Wann ist ein Schleier eigentlich eine „Burka”?

Nein, damit meine ich dieses Mal nicht den Unterschied zwischen Burqa, Niqāb, Çarşaf & Co., die alle immer wieder unter dem irreführenden Schlagwort „Burka” geführt werden.

Sondern: Wie viel vom Gesicht muss bedeckt sein, damit ein etwaiges „Burkaverbot” greift?

Und greift ein „Burkaverbot” eigentlich immer - oder gibt es Zeiten, zu denen eine muslimische Frau einen Niqāb tragen darf?

Allgemein versteht man ja unter einem „Burkaverbot” ein Verbot für muslimische Frauen, ihr Gesicht zu bedecken. Egal ob nun mit einer Burqa, einem Niqāb, einem Tuch oder einer Ecke ihres Hidschāb (dem „Kopftuch”).

Aber ab wann ist ein Gesicht eigentlich bedeckt?

Schauen wir uns erst einmal an, was das Gesicht überhaupt ist.

Das menschliche Gesicht

Das Gesicht umfasst den gesamten Vorderkopf. Nach oben und nach hinten wird das Gesicht von der vorderen Wuchsgrenze der Hauptbehaarung abgregrenzt, nach unten durch die untere Wuchsgrenze der Gesichtsbehaarung (die bei Frauen zu denken ist). Das heißt, zum Gesicht gehören die Stirn, die Augenbrauen, die Augen, die Ohren, die Wangen, die Nase, der Mund, das Kinn und der Vorderhals.

Manche tun sich mit dem Vorderhals schwer und nehmen die Unterkante des Unterkiefers als untere Abgrenzung des Gesichts, aber da wir ja beim Bart des Mannes vom „Gesichtshaar” sprechen und dessen Wuchs in der Regel den Vorderhals bedeckt, gehört auch dieser zweifellos zum Gesicht. Anatomisch gehört darüber hinaus auch die Stirn nicht zum Gesicht, dennoch betrachten wir sie als Teil des Gesichts (schon wegen ihrer Bedeutung für den Ausdruck der Mimik) - somit können wir auch den Vorderhals als Teil des Gesichts betrachten.

Eine Burqa bedeckt diesen Bereich vollständig (obgleich bei manchen Exemplaren die Augenpartie hinter einem eher groben Netz durchaus noch zu erkennen ist).

Ein Niqāb lässt meistens die Augen frei - manchmal sind aber auch diese bedeckt. Manch eine Frau trägt ihren (Halb-) Niqāb so, dass die Augenbrauen und ein Teil der Stirn nicht bedeckt sind.

Ein Çarşaf kann wie ein (Halb-) Niqab getragen werden. Oftmals tragen die Frauen ihn aber so, dass er das gesamte Gesicht mit Ausnahme der Augen, des inneren Wangenbereichs und der Nase bedeckt. Einige tragen ihn so, dass auch der Mund gerade eben nicht bedeckt ist.

Ein klassischer Hidschāb bedeckt die Stirn, die Augenbrauen, die Ohren und den äußeren Wangenbereich sowie das Kinn, so dass lediglich Augen, Nase, die inneren Wangenbereiche und der Mund nicht bedeckt sind.

Und dann gibt es noch variable Hidschāb, die von der Trägerin so zurecht gezogen und gezupft werden können, dass wahlweise mehr oder weniger vom Gesicht bedeckt ist - bis hin zu einem schmalen Sehschlitz wie bei einem Niqāb. Für ein „Burkaverbot” wirklich tückisch!

Ab wann ist es denn nun eine „Burka”? Ab wann greift ein „Burkaverbot”?

Wie viel darf bedeckt sein, wie viel muss zu erkennen sein?

Oder hängt es vielleicht auch noch davon ab, wie groß das Tuch ist, mit dem der Kopf bedeckt wird? Für manche fallen ja auch sehr große Tücher (wie etwa Khimar, Abaya, Čádor, Çarşaf) unter die Bezeichnung „Burka” und unter die Forderung nach einem „Burkaverbot”. Frauen sollen nach deren Überzeugung nämlich nur kleine „Kopftücher” tragen. Am liebsten natürlich solche, bei denen man den Haaransatz noch sehen kann. Zumindest sollte die Stirn möglichst unbedeckt sein.

Alle Forderungen nach einem „Burkaverbot” lassen eine exakte Definition vermissen.

Wie soll eine Frau nun wissen, ob ihr Hidschāb vielleicht zu viel von ihrem Gesicht bedeckt, somit zu einer verbotenen „Burka” wird und damit womöglich eine hohe Geldstrafe fällig wird?

Oder wird die Geldstrafe danach berechnet, was vom Gesicht ganz oder teilweise bedeckt ist?

