Der Terminus „öffentlicher Raum” wird in der Niqāb- und Burqa-Debatte zwar regelmäßig verwendet, ist aber eigentlich nicht genau definiert.

Für die einen ist es der Raum, der sich im Besitz der öffentlichen Hand befindet und von dieser verwaltet, gepflegt und kontrolliert wird - unabhängig davon, wer diesen Raum nutzen darf.

Für die anderen ist es der Raum, der für die Öffentlichkeit frei zugänglich ist und von ihr genutzt wird - unabhängig davon, in wessen Besitz sich dieser Raum befindet. Auch in Privatbesitz befindlicher, aber von der Öffentlichkeit genutzter Raum kann demnach öffentlicher Raum sein.

Daneben gibt es noch den halböffentlichen Raum, zu dem die Öffentlichkeit zumindest zeitweise beschränkten Zugang hat.

Früher galt für den öffentlichen Raum, dass die Benutzung jedermann möglich sein sollte und eigentlich nur zwei Regeln erforderte: „Sei rücksichtsvoll - verhalte dich im öffentlichen Raum so, dass du andere nicht belästigst und hinterlasse den öffentlichen Raum so, wie du ihn vorfinden möchtest.”

Es ging grundsätzlich darum, die Voraussetzungen für ein geordnetes Miteinander zu garantieren, jedoch eher nicht um eine Förderung des Miteinanders im öffentlichen Raum.

Innerhalb des öffentlichen Raumes waren die einzelnen Bereiche entweder mehr für die Fortbewegung gedacht, um von einem Ort zu einem anderen zu gelangen, oder mehr für den Aufenthalt, für eine Freizeitaktivität usw. Je nachdem galten in den Bereichen, in denen man sich aufhielt, vielleicht etwas strengere Regeln, wenn die Rücksicht das erforderte (so kennt meine Generation noch die Badekappenpflicht in Schwimmbädern).

In der letzten Zeit hat sich das Verständnis geändert.

Der öffentliche Raum wird plötzlich zum geradezu sakralen Raum der Begegnung, der eine gegenseitige Identifizierung, ein wechselseitiges Kennenlernen und eine allgemeine Wertschätzung möglich machen soll.

Dabei gilt, dass die früheren Unterschiede zwischen den einzelnen Bereichen immer unwichtiger werden. Kaum ein Bereich des öffentlichen Raumes soll allein dem Fortkommen dienen. Galt es früher eher als rücksichtslos, wenn man plötzlich einfach mitten auf einem Weg stehen geblieben ist, um sich mit anderen zu unterhalten, so ist das heute gang und gäbe. Nur der Autofahrer darf sich noch frei bewegen - wobei der Korso zumindest zu bestimmten Gelegenheiten immer beliebter wird.

Im Grunde kann man sagen, dass sich Schwerpunkte aus dem kirchlichen Raum - Begegnung, Identifizierung (erkennen, Kennenlernen), Wertschätzung - in den öffentlichen Raum verlagert haben.

Diese Verlagerung führt dazu, dass der öffentliche Raum insgesamt zunehmend Geboten und Verboten unterworfen wird.

Auf die Spitze getrieben hat dies der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR), der in seinem Urteil zum „Burkaverbot” den öffentlichen Raum zu einer Stätte erklärt hat, in der das Zusammenleben gefördert werden soll. Der Staat, so der EGMR, hat das Recht, nach eigenem Ermessen Gesetze aufzustellen, nach denen dieses möglich sein soll. Individuelle Rechte und Freiheiten wie etwa Religions- und Meinungsfreiheit müssen demgegenüber zurücktreten (sie gelten demnach eher im privaten als im öffentlichen Raum). Die Rechte und Freiheiten der Gesellschaft haben im öffentlichen Raum immer Vorrang vor denen der Individuen.

Im Grunde hat der EGMR dem einzelnen Bürger die Pflicht auferlegt, im öffentlichen Raum jederzeit für Jedermann erkennbar und ansprechbar zu sein. Nur so sei ein Zusammenleben möglich.

Individualität - und dazu gehört auch individuelle Religiosität - hat im öffentlichen Raum nichts verloren; sie wird in den privaten Raum abgedrängt.

