Die Antisemitismus-Forschung kennt den von Natan Sharansky entwickelten 3-D-Test, um Israelkritik daraufhin zu untersuchen, ob sie antisemitisch ist oder nicht: Israelkritik sei immer dann antisemitisch, wenn sie Dämonisierung, Doppelstandards und Delegitimierung aufweist.

Grundsätzlich eignet sich der 3-D-Test immer, um bestimmte Formen der Kritik, die auf eine Gruppe von Menschen abzielt, als eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit - oder Rassismus - zu entlarven. Und manchmal gibt es sogar mehr als nur drei D's, die den menschenfeindlichen Charakter der Haltung einer Gruppe gegenüber ans Licht holen.

So nimmt es nicht Wunder, dass auch die Kritik an den Frauen, die Niqāb tragen, mit dem einen oder anderen „D” treffend beschrieben und damit einer gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit zugeordnet werden kann. Ich habe sogar sechs D-Test-Fragen gefunden, neben Dämonisierung, Delegitimierung, Doppelstandards auch noch Depersonifizierung, Desintegration und Desinformation.

Dämonisierung

Dämonisierung liegt immer dann vor, wenn die Niqābi weniger als ein normaler Mensch, sondern vielmehr wie eine „dämonische Figur” betrachtet wird, die böse bzw. schlechte Absichten hat.

Die Niqābi wird beispielsweise dämonisiert, wenn man pauschal...

  • behauptet, eine Niqābi unterstelle den Männern, sie würden über sie herfallen, würde sie mehr als nur ihre Augen her zeigen
  • behauptet, eine Niqābi unterstelle unverschleierten Frauen, dass sie Schlampen oder Huren seien
  • behauptet, es sei nicht klar, wer unter dem Schleier stecke - eine Frau, ein Mann oder womöglich ein Terrorist
  • behauptet, es sei möglich, dass unter dem Schleier eine Bombe oder eine Waffe versteckt ist

Die beiden letzten Punkte sind dann dämonisierend, wenn man diese Behauptungen bei anderen Personen nicht aufstellt, obwohl sich jeder Mann leicht als Frau verkleiden kann, obwohl in jedem Kinderwagen, in jedem Rucksack, in jedem Geigenkasten, in jeder Satteltasche, in jedem Fahrradanhänger oder in was auch immer eine Bombe oder eine Waffe versteckt sein könnte. Wird die Behauptung nur aufgestellt, weil es sich um eine Frau im Niqāb handelt, wird die Frau dämonisiert.

Die Niqābi wird auch dann dämonisiert, wenn man...

  • behauptet, diese Frauen seien Teil einer Verschwörung gegen das „jüdisch-christliche Abendland”
  • behauptet, sie hätten das Ziel, Europa zu islamisieren...
    • so dass früher oder später jede Frau eine „Burka” wird tragen müssen
    • überhaupt bald jede Frau und jeder Mann, der nicht zu ihnen gehört, ein viel schlechteres Leben wird führen müssen
  • eine Kollektivanklage gegen die Frauen im Niqāb führt
  • jede ihrer Handlungen und Verhaltensweisen aus allen normalen Proportionen heraus reißt
  • behauptet, dass sie die Frauenrechte zurückwerfen und der Emanzipation schaden

Liegt eine Dämonisierung vor, wird der Niqāb häufig wahlweise (je nach Situation) mit der Kleidung der SS oder anderer Nazis verglichen - oder aber mit der von KZ-Insassinnen. Darunter geht es eigentlich nie - der dämonisierende Vergleich mit den Tätern oder Opfern des Nazi-Regimes darf nie fehlen.

Entweder zwingt man den Frauen mit dem Niqāb etwas auf, so wie einst die Nazis den Juden den gelben Stern aufgezwungen haben - oder der Niqāb wird mit dem Hakenkreuz verglichen, der Niqāb ein Zeichen einer dämonischen Ideologie ganz wie damals das Hakenkreuz oder die SS-Runen.

Delegitimierung

Grundsätzlich hat derjenige, der die Niqābi dämonisiert, ein Problem - das Tragen des Niqāb wird vom Recht auf freie Ausübung der Religion geschützt.

Auf die Dämonisierung muss darum die Delegitimierung folgen.

Die Niqābi wird delegitimiert, indem man...