Zückt jeder Polizist ein Maßband und misst genau nach, wie viel vom Gesicht bedeckt ist? Und wenn das Kopftuch länger als 50 cm ist, wird der Betrag noch einmal verdoppelt? Verdreifacht, wenn das Tuch bis zu den Hüften reicht?

Oder gibt es einen Festbetrag für jeden Bereich des Gesichts, also Stirn 1.000 Euro, Augenbrauen 1.500 Euro, Augen 2.500 Euro (pro Auge versteht sich) usw.?

Man müsste möglicherweise unterscheiden, wie wichtig die verschiedenen Bereiche des Gesichts zum einen für die Identifizierung einer Person und zum anderen für das Erkennen ihrer Mimik ist. Und da es ja immer um Kommunikation geht - Frauen, die Niqāb trage, sprechen manchmal sehr leise, so dass man sie kaum verstehen kann („Verbalburka”?). Eigentlich müsste man die Sprechlautstärke ebenfalls einbeziehen.

Und zu fragen ist auch, wie man damit umgeht, wenn so ein Schleier variabel ist. Also je nachdem, wie die Frau an ihrem Schleier zieht und zupft, mehr oder weniger vom Gesicht bedeckt. Oder wenn sie durch einen mehrlagigen Niqāb ihre Augen variabel von gar nicht bis blickdicht bedecken kann.

Würde ein Niqāb (oder ein als Niqāb geeignetes Tuch) auch dann unter ein Verbot fallen, wenn er zwar getragen wird, aber zurückgelegt ist und somit das Gesicht nicht bedeckt? Beim Vermummungsverbot, das ja stets im Zusammenhang mit einem „Burkaverbot” genannt wird, ist es ja immerhin auch strafbar, einen zur Vermummung geeigneten Gegenstand lediglich mitzuführen.

Muslimische Frauen sollten schon wissen, ob sie einen Niqāb oder ein Tuch, das als solches verwendet werden kann, mit sich führen dürfen oder ob sie damit gegen ein „Burkaverbot” verstoßen und sich also strafbar machen.

Die Muslima, der Niqāb und die Ausnahmeregelungen

Karneval, Halloween - das sind Zeiten, zu denen jeder Befürworter eines Verbotes Ausnahmen verlangt. Ebenso, wenn das Tragen von Schutzhelmen oder Atemschutzmasken angezeigt ist.

Klar ist für alle Befürworter eines Verbotes, dass jeder, der Karneval oder Halloween feiert, eine „Burka” tragen darf. Das ist schließlich so schön gruselig. Wie ein Gespenst oder ein Ninja.

Aber unklar ist, ob eigentlich eine muslimische Frau zu diesen Zeiten einen Niqāb tragen darf. Schließlich trägt sie ihn ja nicht, um zu feiern oder weil sie in den Augen alkoholisierter Volltrottel wie ein Gespenst oder ein Ninja aussehen will, sondern aus religiösen Gründen. Sie muss nun aber auch wissen, ob sie das während dieser Zeiten darf oder nicht. Und wenn ja, warum eigentlich. Denn dann gibt es ja offensichtlich Doppelstandards, wenn während des Karneval plötzlich „Identifizierung! Kommunikation! Sicherheit! Würde der Frau! Gleichberechtigung! Zusammenleben!” nicht mehr so wichtig sind. Die Frau im Niqāb wäre ja im Karneval immer noch die gleiche.

Die Frauen müssen auch wissen, ob sie ihr Gesicht eigentlich mit einer Atemschutzmaske oder einem Schutzhelm bedecken dürfen. Man könnte ihr ja vorwerfen, sie sei nur Ärztin geworden, um ihr Gesicht mit einer Schutzmaske bedecken zu können. Darf eine muslimische Frau überhaupt noch Ärztin werden, wenn dieser Beruf mit einer widerrechtlichen Bedeckung ihres Gesichts einhergeht? Wie kann eine muslimische Frau beweisen, dass sie nicht nur Ärztin (oder auch Polizeibeamtin bei einem SEK/MEK o.ä.) wird, um ihr Gesicht bedecken zu können?

Und darf sie als Muslima Motorrad fahren, wenn doch auch damit eine widerrechtliche Bedeckung des muslimischen Frauengesichts einhergeht? Wie kann sie beweisen, dass sie nicht nur deswegen Motorrad statt Auto fährt, um dabei ihr Gesicht öffentlich bedecken zu können?

Es geht hier schließlich, so heißt es jedenfalls immer, nicht um ein Kleidungsstück, sondern um's Prinzip. Nicht um ein paar Quadratzentimeter Stoff, sondern um so viel mehr! Da darf man keine Kompromisse eingehen! Deutschland will das totale „Burkaverbot”, weil wir nur so die Würde der Frau, die Gleichberechtigung, die Integration, das Zusammenleben, die Identifizierung und all das garantieren können. Jedenfalls fast; denn...

