In der Debatte um das Tragen des Niqāb in der Öffentlichkeit und die damit häufig einhergehende Verbotsforderung werden die Termini „identifizieren” und „erkennen” häufig synonym verwendet. Aber die Begriffe sind nicht beliebig austauschbar, wie man an folgendem Satz erkennen kann:

„Man kann eine Niqābi nur ohne ihren Niqāb identifizieren - und man kann eine Niqābi nur mit ihrem Niqāb erkennen.”

Eine Person zu identifizieren bedeutet, ihre Identität zweifelsfrei festzustellen. Meist geschieht das durch den Abgleich mit einem Lichtbildausweis. Dann hat man die Identität zu einer Person festgestellt - den Namen, den Geburtstag, die Staatsangehörigkeit, den Geburtsort, die Augenfarbe, die Größe, die Anschrift (beim deutschen Personalausweis allerdings, anders als beim Reisepass, nicht das Geschlecht).

Oftmals begnügt man sich freilich bei der Überprüfung der Identität schon mit einem Identitätsausweis ohne Lichtbild. Der Deutschen Bahn reicht meine BahnCard und anderen Stellen meine Kreditkarte (meist wenn ich sie vorher als Identifikationskarte angegeben habe). Und müsste ich die Identität einer Niqābi überprüfen, müsste aber dabei nicht Gesicht und Lichtbild miteinander vergleichen, weil mir aufgrund der Umstände der Besitz des Ausweises als Identitätsbestätigung ausreicht, dann würde ich das Lichtbild mit meinem Daumen abdecken.

Übrigens ist die Feststellung der Identität in Deutschland durch das allgemeine Persönlichkeitsrecht geschützt. Nur die Polizei und die Staatsanwaltschaft dürfen die Identität feststellen. Darüber hinaus kann die Identifizierung im Vertragsrecht geregelt sein. Sie ist aber kein „Jedermannsrecht”.

Wenn ich die Identität einer Person festgestellt habe, bedeutet das zwar, dass ich sie (wieder-) erkennen kann - aber kann ich sie wirklich nur anhand dieser Daten und eines Lichtbildes ihres Gesichts erkennen?

Der Begriff „erkennen” ist deutlich vielschichtiger als nur die Feststellung der Identität.

Er bezieht häufig viel mehr Fakten ein als nur diejenigen, die auf dem Personalausweis vermerkt sind. Und oftmals sind es nicht nur Fakten, sondern auch Vermutungen, Verdächtigungen, Klischees oder Vorurteile.

Und manchmal „erkenne” ich eine Person auch nur beim Vorübergehen, weil ich sie schon einmal gesehen habe, aber ich kenne nicht ihren Namen, vielleicht nicht einmal ihr Geschlecht, weil manche Menschen doch sehr androgyn aussehen - oder in ihrem Aussehen keinem jener Stereotype entsprechen, das wir von „Frauen” und „Männern” haben, bzw. die den Klischees widersprechen (prominentestes Beispiel ist wohl der (?) österreichische Sänger und Travestiekünstler „Conchita Wurst”, Thomas Neuwirth).

Kann ich eine Niqābi erkennen, wenn sie ohne Niqāb ist? Oder ist ihr Niqāb nicht so sehr mit ihrer Person verbunden, dass ich sie ohne Niqāb zwar identifizieren, aber nicht wirklich erkennen kann? Weil „erkennen” eben auch bedeuten kann, eine Person in ihrer ganzen Persönlichkeit wahrzunehmen?

Wenn ich den Niqābi ihren Niqāb verbiete, dann kann ich diese Niqābi nicht mehr „erkennen”, wenn damit die Wahrnehmung einer Person in ihrer ganzen Persönlichkeit gemeint ist.

