell bezeichnet oder ein aus dem Mittleren Osten übernommenes Lehnwort, das den eigentlich Chadri genannten meist hellblauen Mantelumhang mit integriertem Gesichtsschleier und einem Gitternetz vor den Augen meint, den vor allem afghanische und manche pakistanische Frauen tragen.

Wer ein Verbot des Burka fordert, muss damit rechnen, dass man ihm diese wörtliche Bedeutung um die Ohren haut.

Außerdem könnte ein solches Verbot als diskriminierend eingeordnet werden, da es nur muslimische Frauen trifft.

„Burka und Nikab”

Um zumindest das Missverständnis mit dem afghanischen Chadri zu vermeiden, sprechen manche von „Burka und Nikab”, um klarzustellen, dass sie nicht nur den Chadri afghanischer Frauen meinen, den in Deutschland allenfalls ein paar Dutzend Frauen tragen, sondern auch die Verschleierung des Gesichts muslimischer Frauen mit dem Niqāb.

Allerdings würde ein Verbot von „Burka und Nikab” als diskriminierend gelten, da es nur muslimische Frauen trifft (zumal die „Frumka” jüdischer Frauen ausgeklammert wäre).

„Gesichtsschleier”

Mit „Gesichtsschleier” hätte man eine Bezeichnung, die einerseits nicht allein muslimische Frauen trifft, also einen gewissen Schutz vor dem Vorwurf der Diskriminierung beinhaltet. Andererseits liegt genau darin das Problem: Einen Gesichtsschleier tragen in der einen oder anderen Form auch Nichtmuslime. Man bräuchte zu viele Ausnahmen, um sicherzustellen, dass ein Verbot nur muslimische Frauen trifft. Sonst wären auch Karnevals- und Faschingsmasken, Brauchtumsmasken, Schutzmasken, Schutzhelme, dunkle oder verspiegelte Sonnenbrillen, Skihauben, der bei kalter Witterung vor Mund und Nase geschlungene Schal usw. gemeint. „Gesichtsschleier” legt den Fokus zu sehr auf die Bedeckung des Gesichts, nicht auf den Schleier muslimischer Frauen.

Darum wird dieser Begriff gerade von Verbotsbefürwortern kaum verwendet.

„Vollschleier”

Mit „Vollschleier” hatte man einen Kunstbegriff, der scheinbar nur auf die Verschleierung muslimischer Frauen zutrifft. Da es diesen Begriff vorher noch nicht wirklich gab, konnte man ihn frei füllen - auch wenn „Vollschleier” nach den Regeln der deutschen Sprache nur einen von der Länge her vollständig ausgeführten Schleier meint.

Jeder weiß, das hier eine muslimische Frau gemeint ist, die einen Gesichtsschleier trägt - aber niemand kann von Diskriminierung sprechen oder ein Verbot anderer Formen der Gesichtsbedeckung sprechen.

„Vollverschleierung”

Allerdings hat sich das substantivierte Verb „Vollverschleierung” durchgesetzt, auch wenn dieser Begriff nach den Regeln der deutschen Sprache keinen Sinn ergibt: Das Präfix „voll” hat, wenn es abtrennbar ist, bei einem Verb die Bedeutung „gefüllt” (anders als bei einem Verb mit dem nicht abtrennbaren Präfix „voll” oder bei einem Substantiv mit diesem Präfix wie etwa bei „Vollschleier”). Demnach wäre eine „Vollverschleierung” eine Verschleierung, bei der der Schleier gefüllt ist (wie ein Glas, ein Tank, eine Flasche oder ein anderes Behältnis).

Bei „Vollverschleierung” liegt der Fokus weniger auf dem Schleier als vielmehr auf der Verschleierung einer Person - also quasi auf dem Inhalt, der in den Schleier „gefüllt” wird. Das Verbot einer „Vollverschleierung” ist damit weniger ein Verbot des Schleiers muslimischer Frauen, sondern verbietet die „Füllung” - und damit gewissermaßen die Frau, dem in den Schleier „einzufüllenden” Inhalt.

Dass „Vollverschleierung” mehr auf die Frau zielt und weniger auf den Schleier, dürfte ein nicht ganz unbedeutender Grund sein, warum man diesen im Deutschen eigentlich unsinnigen Begriff verwendet, wenn man ein Verbot befürwortet. Man möchte eigentlich nicht ein Kleidungsstück, den Schleier, verbieten, sondern zielt eigentlich auf die Frauen. Die sich verschleiernde Frau soll verschwinden. Durch ein „Vollverschleierungsverbot” wird sie zu einem Phantom. Ein gewissermaßen „gesichtsloses” Wesen tritt an ihre Stelle, dem ein wichtiges Merkmal ihrer Identität fehlt. Es wird ausgelöscht, sie wird unvollständig.

Somit verschleiert der Begriff „Vollverschleierung” den Wunsch der Verbotsbefürworter, die sich verschleiernden Frauen zum Verschwinden zu bringen. Es verschleiert, dass es sich um eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit handelt, eine Menschenfeindlichkeit gegen sich verschleiernde, damit ihre Religion sichtbar machende muslimische Frauen.

Er verschleiert aber auch, dass es sich um eine Diskriminierung muslimischer Frauen handelt - und um den Versuch, andere Formen der teilweisen oder vollständigen Bedeckung des Gesichts von einem Verbot auszunehmen.

Fazit

Korrekt wäre in der aktuellen Debatte die Benennung „Gesichtsschleier”; denn dieser ist ja der Dreh- und Angelpunkt.

Wer diesen naheliegenden Begriff vermeidet, der hat dafür einen Grund, der will etwas verschleiern. Nämlich, dass es ihm nicht um den Gesichtsschleier geht, sondern um die muslimische Frau, die durch ihre Verschleierung ihre Religion sichtbar macht. Daran soll sie gehindert werden.