Schon vor längerer Zeit (2011) habe ich durch einen schwarzen Niqāb mit Nasensteg und einen roten Chadri („Burka”) einige Fotos aufgenommen.

Dabei habe ich Brennweite und Blende so gewählt, dass sie dem menschlichen Auge möglichst entsprechen.

Der Schleier befand sich jeweils direkt auf dem Objektiv.

Die Brennweite der Aufnahmen beträgt bezogen auf Kleinbildformat ca. 50 mm. Das entspricht (nach meinen Kenntnissen als „Hobbyknpiser”) in etwa dem, was das menschliche Auge optisch zu sehen in der Lage ist.

Damals hatte ich nur eine Crop-Kamera (Crop-Faktor 1:1,6). Darum habe ich ein Objektiv mit einer Brennweite von 30 mm verwendet.

Die Blende liegt bei dem Bild durch den Niqāb bei f/5.6, bei dem Bild durch den Chadri allerdings bei f/2,8, was eine geringere Schärfentiefe zur Folge hat. Das Auge besitzt mit der Pupille keine Blende wie ein Fotoapparat, von daher ist die Übertragbarkeit (und die Auswirkung auf die Wahrnehmung der Schärfentiefe) stark eingeschränkt.

So sieht der Ausblick „oben ohne” aus (die Vignettierung an den Bildrändern habe ich bei keinem der Bilder korrigiert):

Blick ohne Schleier

Soweit also der unverschleierte Blick.

Natürlich kann ein auf das Objektiv einer Spiegelreflexkamera gelegter Schleier nicht genau das wiedergeben, was eine Frau sieht, wenn sie einen Schleier trägt.

Das liegt nicht nur an optischen Unterschieden, sondern auch daran, wie unser Gehirn die Eindrücke der Augen verarbeitet und auswertet. Wir sehen halt nicht wie ein Fotoapparat, unser Gehirn passt sich weit besser an. Es versucht immer, das bestmögliche „Bild” darzustellen - obwohl es in den Augen auf dem Kopf steht und auch sonst ziemlich viele Hindernisse zu überwinden hat, bis wir es endlich sehen können.

Die Kamera ist dazu nicht in der Lage - sie zeichnet nur das durch das Objektiv einfallende Licht auf, ein Bild, auf das der Fotograf großen Einfluss hat, indem er überlegt, ob er eine Kamera mit oder ohne Crop-Faktor verwenden will, Brennweite, Blende, Verschlusszeit, Empfindlichkeit bewusst vorwählt, Objektivfilter einsetzt usw. Früher war auch noch die Wahl des Filmes entscheidend - und wie dieser entwickelt wurde. Wer heute in einem RAW-Format digital fotografiert, hat allerdings auch wieder großen Einfluss auf das fertige Bild.

Die folgenden Bilder sind nicht nachbearbeitet.

Hier nun der Blick durch einen auf das Objektiv gelegten Niqāb mit Nasensteg:

Blick durch einen Niqab

Der Nasensteg wäre natürlich in Wirklichkeit zwischen den Augen.

Hier noch ein Blick durch einen roten Chadri:

Blick durch einen Chadri

Das mehr oder weniger feinmaschige Stoffgitter vor den Augen wirkt wie ein Farbfilter - je nach Farbe des Chadri wird die Umwelt plötzlich blau, grau, orange oder wie hier rot.


Als Fotograf ist man versucht, beim Fotografieren durch den Schleier einen möglichst drastischen Eindruck beim Betrachter zu erzielen. Darum wird man bei Brennweite und Blende sowie Crop-Faktor darauf achten, dass sie „passen”. Wie weit platziere ich den Schleier vom Objektiv bzw. Sensor entfernt? Für welche Brennweite, welchen Bildwinkel entscheide ich mich? Welche Blende setze ich ein, um die Schärfentiefe zu beeinflussen? Auf welche Entfernung stelle ich den Schärfepunkt ein?

Setze ich vielleicht zwei Bilder zusammen - eines, das auf den Schleier fokussiert und eines, das auf die mutmaßliche Welt hinter dem Schleier fokussiert?

Oder fokussiere ich im Nahbereich auf den Schleier, so dass bei genügend großer Blende der Hintergrund unscharf wird?

Der Fotograf bestimmt, welches Bild man sieht - und das ist nicht unbedingt, was man durch den Schleier sieht.