  • das legitime Etikett „Religion” aberkennt
  • behauptet, der Niqāb habe gar nichts mit dem Islam zu tun...
    • Er sei wahlweise eine vorislamische Tradition
    • oder erst lange nach Muhammad eingeführt worden
  • behauptet, der Niqāb sei Kennzeichen einer verfassungsfeindlichen Organisation

Hat der Niqāb nun angeblich nichts mit dem Islam zu tun, so hat er auch nichts mit Religion zu tun (und ist angeblich schon gar keine religiöse Gesetzmäßigkeit, keine Pflicht) - und steht damit nicht mehr unter dem Schutz der Religionsfreiheit. Ein Verbot steht dann von der Legitimation her auf einer Linie mit dem Verbot, nackt herumzulaufen.

Die Niqābi wird darüber hinaus delegitimiert, indem man...

  • den Niqāb nicht nur aus dem Bereich der Religion heraus löst
  • sondern als Symbol einer Ideologie betrachtet - des „Islamismus”, des „Salafismus
  • behauptet, hinter dem Niqāb stecke immer eine politische, die Religion missbrauchende Ideologie, die schon wieder dämonisiert (und gerne mit dem Nazi-Regime verglichen) wird

Die Niqābi wird des weiteren delegitimiert, indem man...

  • die „Kultur” plötzlich zum Maßstab für Legitimität erklärt

Was legitim ist, bestimmen dann nicht allein Recht und Gesetz, sondern auch angebliche „kulturelle Werte”, als wenn es diese hierzulande in einer homogenen Form gäbe und nicht gerade die Toleranz ein bedeutender Faktor unserer Kultur wäre. Wer die Niqābi delegitimiert, erwartet von ihnen die Erfüllung kultureller Werte, die er von anderen nicht erwartet, und er bringt ihnen keine Toleranz entgegen.

Einer dieser Werte greift nun wieder auf die Dämonisierung zurück:

Etwa um die Jahrtausendwende kam der Slogan „Gesicht zeigen!” auf, um für den Kampf gegen Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit zu werben. Nun, rund 15 Jahre später, fordert man von den Frauen plötzlich, sie mögen doch ihren Niqāb ablegen und „Gesicht zeigen!”. Damit wird zum einen die Niqābi auf eine Stufe mit Rechtsextremisten gestellt, zum anderen wird ein Slogan, der sich ursprünglich gegen Ausländerfeinde richtete, gegen die Niqābi ins Feld geführt. Abgesehen davon, dass damit ein zentraler Slogan des Kampfes gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit sinnentleert und auf ein einfaches Zeigen des Gesichts reduziert wird, findet eine Gleichsetzung der Niqābi mit jenen Personen statt, die normalerweise gegen Niqābi hetzen. Hier werden in übelster Weise die Rollen von Tätern und Opfern vertauscht. Das Opfer von rechtsextremer und fremdenfeindlicher Hetze wird mit den Tätern gleichgestellt und Ziel des Kampfes.

Ein anderer Wert dämonisiert die Frauen ebenfalls. Sie sollen der Gesellschaft mit „offenem Visier” gegenübertreten. Dies ist ein Begriff aus der Militärsprache. Das Visier war Teil der Ritterrüstung und diente dem Kampf. Mit der Aufforderung, mit „offenem Visier” zu kämpfen, wird die Niqābi militarisiert, wird quasi als Kriegs-Dämonin dargestellt. Sie führt einen Krieg gegen unsere Gesellschaft, und sie tritt mit einem „geschlossenen Visier” gegen uns an, weil sie angeblich etwas zu verbergen hat, weil sie angeblich Böses im Schilde führt.

Beide „Werte” unterschlagen, dass die Niqābi für gewöhnlich Frauen gegenüber den Niqāb ablegen. Hier wird der Eindruck erweckt, als würden die Niqābi ihren Niqāb niemals ablegen - vor Frauen tun sie dies aber. Denn es geht ja nicht eigentlich um den Niqāb, sondern um die vielen Muslimen (Männern wie Frauen) wichtige Geschlechtertrennung, die ja auch Berührungen zwischen Männern und Frauen verhindert, etwa das Händeschütteln. Der Niqāb ermöglicht es den Niqābi erst, sich in Gegenwart von Männern zu zeigen - nur halt bedeckt. Ohne Niqāb würden sie sich gar nicht erst in der Gegenwart von Männern blicken lassen (sie würden ja nicht einmal mehr ihr Haus verlassen). Der Niqāb verhindert hier also keine Begegnung, er ermöglicht sie erst. 

Es wird häufig der Eindruck erweckt, der Niqāb sei ein Hindernis zwischen Muslimen und Nichtmuslimen, aber das ist natürlich falsch. Der Niqāb ist keine Schranke zwischen Muslimen und Nichtmuslimen, sondern ganz unabhängig von der Religion zwischen den Frauen und den Männern. Der Niqāb wird von einer muslimischen Frau auch in Gegenwart muslimischen Männer getragen - und in der Öffentlichkeit auch gegenüber anderen Niqābi.

