Eine häufig vertretene These ist, dass es die Identifizierbarkeit einer Person ist, die im öffentlichen Raum ein Kennenlernen der anderen und eine Wertschätzung ihnen gegenüber ermöglicht. Eine ständige Verschleierung im öffentlichen Raum mache dies unmöglich, darum sei ein Verbot von Niqāb und Burqa in der Öffentlichkeit sinnvoll.

Ein erstes Problem der aus dieser These folgenden Forderung nach einem Verbot besteht darin, dass nicht jede Niqābi ihren Niqāb in der Öffentlichkeit ständig trägt. Man kann aus dieser These eigentlich nur ein Verbot der ständigen Verschleierung im öffentlichen Raum begründen, nicht aber der gelegentlichen. 

Das zweite Problem ist, dass man zeitweiliges Maskieren etwa zum Karneval, zu Halloween oder zu Brauchtumsveranstaltungen sowie für Kunstaktionen erlauben möchte, ebenso das Tragen von Schutzhelmen, Atemschutzmasken usw. erlauben möchte.

Der Doppelstandard ergibt sich hier daraus, dass diese Masken zeitweilig getragen werden dürfen, nicht aber der Niqāb, da dieser grundsätzlich untersagt werden soll - oder fast; denn zum Karneval oder zu Halloween wäre es dann doch wieder erlaubt. Auch eine Muslima, die ihren Niqāb nur zeitweilig trägt, wäre von einem Verbot betroffen - und damit gegenüber Personen benachteiligt, die sich zeitweilig maskieren.

Ein drittes Problem ist, dass Niqāb oder Burqa nicht die einzige Möglichkeit darstellen, sich einer Identifizierbarkeit zu entziehen. Mit einer veränderten Frisur oder einer Perücke, einem veränderten oder falschen Bart, mit farbigen Kontaktlinsen, mit einer dunklen oder verspiegelten Sonnenbrille, mit Schminke und Verkleidung und schließlich auch mit chirurgischen Eingriffen kann eine Person sich maskieren, ohne dass es auffallen würde. Wer merkt schon, dass die Frau mit den hohen Absätzen, dem lockigen Haar, der Sonnenbrille usw. in Wirklichkeit ein Mann ist? Wer merkt schon, dass diese Person ebenso wenig wie eine Frau, die Niqāb trägt, identifiziert werden kann? Der Niqāb ist eine auffallende Maskierung - gegenüber etlichen Maskeraden, die aufgrund ihrer Nachahmung einer „normalen” Person gar nicht auffallen, selbst wenn aus einem Mann eine Frau wird, aus einem jungen Menschen ein alter, aus einer Frau mit langen schwarzen Haaren mittels einer Glatzenperücke ein kahlköpfiger Mann.

Wer nun den Niqāb verbietet, nicht aber ein solches Maskieren, der macht sich wiederum eines Doppelstandards schuldig.

Ein viertes Problem ist, dass es Menschen gibt, die gar nicht zweifelsfrei zu identifizieren sind. Die Rede ist von eineiigen Zwillingen, Drillingen usw., von zufälligen Doppelgängern und von solchen Menschen, die bewusst das Aussehen einer anderen Person nachahmen. Der Extremfall ist sicherlich eine Person, die sich durch chirurgische Eingriffe, Make-up, Kleidung usw. so weit wie möglich in eine andere Person oder eine Kunstfigur verwandelt. Häufiger sind Personen, die wie bekannte Persönlichkeiten aussehen, und mehr oder weniger häufig als deren Doubles auftreten.

Wer nun den Niqāb verbietet, aber nicht solche Doppelgängereien, der macht sich wiederum eines Doppelstandards schuldig. Denn wer nicht einwandfrei zu identifizieren ist, der ist im Zweifelsfall gar nicht zu identifizieren, auch wenn wir zu wissen glauben, wen wir vor uns haben.

Der nächste Doppelstandard lauert da, wo Menschen sich bei kalter Witterung einmummen, bis nur noch ihre Augen zu sehen sind.

Wer muslimischen Frauen auch das gelegentliche Verschleiern mit einem Niqāb untersagt, muss auch das gelegentliche Einmummen im Winter, das gelegentliche Maskieren, das gelegentliche Dasein als Doppelgänger untersagen.

Natürlich kann man Frauen kaum erlauben, sich nur gelegentlich mit einem Niqāb zu verschleiern. Wer will überprüfen, dass sie es wirklich nur gelegentlich tun? Oder dass sie sich einfach weigern, das Haus zu verlassen, wenn sie es eben nicht tun?

Ein Niqāb-Verbot, das nur das ständige Verschleiern untersagt, kann nicht umgesetzt werden. Man müsste dann ja auch durchsetzen, dass Menschen sich auch sonst nur gelegentlich maskieren - und nicht ständig etwa ein Heino-Double darstellen oder wie eine „Barbie”-Puppe herumlaufen.

Apropos „lebende Puppe”: Ab wann steckt etwa ein Mädchen, das sich in eines dieser Kunstgeschöpfe verwandelt, von denen Natasha Walter in ihrem Buch „Living Dolls - Warum junge Frauen heute lieber schön als schlau sein wollen” schreibt, so sehr in einer „Burka des Westens”, dass sie nicht mehr guten Gewissens als eine natürliche Person identifiziert werden kann, als das Mädchen, das sie eigentlich ist?

