In unserer Gesellschaft verstehen wir den Niqāb leicht als ein Hindernis, eine Barriere zwischen den Frauen, die ihn tragen - also „ihnen” - und „uns”, die wir nur den Niqāb vor uns sehen, nicht aber das Gesicht der Frau.

Sie und wir, Muslime und Nichtmuslime, muslimische Frauen und eine - aus welchen Gründen eigentlich? -  abgelehnte Gesellschaft, muslimische Frauen, die sich von uns abgrenzen, absondern, muslimische Frauen, die sich nicht mit uns integrieren wollen.

Dieses Verständnis trifft jedoch in keiner Weise den Grund, warum muslimische Frauen in der Öffentlichkeit einen Niqāb tragen. Den Grund, den wir nur so schwer verstehen.

Im Folgenden versuche ich den Grund aus Sicht gläubiger (konservativer) Muslime zu erklären.

Vielleicht hilft es beim Verstehen, wenn uns klar wird: Wenn eine Frau, die Niqāb trägt, in der Öffentlichkeit einer anderen Frau begegnet, die ebenfalls Niqāb trägt, dann werden beide ihren Niqāb solange nicht abnehmen, wie sie nicht unter sich sind. Der Niqāb „trennt” manchmal auch zwei Frauen, die beide Niqāb tragen. Hier wird klar: Es geht also nicht um „sie” und „uns”.

Der Niqāb ist nicht das, was die Frauen, die ihn tragen, von „uns” trennt.

Zugrunde liegt hierbei die vielen gläubigen Muslimen so wichtige Geschlechtertrennung. Ohne den Niqāb wäre die Trennung in der Öffentlichkeit absolut, Männer und Frauen würden in der Öffentlichkeit gar nicht zusammenkommen.

Der Niqāb jedoch ermöglicht, dass Frauen und Männer in einem geschützten Rahmen zusammen kommen können. Er ist also grundsätzlich kein Hindernis, keine Barriere, keine Abgrenzung, keine Absonderung - er schafft einen Rahmen, der eine Begegnung möglich macht. Nur mit ihm kann sie die Geschlechtertrennung in gewissen Grenzen überwinden.

In einem gewissermaßen kleineren Rahmen übernimmt bereits der Hidschāb diese Aufgabe. Wenn eine Frau einem fremden Mann begegnet, der für sie kein Mahram ist, dann muss sie mit ihrem weit geschnittenen Hidschāb ihren gesamten Körper mit Ausnahme ihres Gesichts, ihrer Hände und ihrer Füße bedecken. Das ist in allen vier traditionellen Rechtsschulen des sunnitischen Islam (und auch im schiitischen Islam sowie bei den Ahmadiyya) Farḍ, also Pflicht. Eine gläubige Muslime wird sich daran halten.

Hidschāb ist also Farḍ. Er ermöglicht es Frauen, sich in der Öffentlichkeit gemeinsam mit Männern aufzuhalten, sich zu integrieren.

Dabei gilt für die Männer ebenso als Farḍ, dass sie gegenüber einer Frau den Blick senken sollen. Sie sollen die Frauen vor allem nicht mit begehrlichen Blicken ansehen. Der gesenkte Blick der Männer ist für eine gläubige Frau neben ihrem Hidschāb eine Voraussetzung dafür, dass sie sich gemeinsam mit Männern in der Öffentlichkeit integriert.

Der Niqāb ist in den vier traditionellen Rechtsschulen des sunnitischen Islam Sunna, genauer gesagt Mustaḥabb (wünschenswert).

Wenn die Frau nun aber Fitna (Versuchung, Prüfung) fürchtet (etwa weil einige Männer ihre Blicke nicht senken), dann wird der Niqāb nach diesen Rechtsschulen Farḍ, also Pflicht. Nur mit ihm kann sie sich dann in der Öffentlichkeit mit Männern aufhalten. Nur mit dem Hidschāb und dem Niqāb kann sie die Geschlechtertrennung in gewissen Grenzen überwinden - auch dann, wenn sie Fitna fürchtet. 