Dazu gehören nun auch Gotteshäuser wie Kirchen, Synagogen und Moscheen. Waren sie früher halböffentlicher Raum (gerade die Kirchen), so werden sie nun viel stärker als privater Raum gesehen.

Der neue öffentliche Raum ist nicht frei von Religion - solange sie „universell” ist, allen Menschen offen steht, solange sie interreligiös ist und auf „Missionierung” verzichtet. Erlaubt ist, was allen Religionen gemein ist - tabu ist, was eine Religion besonders hervorhebt, was Menschen angeblich voneinander trennt.

Gläubige muslimische Frauen erfahren nun, dass ein gewisser „Hidschāb-Chic” (viel Make-up, schickes Kopftuch, enger, nicht zu langer Mantel, enge Hose, schicke Schuhe, Zurschaustellung körperlicher Vorzüge) erlaubt, ein klassischer Hidschāb-Stil (wenig oder kein Make-up, schlichtes Kopftuch, langer Mantel, schlichte Schuhe, Verhüllen körperlicher Vorzüge) unerwünscht, ein traditioneller Hidschāb (lange, weite Kleidung, die außer Gesicht und Händen alles verhüllt) verpönt und ein Niqāb verboten ist.

Der Niqāb ist freilich nicht nur verboten, weil er angeblich zu sehr trennt, sondern auch, weil er angeblich die Identifizierung und die Kommunikation verhindert.

Früher hätte man gesagt: Solange diese Frauen sich uns nicht aufdrängen, ist alles in Ordnung. Wir mögen es nicht, aber wir tolerieren es. Solange sie nur nicht in unsere privaten Räume vordringen.

Heute ist es völlig egal, ob sich diese Frauen uns aufdrängen oder nicht. Tatsächlich wird allein ihr Anblick als aufdringlich gewertet: Der Niqāb werfe Männern vor, sie würden über jede Frau herfallen, die mehr als nur ihre Augen her zeigt. Er stemple unverschleierte Frauen als „Schlampen” ab. Aufdringlich ist, was wir als aufdringlich empfinden.

Nicht das tatsächliche Verhalten eines Menschen wird gegebenenfalls als aufdringlich oder belästigend gewertet, sondern eine angebliche Botschaft. Jeder Mensch muss immer darauf achten, was seine Kleidung, sein Verhalten, seine Äußerungen bei anderen möglicherweise bewirken. Man verlangt von jedem Menschen eine hohe Sensibilität dafür, wie er auf andere Menschen wirkt. Das gelingt eigentlich nur, wenn man sich um größtmögliche Konformität bemüht, sich der Mehrheit anpasst.

Eine von Politikern und Medien ernannte Mehrheit der „politisch Anständigen” übt die Hegemonie über den öffentlichen Raum aus - und verlangt zwar nicht Uniformität, aber Konformität. Und alle anderen werden wahlweise als religiöse Fundamentalisten oder politische Populisten abgestempelt und am Rand verortet. Ganz außen am Rand stehen die „Salafisten” und die „Burka-Frauen”.

Dass es freilich auch in der Mitte, auch bei den Anständigen Populismus und Fundamentalismus gibt, wird dabei geflissentlich übersehen. Denn populistisch und fundamentalistisch sind immer die anderen. Es ist weniger eine Bewertung tatsächlichen Verhaltens, sondern Ortsbeschreibung - je weiter du von mir weg bist, um so populistischer oder fundamentalistischer bist du.

Die durch Politiker und Medien stets in ihrer Anständigkeit hochgelobte Mehrheit zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie alles skandalisiert und dramatisiert.

Höchstens 6.500 Frauen, die hierzulande Niqāb tragen, also rund 0,013 % aller Frauen im Land, sind für sie ein Skandal, ein Drama, das stets mit Frauenbeschneidung, Unterdrückung der Frauen und Terrorismus verquickt wird, ein Verrat am öffentlichen Raum, der höchste Strafen erfordert, damit diese Frauen sich entweder integrieren oder das Land verlassen.