Die „Burka des Westens” mit ihren Silikonbrüsten, den aufgespritzen Lippen, der chirurgisch umgebauten Nase, dem ein menschliches Gesicht karikierendes Make-up, den die Haltung und die Gehbewegungen völlig verändernden High Heels, den jede Mimik lahm legenden Botox-Injektionen, dem Outfit einer „Sexgöttin” - wie weit ist sie im Grunde genommen, wenn die Frau nur noch eine „lebende Puppe” ist, vom Niqāb muslimischer Frauen entfernt?

Oder ist es nicht sogar so, dass der Niqāb die Trägerin weniger maskiert als diese Versuche mancher junger Mädchen (oder verzweifelt jung bleiben wollender Frauen), dem Idealbild einer glamourösen, begehrten Porno-Darstellerin zu entsprechen - bis hin zu operativ „verschönerten” Genitalien, um den Männern zu gefallen, die keine zu großen inneren Schamlippen und keine vorstehende Klitorisvorhaut sehen wollen, sondern dass da alles „schön” glatt ist?

Es ist doch so, dass der Niqāb nicht die einzige Maskierung ist - sie ist nur die Maskierung, die auffällt. Gerade auch, weil sie dem westlichen Körperkult eine radikale Abfuhr erteilt.

Der öffentliche Raum ist voller Menschen, die irgend eine Form der Maske tragen. Und wenn wir ganz ehrlich sind - in den meisten Begegnungen mit anderen Menschen tragen wir eine Maske vor uns her. Unsichtbar zwar, aber eben dennoch eine Maske. Wir geben vor, etwas zu sein, was wir nicht sind. Wir wollen als jemand identifiziert werden, der wir eigentlich nicht sind. Wir brauchen zum Teil Drogen, um die Maskerade aufrecht zu erhalten.

Der Niqāb der muslimischen Frau - er hält uns allen einen Spiegel vor. Darin sehen wir uns alle als maskierte Personen, die nicht identifiziert werden können. Die sich anders geben als sie sind - und sehr darauf achten, dass man sie nicht anders kennenlernen kann als so, wie wir uns präsentieren, darstellen wollen. Wir maskieren uns, um Wertschätzung zu erfahren. Und das nicht nur gelegentlich - nein, wir tragen diese Masken ständig. Bis wir irgendwann den Zusammenbruch erleben - unsere größte Angst, dass wir so fertig sind, so am Ende, so alt, dass uns die Maske weggerissen wird, man uns so sieht, wie wir wirklich sind - nackt, wertlos. Wir versuchen dann oft, sie mit Alkohol oder Drogen wieder festzukleben.

In dieser Gesellschaft gibt es höchstens 6.500 Frauen, die einen Niqāb tragen - und Millionen Frauen und Männer, die ohne eine Maske nicht leben können. Schon als Kinder lernen wir, uns zu maskieren. Etwas vorzutäuschen, um anderen zu gefallen, um zu bekommen, was wir wollen. Um wertgeschätzt zu werden. Bis ins hohe Alter müssen wir die Maskerade aufrecht erhalten.

Dass wir diese Maskerade dulden, aber den Niqāb verbieten wollen - das ist vielleicht der größte Doppelstandard, dessen wir uns schuldig machen.

Wir lassen zu, dass Alkohol und Drogen und alle Arten von Abhängigkeiten wie Arbeit, Karriere, Sex, Beziehungen und so weiter uns Masken aufzwingen, die nicht mehr zulassen, dass der wahre Mensch identifiziert werden kann. Weil wir diesen ursprünglichen Menschen für nicht wertvoll halten. Wer soll uns schon für das wertschätzen, was wir wirklich sind? Wir müssen uns doch als dieser tolle Hecht, als diese begehrenswerte Frau maskieren, damit wir Wertschätzung erfahren, damit man uns liebt.

Wie gesagt: Die muslimischen Frauen mit ihrem Niqāb erinnern uns ständig daran. Sie halten uns einen Spiegel vor. Was wir beim Anblick einer verschleierten Frau so oft zu sehen glauben, der unterdrückte Mensch, der unfreie Mensch, der Mensch, der nicht wertgeschätzt wird, nicht gewürdigt wird - unbewusst sehen wir uns selbst, beschreiben diese Bilder uns selbst. Sie zeigen, wie gefangen wir sind in unseren Versuchen, eine Identität vorzutäuschen, die nicht unsere wahre Identität ist.

Wir sehen bei den Muslimen einen Splitter im Auge und wollen ihn herausziehen - und nehmen dabei nicht den Balken in unserem eigenen Auge wahr. Wir sehen den Niqāb muslimischer Frauen und wollen sie befreien - und sehen nicht, wie dringend wir von unseren Masken befreit werden müssten, mit denen wir anderen etwas vortäuschen, was wir nicht sind.

Wer ohne Maske ist, der spreche von Identifizierbarkeit, von Kennenlernen, von Wertschätzen. Aber wir, die wir so viele Masken tragen, um als jemand identifiziert zu werden, der wir nicht sind, um als jemand kennengelernt zu werden, der ein wertvoller Mensch ist, ums wertgeschätzt zu werden - wir sind gar nicht in der Position, muslimischen Frauen ihren Niqāb zu verbieten.