Fassen wir zusammen: Die vielen gläubigen Muslimen wichtige Geschlechtertrennung verhindert, dass Frauen und Männer in der Öffentlichkeit zusammenkommen. Sie ist die eigentliche Barriere, das eigentliche Hindernis - nicht zwischen Muslimen und Nichtmuslimen, sondern unabhängig von der jeweiligen Religionszugehörigkeit zwischen Frauen und Männern. Der Hidschāb und unter bestimmten Bedingungen der Niqāb heben dieses Hindernis teilweise wieder auf.

Würde man nun den Niqāb oder sogar den Hidschāb verbieten, müssten gläubige Muslime wieder zum ursprünglichen Zustand der Geschlechtertrennung zurückkehren - Männer und Frauen wären völlig getrennt. Die Frauen müssten sich in Frauenbereichen aufhalten, nur andere Frauen, der jeweilige Ehemann und die Männer, die für sie Mahram sind, hätten noch Zugang zu den Frauen.

Hidschāb und Niqāb sind Schranken; sie ermöglichen ein eingeschränktes Miteinander zwischen Frauen und Männern, eine eingeschränkte Integration, die sehr gläubigen Muslimen, die ihren Glauben ernst nehmen, sonst ganz unmöglich wäre.

Versuchen wir also zu verstehen: Hidschāb und Niqāb sind keine Abgrenzung, keine Absonderung, kein Hindernis, sondern „Leitplanken” für eine nach islamischem Recht erlaubte Begegnung von Frauen und Männern.

Eine Niqābi kennt beide Seiten dieser „Leitplanke” - immer, wenn sie in der Öffentlichkeit einer anderen Niqābi begegnet, tragen sie beide ihren Niqāb. Da wird deutlich, dass es da kein „sie” und „wir” gibt.


Wir haben nun mehrmals über die Geschlechtertrennung gesprochen, die dem Hidschāb und dem Niqāb zugrundeliegt und von diesen teilweise überwunden wird.

Für gläubige Muslime ist die Geschlechtertrennung von großer Bedeutung. Sie ist für sie eine religiöse Pflicht - etwa auf einer Stufe mit dem Verbot, Alkohol oder Schweinefleisch zu konsumieren.

Wegen dieser Pflicht geben Männer und Frauen einander nicht die Hand (das wird durchaus auch als Zeichen des Respekts verstanden), und wegen dieser Pflicht dürfen sich Frauen und Männer nur zusammen in der Öffentlichkeit aufhalten, wenn die Frau Hidschāb oder auch Niqāb trägt und der Mann seinen Blick gesenkt hält (auch dies wird von Muslimen wiederum auch als Zeichen des Respekts verstanden).

Für uns in der westlichen und post-christlichen Gesellschaft, die sich mit allen religiösen Vorschriften (und vor allem mit denen, die Menschen aufgrund einer bestimmten Eigenschaft unterteilen und unterschiedlich behandeln) schwer tut, ist die Geschlechtertrennung ein Relikt aus der Vergangenheit (wobei es in bestimmten Bereichen immer noch eine Geschlechtertrennung gibt, und etwa mit „Unisex-Toiletten” tun sich immer noch viele Menschen schwer).

Wir glauben, dass es heute keine Geschlechtertrennung mehr geben sollte, dass sie die Gleichberechtigung behindert, die Unterdrückung der Frauen befördert und ihnen volle Freiheit vorenthält. Wir glauben, dass sie die Emanzipation zurückwirft.

Emanzipation heißt im Westen, dass Frauen sich in ihrem Verhalten nicht von Männern unterscheiden, sich nicht von ihnen abgrenzen müssen. Jede Frau, die sich nun doch eher „weiblich” verhält, wird eher skeptisch beäugt. Man argwöhnt eine Prägung durch patriarchale Strukturen. Das gilt um so mehr, je eher die Frau sich vermeintlich oder tatsächlich einem Mann unterordnet. Gerade Geschlechtertrennung, Kopftuch und Schleier werden im Westen auf der Folie christlicher Vorstellungen gesehen - und da ist das Kopftuch halt vor allem ein Zeichen der Unterordnung der Frau unter den Mann.