Die Priester, Bischöfe und Missionare des öffentlichen Raums sprechen zwar stets von Integration, aber eigentlich meinen sie Assimilation. Der öffentliche Raum soll ein Kollektiv werden, geprägt von möglichst vielen Gemeinsamkeiten. Im Kollektiv geht es vor allem um Identifikation und Kommunikation. Nur daraus, so wird argumentiert, könne Wertschätzung entstehen.

Erfuhren Menschen früher vor allem im privaten Raum Wertschätzung (gerade auch in der Kirche), so wollen sie heute, wohl geprägt von der Wertschätzung, die Menschen auf der Bühne, auf dem Bildschirm oder auf der Leinwand erfahren, Wertschätzung vor allem im öffentlichen Raum erfahren. Wir sehnen uns nach öffentlicher Anerkennung, öffentlicher Wertschätzung.

Derzeit - und daran wird sich wohl so schnell nichts ändern - ist der öffentliche Raum von patriarchalen Strukturen geprägt. Gerade Frauen sind hohen Erwartungen unterworfen. Ich will das Thema an dieser Stelle nicht weiter ausführen, nur die eine Beobachtung: Die beliebtesten Frauen im öffentlichen Raum sind derzeit die „Living Dolls”, über die Natasha Walter in ihrem gleichnamigen Buch schreibt. Die unbeliebtesten Frauen im öffentlichen Raum sind die Muslima, die sich mit einem traditionellen Hidschāb oder gar einem Niqāb verhüllen. Es gilt als feindlich für das Zusammenleben, wenn Frauen ihr schönes Haar oder ihren jungen Körper verstecken. Zugleich wird etwas älteren, dickeren oder sonstwie „unvorteilhaft” aussehenden Frauen, die in der Öffentlichkeit etwa Leggings oder Minirock tragen, nur halb im Spaß geraten, sie mögen doch bitte „Burka” tragen. Die Frau aus der Werbung - jung oder zumindest jung geblieben, schön, jederzeit bereit, niemals überfordert - ist das Rollenvorbild für die Frauen im öffentlichen Raum.

Der öffentliche Raum ist heute nicht mehr für jeden da. Und er verlangt nicht mehr nur Rücksichtnahme, sondern ein aktives Einbringen, um ein Zusammenleben zu fördern. Was das Zusammenleben fördert, vermitteln uns vor allem die Werbung, das Fernsehen, das Kino, die Bühne und die glamouröse Welt der Stars und Sternchen. Es sind längst nicht mehr die Kirchen, die hier eine Deutungshoheit haben.

Kino und Fernsehen, aber auch die Medien, zeigen uns den Niqāb stets im Zusammenhang mit Terror, Unterdrückung der Frauen, fehlender Freiheit, mangelnder Gleichberechtigung. Die Frauen selbst kommen freilich kaum zu Wort. Im öffentlichen Raum redet man über sie, manchmal auch angeblich für sie - aber so gut wie nie mit ihnen. 

Wenn der öffentliche Raum heute Elemente des kirchlichen Raums übernommen hat, dann sind die Frauen, die Niqāb tragen, hier und heute das, was damals in den Kirchen die alt- und neuzeitlichen „Hexen” waren, die Sünderinnen. Im öffentlichen Raum prägen Dämonisierung, Delegitimierung und Doppelstandards den Umgang mit diesen Frauen.

Interessant ist schließlich noch die Beobachtung, dass der Niqāb im öffentlichen Raum ablehnt wird - aber dabei eigentlich niemals jemand darauf zu sprechen kommt, dass der Niqāb seine eigentliche Ursache im islamischen Konzept der Geschlechtertrennung hat und sich von daher nicht prinzipiell, sondern nur graduell vom Hidschāb unterscheidet (und in diesem Zusammenhang auch die islamische Aufforderung an Männer zu nennen ist, Frauen gegenüber den Blick zu senken). Die Funktion von Hidschāb und Niqāb als „Leitplanken” für eine Integration von Frauen und Männern im öffentlichen Raum wird niemals dargestellt - der Niqāb wird einseitig als Hindernis dargestellt. Dass die betreffenden Frauen ohne den Niqāb nicht mehr den öffentlichen Raum aufsuchen können, sondern auf private Räume beschränkt werden, wird dabei entweder nicht bedacht oder billigend in Kauf genommen.