Bei dem ganzen Gerede von „Kultur” wird freilich vorausgesetzt, dass die Frau mit dem Niqāb eine Fremde ist. Wir sehen in ihr eine Fremde, eine Ausländerin. Und wir rechnen ihr die Fremdheit in einer Weise zu, die häufig wiederum an Dämonisierung grenzt. Sie ist eine Fremde mit einer „dämonischen Unkultur” (beispielsweise der Taliban, al-Qaidas oder des IS), eine „Wilde”, die zu kultiviertem, zu zivilisiertem Verhalten gar nicht in der Lage ist. Sie besitzt keine Bildung, keine Manieren - sie ist nichts außer einer Gebärmaschine, die kleine Islamisten und Gespenster in die Welt setzt und sonst keine Funktion hat. Sie kann sich gar nicht vorstellen, ein Leben ohne Niqāb zu führen.

Ein „Burkaverbot” hat natürlich da, wo die Niqābi delegitimiert werden, nicht das Ziel, die Frau mit unserer Kultur vertraut zu machen. Es soll sie einsperren, wegsperren. Man hofft, dass ein Ehemann sie wegen eines Verbotes zwingt, das Haus nicht mehr zu verlassen. Noch besser sollen diese Männer und Frauen gar nicht mehr in unser Land kommen; denn sie haben hier keinen Platz. Es gibt für sie keinen legitimen Grund, hier zu sein. Durchsetzen will man das mit einer Delegitimierung insbesondere der Frauen.

„Kultur” wird, das sei noch ergänzt, in dieser Betrachtungsweise häufig als neurechte Alternative zum alten Konzept von „Rasse” verwendet - „Rassismus ohne Rassen” oder auch „Kulturalismus”.

Doppelstandards

Doppelstandards liegen immer dann vor, wenn Niqābi grundsätzlich anders behandelt werden als andere Menschen:

  • Jeder Mann darf sich beispielsweise in eine Frau verwandeln - egal aus welchem Grund. Er darf sich vollständig in eine Frau umgewandelt und damit nicht mehr eindeutig identifizierbar (weder als Mann oder Frau oder mutmaßlicher Krimineller oder Terrorist noch als bestimmte Person) in der Öffentlichkeit bewegen - doch der Niqāb soll verboten sein
  • Jeder darf sich zum Karneval oder zu Helloween oder für eine Brauchtumsveranstaltung maskieren - doch der Niqāb soll verboten sein
  • Jeder darf sich zum Schutz vor schädlichen Einflüssen mit einer Schutzmaske oder einem Schutzhelm verhüllen - dich der Niqāb soll verboten sein (doch auch den Niqābi geht es um Schutz, nämlich vor Fitna, was aus ihrer Sicht ebenso gefährlich ist wie beispielsweise Viren oder Bakterien)
  • Jeder darf sich bei kalter Witterung bis auf die Augen einmummen, aber eine Frau darf sich nicht mit einem Niqāb bedecken
  • Jede Frau darf einen Brautschleier tragen, aber eine Frau darf sich nicht mit einem Niqāb bedecken
  • Jeder Mann darf seine untere Gesichtshälfte mit einem Bart beliebiger Länge und Dichte (oder auch einem falschen Bart) vollständig bedecken, aber eine Frau darf sich nicht mit einem Niqāb bedecken
  • Es gibt kein ausdrückliches Verbot von Nacktheit (was manche mit dem Tragen des Niqāb vergleichen) - und gar kein Verbot von Sexyness in der Öffentlichkeit (was dem Tragen des Niqāb de facto viel eher entspricht), doch der Niqāb soll ausdrücklich verboten werden
  • Auch das Tragen einer dunklen oder verspiegelten Sonnenbrille - der ultimativen Form der Gesichtsbedeckung; denn die Augen machen den Großteil dessen aus, was ein Gesicht identifizierbar und die Mimik erkennbar macht - ist nicht verboten (wobei ein Niqāb in den meisten Fällen die Augen unbedeckt lässt)
  • Man erwartet von niemandem, dass er von jeder Person zu jeder Zeit an jedem Ort identifiziert werden kann - außer von Niqābi
  • Man erwartet von niemandem, dass er mit jeder Person zu jeder Zeit an jedem Ort kommunizieren muss - außer von Niqābi
  • Man erwartet von niemandem, dass er sein Gesicht in der Öffentlichkeit zum Gemeinschaftseigentum erklärt, das stets verfügbar sein muss - außer von Niqābi
  • Man erwartet von niemandem, dass er zur angeblichen Förderung des Zusammenlebens einseitig auf alle seine Rechte verzichtet - außer von Niqābi
  • Sie werden von bestimmten Orten ausgeschlossen
  • Sie müssen sich anhand ihres Lichtbildausweises identifizieren lassen, wo dies bei anderen niemals gefordert wird