Für eine gläubige muslimische Frau bedeuten ihre Rolle als Frau im Islam und auch ihre Pflicht zur Bedeckung aber nicht Unterordnung unter den Mann, sondern Zuordnung zum Mann. Sie versteht die westliche Vorstellung, das Kopftuch sei Zeichen der Unterordnung der Frau unter den Mann, gar nicht. Für sie bedeutet die Geschlechtertrennung keine Unterdrückung der Frau, meine mangelnde Freiheit der Frau, keine fehlende Gleichberechtigung.

(An dieser Stelle gibt es natürlich einige Frauen, die im Riss zwischen dem postreligiösen Westen und dem religiösen Islam stehen. Für sie ist der Hidschāb mehr Zeichen der Zugehörigkeit zum Islam, mehr ein Erkennungszeichen: „Ich bin eine Muslima, meine Religion ist der Islam.” Aber um diese Frauen soll es in diesem Text nicht gehen.)

Jede gläubige, konservative Muslima wird erklären, dass ihr nichts an der Gleichberechtigung der Geschlechter fehlt, nur weil die Geschlechter grundsätzlich getrennt sind, nur weil sie für das Miteinander von Frauen und Männern einen Hidschāb oder auch einen Niqāb trägt (sie erkennen durchaus, wenn sie tatsächlich ungerecht behandelt werden, wenn sie unterdrückt werden - aber sie wollen sich nicht von anderen vorschreiben lassen, wann sie sich ungerecht behandelt fühlen müssen und wann nicht).

Wollen wir einer muslimischen Frau unsere Vorstellung von Gleichberechtigung aufzwingen, wenn sie doch freiwillig nach anderen Werten lebt, die sie als die für sie gültigen Werte erkannt hat, nach denen sie auch eine für sie gerechte Behandlung erfährt? Das wäre dann ein Ausdruck von Kulturrassismus (mit einer häufig streng anti-religiösen Nuance).

Aus alledem folgt nun also: Wenn eine muslimische Frau auf ihrem Hidschāb oder auch ihrem Niqāb besteht, wenn sie sich mit Männern integriert, dann haben wir nicht das Recht, ihr das zu verbieten. Ein Verbot würde in jedem Fall so weit in ihre eigenen Werte eingreifen, in ihre eigenen Überzeugungen, dass es einem kulturrassistischen Übergriff gleichkäme. Und weil es für sie an dieser Stelle auch um eine Frage der Geschlechtlichkeit, der sexuellen Identität, geht, wäre es auch ein sexualisierter Übergriff. Es wäre eine Verletzung ihrer Würde.

Diesem Übergriff könnte sie sich nur entziehen, indem sie die Öffentlichkeit meidet, in der sie Männern begegnen könnte, ohne sich mit Hidschāb oder Niqāb vor einer Verletzung ihrer Würde schützen zu können.

Alles andere würde einer Aufgabe auch ihres Glaubens, ihrer Religion gleichkommen.

Für die westliche Gesellschaft entsteht objektiv betrachtet kein Nachteil, wenn wir gläubigen muslimischen Frauen Hidschāb und auch Niqāb als „Leitplanken” für eine Integration von Frauen und Männern zugestehen. Alles andere wäre nicht Integration, sondern Assimilation.


Eine letzte Anmerkung. Weiter oben schrieb ich, es sei durchaus auch ein Zeichen des Respekts, wenn Frauen und Männer einander nicht die Hand geben, wenn Frauen Hidschāb oder Niqāb tragen.

Auch das ist für uns eher schwer zu verstehen.

Muslimische Männer, die westlichen Frauen nicht die Hand geben, muslimische Frauen, die vor westlichen Männern nicht den Hidschāb oder den Niqāb abnehmen - sie behandeln uns damit ebenso, wie sie auch Muslime behandeln würden. Sie unterscheiden in ihrem Handeln gegenüber anderen nicht aufgrund der religiösen Zugehörigkeit, sondern behandeln Muslime und Nichtmuslime gleich.

Es ist also eine Begegnung auf Augenhöhe - und darum respektvoll. 

Dies auch, weil etwa ein muslimischer Mann keiner freien Frau die Hand geben darf - aber eine unfreie Frau oder ein Kind dürfte er berühren. Gibt er nun einer nichtmuslimischen Frau die Hand, kann man durchaus denken, dass er sie abschätzig behandelt.