Um eine Person zu „erkennen” - nämlich in ihrer ganzen Persönlichkeit -, muss ich darüber hinaus auch zulassen, dass sie ihre persönliche Meinung ausdrückt. Wie soll ich eine Person, die ihre persönliche Meinung nicht frei äußern darf, in ihrer ganzen Persönlichkeit wahrnehmen? Der Niqāb einer muslimischen Frau ist eine nonverbale Meinungsäußerung von ihr. Er gehört dazu, wenn ich sie in diesem umfassenden Sinn als Persönlichkeit „erkennen” will.

Ehe wir also in der Niqāb- und Burqa-Debatte darüber sprechen, dass eine Person im öffentlichen Raum zu erkennen sein muss, müssen wir definieren, was „erkennen” bedeutet:

  1. Die Identität einer Person feststellen
  2. Verstehen, was ein anderer Mensch ist
  3. Eine uns bereits bekannte Person erkennen
  4. Eine Person in ihrer ganzen Persönlichkeit wahrnehmen

Das erste, die Feststellung der Identität, ist wie gesagt kein „Jedermannsrecht”. Das allgemeine Persönlichkeitsrecht sichert jedem Menschen zu, seine Identität nicht jeder Person offenbaren zu müssen. In Deutschland verhilft sogar die Vorlage des Personalausweises und der damit mögliche Abgleich von Gesicht und Lichtbild nicht dazu, das Geschlecht zu identifizieren; denn dieses wird im Personalausweis nicht vermerkt.

In der Öffentlichkeit müssen wir es hinnehmen, dass wir nicht jede Person identifizieren können.

Das zweite, das Verstehen, was ein anderer Mensch ist, betrifft die Frage: „Mit was habe ich es zu tun?” Ist es eine Frau oder ein Mann? Ist eine religiöse Zugehörigkeit zu erkennen? Ist es ein Mensch, von dem ich die Möglichkeit einer Gefährdung meiner eigenen oder der allgemeinen Sicherheit erwarte? Was führt er bei sich? Was führt er im Schilde?

Hier geht es nicht um das „Wer”, sondern um das „Was”, nicht um die Person, sondern um die Kategorisierung, die Zuordnung, die Schublade, in die ich diese „Person”, die für mich eigentlich keine ist, stecken kann, um Etiketten und Schlagworte.

Es wird hoffentlich schon an dieser Stelle deutlich, wie problematisch dieses „Erkennen” eines Wesens ist, das ich nicht als Person sehe, sondern mit Schlagworten versehe. Es geht hier nicht wirklich um ein „Erkennen”, sondern um ein „Einordnen”. Freund oder Feind? Harmlos oder gefährlich? Deutscher oder Terrorist? Wir glauben, ein „offenes Gesicht” oder ein „offenes Visier” helfe uns bei der Kategorisierung, aber rational gesehen ist das natürlich magisches Denken. Auch der böseste Mensch, der hinter seinem Rücken ein Messer verbirgt, kann uns freundlich anlächeln.

Der Niqāb hilft mir andererseits, eine Person einzuordnen, wenn auch nur in ein Stereotyp, in eine Kategorie: Eine religiöse, gottesfürchtige Frau, die mit ihrem Niqāb ihre Liebe zu Gott ausdrückt. Das ist jedenfalls die Schublade, die ich persönlich aufmache, wenn ich eine Frau mit Niqāb sehe. Es ist und bleibt ein Klischee - und sagt vor allem etwas über mich aus, nicht über die Person, um die es geht.

Wir wollen das Gesicht sehen und auch möglichst viel sonst, um diese Person einschätzen zu können - und werden sie dennoch nicht „erkennen”. Wir werden ihrer Persönlichkeit nicht gerecht werden. Was weiß ich denn schon wirklich, wenn ich in das Gesicht eines Menschen sehen kann? Weiß ich dann wirklich, wer das ist?

Nein - das weiß ich nicht. Ich sehe eine Person, ohne sie zu erkennen. Ich sehe sie, ordne sie in Kategorien ein, aber ich sehe nur, was ich sehen will. Was meine Psyche mich sehen lässt.

Halten wir also fest: Dieses zweite „Erkennen” hat mit dem Erkennen einer Person de facto nichts zu tun.