Bei Blinden und Prosopagnostikern ist es ganz selbstverständlich, dass sie das Gesicht anderer Menschen nicht sehen können, und man grenzt sie deswegen nicht aus. Sie dürfen etwa Lehrer, Erzieher oder Richter sein. Ein prosopagnostischer Lehrer darf selbstverständlich die seiner Obhut unterstellten Kinder an Eltern übergeben, die er wegen seiner „Gesichtsblindheit” nicht identifizieren kann. Aber wenn eine Schülerin oder eine Schülermutter keinen Niqāb tragen darf, weil man ihr ja nicht ins Gesicht sehen kann (wobei sie den Niqāb für gewöhnlich lüften würde, um sich etwa identifizieren zu lassen), dann haben wir es faktisch mit Doppelstandards zu tun.

Niemanden stört es, wenn man bei der Kommunikation das Gesicht nicht sehen kann - etwa beim Telefonieren. Aber wenn bei den Niqābi Kommunikation plötzlich nicht ohne den Blick in das Gesicht gelingt, weil es den Blick auf die Mimik angeblich unbedingt braucht, um miteinander zu kommunizieren (obwohl die Mimik höchst missverständlich sein kann und nicht so präzise ist wie die verbale Kommunikation), dann haben wir es mit Doppelstandards zu tun.

Niqābi werden dann ganz klar nach anderen Standards behandelt als alle anderen Menschen. Logische Beweggründe gibt es dafür nicht - es sind willkürliche Entscheidungen, die eine Schlechterstellung der Niqābi bewusst in Kauf nehmen. Das sind dann gruppenbezogene Doppelstandards, die von einer Menschenfeindlichkeit herrühren.

Depersonifizierung

Eine Depersonifizierung (ich gebe es zu: ein blödes Wort) liegt dann vor, wenn Frauen im Niqāb zuerst werden auf ihren Niqāb und dann auf ihre Religion (bzw. angebliche Ideologie) reduziert werden. Obwohl die Frauen den Niqāb viel häufiger nicht tragen als dass sie ihn tragen, obwohl sie mehr als der Hälfte der Bevölkerung ohne Niqāb begegnen, ohne dass der Niqāb für sie das wichtigste Element ihres Lebens oder Glaubens ist - sind sie die „Burkafrauen”. Das ist eine Eliminierung der Persönlichkeit.

So spricht man dann auch nicht mit ihr - sondern entweder über sie oder (als selbsternannter Anwalt und „Retter”) für sie. Immer geht es dabei um den Niqāb.

Sie ist dann keine Person mehr, kein Mensch mehr - sie ist ein „schwarzes bewegliches Objekt”, eine Puppe, an der nur ihr Niqāb interessant ist. Dabei ist nicht einmal interessant, warum sie den Niqāb trägt - die Antwort glauben wir ja längst zu kennen: Von den Eltern oder dem Ehemann dazu gezwungen, keinen eigenen freien Willen. Und wir glauben auch zu wissen, dass vor allem Unterdrückung, Unfreiheit und fehlende Gleichberechtigung ihr Leben prägen. Wir sehen eine Kunstperson unter dem Niqāb, die wir mit Mythen und falschen Vorstellungen erschaffen haben.

Depersonifizierung bedeutet, dass unter dem Niqāb quasi eine von uns geschaffene Person steckt, die die wahre Person völlig verdrängt. Sie ist depersonifiziert, sie ist weder Person noch Frau noch Mensch.

Die von uns geschaffene Un-Person ist freilich ein Dämon (siehe oben) - und sagt wohl mehr über uns aus als über die wirkliche Person. Das beginnt ja schon damit, dass wir unsere Vorstellung, der Schleier stehe für Unterordnung, Unterdrückung und fehlende Gleichberechtigung, vom (falsch verstandenen) Christentum auf den Islam übertragen. Eine Gesellschaft, die sich unter Krämpfen vom Schleier gelöst hat, vermag nun einmal nicht, den Schleier einer anderen Gesellschaft, einer anderen Kultur vorurteilsfrei zu betrachten. Wir sehen den Niqāb und damit die Niqābi durch eine Brille, die unseren Blick völlig verzerrt. Und natürlich kann nur unser Blick der richtige sein, kann nur unsere Sichtweise die richtige sein.