Klar ist für etwa 50 % der deutschen Bevölkerung und für die große Mehrheit derer, die ein „Burkaverbot” befürworten, auch, dass Frauen ab 40 oder mit etwas Übergewicht über Minirock oder Leggings eine „Burka” tragen müssen (diese Forderung taucht früher oder später in jeder Diskussion über ein „Burkaverbot” auf). Auch hier müssen sich muslimische Frauen ab 40 oder mit etwas Übergewicht fragen, ob das dann auch für sie gilt. Sie wollen sich ja integrieren, Teil der Gesellschaft werden - einer Gesellschaft, die nun einmal an das Aussehen (und das Verhalten) der Frauen höchste Erwartungen stellt. Die Frauen danach beurteilt, bewertet, einstellt und befördert, wie gut sie als Ziel anzüglicher Sprüche, zweideutiger Witze, plumper Anmache, taxierender Blicke und zufälliger Berührungen an Po oder Brüsten geeignet ist - oder doch besser unter einer „Burka” verschwindet.

Fazit

Sie haben es hoffentlich verstanden - dieser Artikel hat mit Überzeichnungen und Übertreibungen versucht, die Unsinnigkeit eines „Burkaverbotes” aufzuzeigen. Ein „Burkaverbot” ist der Versuch, etwas zu verbieten, was mangels einheitlicher Definitionen nur dann zu verbieten ist, wenn man statt mit Fakten mit Schlagworten arbeitet. Jeder glaubt zu wissen, was eine „Burka” sei - aber wissen wir das wirklich?

Gerade der letzte Absatz zeigt die „Burka des Westens” auf, jene Kostümierung, Maskierung und Verkleidung vieler Frauen, die dem patriarchal geprägten Frauenbild unserer Gesellschaft entsprechen, jene „Living Dolls”, von denen Natasha Walter in ihrem gleichnamigen Buch schreibt.

Unsere Gesellschaft hat kein Problem mit einer „Burka”, solange diese die Frauen in die Klischees presst, die unsere Gesellschaft von Frauen hat - die Frau, die immer verfügbar ist, die niemals Kopfschmerzen hat oder müde ist, die als junges Mädchen lieber für eine Brustvergrößerung spart als für das erste Auto, die nicht stöhnt, wenn sie auf 15 cm hohen nadelspitzen Absätzen durchs Leben stelzt, die sich nur mit vollem Make-up vor die Tür traut, die weiß, dass ihr Wert von ihrer Beliebtheit abhängt, davon, wie viele Männer sie gerne im Bett hätten. Die weiß, dass Männer am liebsten Frauen mit den glatten Genitalien einer Pornodarstellerin im Bett haben, sich also gegebenenfalls die Klitorisvorhaut und die inneren Schamlippen korrigieren lässt.

Ja - auch das ist eine Übertreibung. Aber wie weit weg ist sie von der Realität? Eine Frau muss in unserer Gesellschaft sehr stark sein, wenn sie auf die „Burka des Westens” verzichtet und dennoch Erfolg haben will - im Beruf, im Privatleben, im Bett. Oder sie setzt gleich auf die Außenseiterrolle und macht sich eher unsichtbar (auch wieder eine „Burka”).

Ist die „Burka” muslimischer Frauen wirklich das große Problem unserer Gesellschaft? Ist es nicht viel mehr so, dass viele Frauen in dieser Gesellschaft nicht ihr wahres Gesicht zeigen können, sondern einem Frauenbild entsprechen müssen, das von den Medien, der Werbung und der Textilindustrie geprägt ist? Einem Frauenbild, dem keine natürliche Frau gerecht werden kann? Das jede Frau zwingt, eine Maske zu tragen?

Viellicht ist es so, dass wir von der „Burka” der muslimischen Frau unbewusst an die „Burka des Westens” erinnert werden. An die Unterdrückung der Frau im Westen, an ihre eingeschränkten Freiheiten, ein selbstbestimmtes und nicht von ihrem Aussehen bestimmtes Leben zu führen, an ihre mangelnde Gleichberechtigung? Vielleicht sind all die Argumente, die uns wegen der „Burka” in den Sinn kommen, einem Blick in den Spiegel entsprungen? Ist es so, dass wir mit einem Finger auf die Frau in der „Burka” zeigen - und dabei drei Finger auf uns selbst zeigen?

Vielleicht beschäftigen wir uns erst einmal mit der „Burka des Westens”, ehe wir uns mit dem Niqāb muslimischer Frauen beschäftigen. Vielleicht lernen wir auch, dass manche Frauen den Niqāb in einer Gesellschaft, in der für Frauen das Aussehen eine extrem große Rolle spielen muss, als eine Befreiung erleben. Als eine Absage an all die frauenfeindlichen Klischees in unserer Gesellschaft.