Es hat nur mit den Bildern zu tun, die in meinem Kopf sind. Mit meinen Stereotypen, meinen Vorurteilen, meinen Verdächtigungen.

Ein kleines Bibelwort dazu: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an” (1. Samuel 16,7). Der fromme Antoine de Saint-Exupéry lässt den Fuchs zum „kleinen Prinzen” sagen: „Hier mein Geheimnis. Es ist ganz einfach: man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.” Ja, und manchmal sehen wir mit den Augen schlecht, weil wir durch die Brille unserer Vorurteile, unserer Verdächtigungen, unserer Klischees sehen.

Das dritte, das Erkennen einer uns bereits erkannten Person, trifft ja nur auf jene zu, die sich bereits kennen. Die also irgend eine Beziehung zu einander aufgebaut haben. Dies im öffentlichen Raum zu regeln kann nicht Gegenstand von Verordnungen und Gesetzen sein. Es muss immer eine Sache auf persönlicher Ebene sein.

Das vierte, die Wahrnehmung einer Person in ihrer ganzen Persönlichkeit, erfordert, dass ich eine Niqābi mit ihrem Niqāb wahrnehme, um sie wirklich erkennen zu können. Ein Verbot des Niqāb macht es mir unmöglich, sie zu erkennen - ich erkenne nur eine beschnittene, eine verstümmelte Person.

Ich nehme eine Person in der Form wahr, wie ich sie gerne hätte - aber nicht, wie sie wirklich ist. Ich müsste eigentlich wahrnehmen, dass sie durch meine Schuld weniger von dem ist, was sie eigentlich sein will. Ich müsste sehen, dass ich sie nach meinem Bild umgestaltet habe. Ich habe damit ihre Würde verletzt.

Wirklich erkennen kann ich einen Menschen nur, wenn ich ihn kennenlerne. Dazu reicht es nicht, sein Gesicht sehen zu können. Seine Identität festzustellen. Und der Blick auf einen Menschen kann dank meiner Vorurteile und Klischees sogar verhindern, ihn kennenlernen zu wollen.

Die höchste Ebene des Erkennens findet da statt, wo Menschen in guten nachbarschaftlichen Beziehungen miteinander leben, wo die einander helfen, voneinander lernen, miteinander feiern (Konvivenz). Wo man sich auf Augenhöhe begegnet.

Eine Niqābi kennenzulernen ist allerdings meist vor allem Frauen möglich - nicht eigentlich wegen des Niqāb, sondern wegen der vielen gläubigen Muslimen so wichtigen Geschlechtertrennung; denn für sie ist eine Vermischung der Geschlechter ebenso Ḥarām wie der Genuss von Alkohol oder Schweinefleisch (und hat aus Sicht der gläubigen muslimischen Frauen nichts mit Unterordnung der Frauen, fehlender Freiheit oder mangelnder Gleichberechtigung zu tun).

In diesem Zusammenhang dienen Hidschāb und Niqāb als „Leitplanken” für eine Integration von Frauen und Männern. Ohne sie gäbe es im Prinzip gar keine Begegnungen zwischen Frauen und Männern - Hidschāb und Niqāb sind keine hochgezogene Zugbrücke, sondern öffnen Fenster (allerdings nicht Türen, um im Bild zu bleiben).

Das eben erwähnte konvivente Miteinander, das einander Helfen, voneinander Lernen und - ganz wichtig - miteinander Feiern bezieht hier vor allem Frauen ein. Sind Frauen unter sich, dann sind sie es freilich ohne Hidschāb und Niqāb, also bei weit geöffneten Türen.

Dass Männer und Frauen, die Niqāb tragen, einander nur eingeschränkt begegnen können, würde sich im Übrigen nicht ändern, wenn man den Niqāb verbietet. Ein Verbot würde nur dazu führen, dass die Frauen gegebenenfalls ihr Haus nicht mehr verlassen werden.