Wir handeln mit den depersonifizierten Niqābi, als seien es keine Personen mit Gefühlen, die man verletzen könnte. Wir reden in einer abschätzigen, beleidigenden, übel nachredenden und verletzenden Weise über, für und manchmal auch mit diesen Frauen, die man nur als entmenschlichend bezeichnen kann. Sie sind immer wieder ein Überdruckventil für Fremden- und Islamfeindlichkeit. Sie bekommen alles ab, was wir gerne zu den Fremden und den Muslimen sagen wollen - und uns nicht trauen. Dabei ist es uns sogar egal, wenn ihre Kinder anwesend sind. Manchen scheint es richtig Spaß zu machen, eine Niqāb tragende Mutter in Gegenwart ihrer Kinder herunterzumachen.

Desintegration

Eine Desintegration liegt dann vor, wenn ein „Burkaverbot” nicht das Ziel einer Integration oder Inklusion verfolgt.

Oft wird zwar behauptet, es ginge um Integration, aber meistens geht es nicht um Integration, nicht einmal um Assimilation. Denn keine der Forderungen nach einem Verbot legt Argumente vor, wie eine Integration denn gelingen könne. De facto enden sie alle mit dem Einsperren der Frauen in ihrem Haus, ihrem Ausschluss aus der Gesellschaft; denn der Niqābi bleibt keine andere Möglichkeit, wenn man ihr den Niqāb verbietet - es sei denn, sie setzt sich über das Verbot hinweg. 

Tatsächlich geht es also häufig darum, die Frauen aus der Gesellschaft herauszudrängen. Sie sollen desintegriert werden. Wir hoffen, dass ein „Burkaverbot” ihre Männer dazu bringt, die Frauen zu Hause einzusperren - oder besser noch, dass Mann und Frau das Land baldmöglichst verlassen. Und dass niemand nachkommt.

Desinformation

Desinformation liegt dann vor, wenn die Debatte beherrscht wird von Ferndiagnosen, Mythen, falschen Vorstellungen, bösartigen Unterstellungen - und des mangelnden Willens, sich korrekt zu informieren, wenn wir lieber die falschen Informationen pflegen, die wir haben, die unser dämonisierendes Bild von den Niqābi stützen

Die Desinformation beginnt schon damit, dass ständig von einer „Burka” gesprochen wird, obwohl für gewöhnlich ein Niqāb gemeint ist. Wir benutzen den Begriff „Burka” außerdem auch für Kleidungsstücke, die das Gesicht gar nicht bedecken. Wir behaupten, es gäbe einen prinzipiellen Unterschied zwischen Hidschāb und Niqāb, obgleich der Unterschied graduell ist. Tausende Illustrationen zur Debatte zeigen eine Burqa und keinen Niqāb. Wir behaupten ständig, in Deutschland gäbe es ein allgemeines Vermummungsverbot, obwohl das nicht der Fall ist. Wir glauben, der Niqāb sei Zeichen von Apartheid (ein Begriff, dessen Bedeutung viele wohl gar nicht verstehen - sonst wären sie vorsichtiger, ehe sie auf diese Weise Rassenapartheid relativieren und verharmlosen), fehlender Gleichberechtigung, Unterdrückung und Unfreiheit. Wir glauben, alle Frauen würden gezwungen, Niqāb zu tragen. Und - und - und; die Liste populärer Irrtümer ist lang, und die Bereitschaft, sich korrigieren zu lassen, ist bei den meisten praktisch nicht vorhanden. Wir lieben unsere Vorurteile.

Vor allem natürlich gibt es ganz üble Verdächtigungen und Unterstellungen, mit denen die Frauen dämonisiert und delegitimiert werden.

Fazit

Liegen vor allem Dämonisierung, Delegitimierung und Doppelstandards, aber auch Depersonifizierung, Desintegration und Desinformation vor, dann haben wir es in der Debatte über die Frauen, die Niqāb tragen, mit einer gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit zu tun, mit Rassismus.

Jeder sollte in der Debatte darauf achten, nicht in diese Fallen zu geraten. Wir sind alle dafür verantwortlich, die Debatte diesem „6-D-Test” zu unterziehen und jede Dämonisierung, jede Delegitimierung, jeden Doppelstandard, jede Depersonifizierung, jede Desintegration und jede Desinformation zu erkennen und abzulehnen. Nur dann ist die Debatte über die und vor allem auch mit den Frauen, die Niqāb tragen, fair.