Forderungen nach einem Verbot von Niqāb und Burqa werden immer wieder mit dem Schlagwort „Gesicht zeigen!” begründet: In einer „offenen Gesellschaft” zeige man (einander) sein Gesicht. 

Mit dieser Forderung wird eine bedeutungsvolle Formel auf ein bloßes „Burka weg” reduziert.

Gesicht zeigen - ursprünglich bedeutet das, sich nicht aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen, sich nicht zu verstecken, wenn Menschen Hilfe brauchen, weil sie etwa angefeindet, angegriffen werden. Es bedeutet, dann präsent zu sein, wenn man als Helfer, als Fürsprecher, als Anwalt benötigt wird - und wenn viele Menschen gerne untertauchen, sich verstecken, eben ihr Gesicht nicht zeigen wollen.

Es geht um Zivilcourage.

Es geht darum, sich nicht wegzuducken, wenn persönliches Engagement gefragt ist. Also nicht die Augen, die Ohren und den Mund zu verschließen. Gesicht zeigen: Wir müssen die sehen, die niemand sieht, wir müssen die hören, die niemand sonst sieht, wir müssen für die sprechen, denen niemand zuhören will.

Das meint „Gesicht zeigen”. Und es ist bei gebildeten Personen (und gerade auch bei Politikern) vorauszusetzen, dass ihnen diese Bedeutung bekannt ist - und gerade Politikern auch die folgende Organisation:

Etwa im Jahr 2000 hat sich die Nichtregierungsorganisation „Gesicht Zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland e. V.” gegründet, die sich gegen Rechtsextremismus einsetzt. Der Verein ermutigt Menschen, aktiv zu werden gegen Xenophobie, Rassismus, Antisemitismus und jede Form rechter Gewalt. Ziel ist die Stärkung des gesellschaftlichen Engagements und die Sensibilisierung für jede Art von Diskriminierung.

Wer in einer populären Suchmaschine nach „gesicht zeigen” sucht, findet an erster Stelle eben diese Organisation, und gleich an zweiter Stelle den entsprechenden Wikipedia-Eintrag.

Damit ist klar, dass die Aufforderung „Gesicht zeigen!” eine Bedeutung hat, die nicht auf „Burka weg” reduziert werden kann - erst recht nicht, weil gerade auch die Frauen, die Niqāb und Burqa tragen, immer wieder Opfer von Xenophobie, Rassismus, Diskriminierung und rechter Gewalt werden. 

Wenn die Bedeutung von „Gesicht zeigen” auf „Burka weg” reduziert wird, dann macht man sich mitschuldig. Man relativiert den Kampf gegen Rechtsextremismus und verhöhnt all jene, die mutig ihr Gesicht zeigen, wenn es um Rassismus, Xenophobie, Islamfeindlichkeit usw. geht, man verharmlost Rechtsextremismus und die damit verbundene Bedrohung unserer Gesellschaft.

Wer um die Bedeutung des Mottos „Gesicht zeigen!” weiß und es dennoch aus dem Kontext des Kampfes gegen Rechts und gegen Rassismus löst und es dennoch auf muslimische Frauen anwendet, der verrät sehr deutlich, wo er selbst steht. 

„Gesicht zeigen!” + „Burkaverbot” = Rechtspopulismus.

„Gesicht zeigen” bedeutet, dass wir für eine weltoffene Gesellschaft einstehen und gegen ihre Feinde aktiv werden - und rechte Tendenzen in der Debatte um ein Verbot von Niqāb und Burqa identifizieren und benennen.

Die Formel offene Gesellschaft ist übrigens auch längst vergeben. Es handelt sich dabei um „ein in der Tradition des Liberalismus stehendes Gesellschaftsmodell Karl Poppers, das zum Ziel hat, ‚die kritischen Fähigkeiten des Menschen’ freizusetzen. Die Gewalt des Staates soll dabei so weit wie möglich geteilt werden, um Machtmissbrauch zu verhindern. Poppers Vorstellung von der offenen Gesellschaft ist eng mit der Staatsform der Demokratie verbunden, allerdings nicht verstanden als Herrschaft der Mehrheit, sondern als die Möglichkeit, die Regierung gewaltfrei abzuwählen. Der offenen Gesellschaft steht einerseits die Laissez-Faire-Gesellschaft gegenüber, andererseits die totalitäre, am holistisch-kollektivistischen Denken ausgerichtete ‚geschlossene Gesellschaft’, die Popper auch ironisch den ‚Himmel auf Erden’ nennt, weil sie als solcher propagiert wird.” (Quelle Wikipedia).

Von grundlegender Bedeutung für die offene Gesellschaft sind strikte religiöse Neutralität, Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit und Vereinigungsfreiheit - und, wie ich hinzufügen möchte, auch Religionsfreiheit und Bekenntnisfreiheit.

Mit Poppers Vorstellungen von einer offenen Gesellschaft ist ein „Burkaverbot” nicht zu vereinbaren; es wäre eher einer „geschlossenen Gesellschaft” zuzuordnen, die ihre Identität vor gefühlten Bedrohungen durch „Fremde” sichert.

Die „offene Gesellschaft” - mit diesem Selbstbild beschreibt sich die westliche Gesellschaft und gerade die deutsche Gesellschaft gerne.

Natürlich stimmt dieses Bild nie so ganz - und gerade Fremde erleben die westliche Gesellschaft dann doch häufig eher als eine recht exklusive Gesellschaft oder eben als „geschlossenen Gesellschaft”. Dabei ist es egal, ob eine Fremde nun Niqāb trägt oder nicht - der Niqāb ist ein vorgeschobenes Argument, mit dem man die Verantwortung für die Inklusion (und für deren Scheitern) abwälzen kann. Wäre die Gesellschaft wirklich eine offene, so wäre der Niqāb kein Problem für eine Inklusion.