Viele Befürworter eines fälschlich so genannten „Burkaverbotes” begründen ihre Verbotsforderung damit, dass sie die betreffenden Frauen durch ein Verbot des Niqāb integrieren wollen. Integrieren - oder doch eher assimilieren?

Vermutlich glauben sie, dass diese Frauen Ausländerinnen seien - denn normalerweise spricht man ja von der Integration von Mitbürgern mit Migrationshintergrund. Tatsache ist aber, dass schätzungsweise ein Drittel der Frauen deutsche Frauen sind, die zum Islam konvertiert sind. Schätzungsweise ein weiteres Drittel sind Muslimas, deren weibliche Verwandte keinen Niqāb tragen, manchmal nicht einmal Hidschāb, die also gewissermaßen innerhalb des Islam zum Niqāb konvertiert sind.

Viele dieser Frauen wurden in Deutschland geboren oder sind hier aufgewachsen und sind von ihrer Seite aus integriert.

Und selbst die Frauen, deren Mütter ebenfalls Niqāb tragen, sind häufig genug hierzulande von ihrer Seite aus integriert.

Schätzungsweise zwei Drittel der Frauen haben die deutsche Staatsbürgerschaft. Sie sind Deutsche mit allen Rechten und Pflichten. Der kleine Zusatz „mit Migrationshintergrund” bei vielleicht der Hälfte dieser Frauen beschränkt nicht ihre Rechte als deutsche Staatsbürgerinnen.

Sie sprechen unsere Sprache, sie achten unsere Gesetze, sie bejahen eine gegenseitige Annäherung (wobei sie ihren Männern eher die Annäherung an „unsere” Männer überlassen und sich für die Annäherung an „unsere” Frauen entscheiden), sie sehen die Notwendigkeit einer gegenseitigen Auseinandersetzung, einer verbindenden Kommunikation, des Findens von Gemeinsamkeiten und des Feststellens von Unterschieden, sie wollen gemeinsam mit „uns” gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Sie. Wollen. Sich. Integrieren. Mit. Uns. Punkt.

Integration bedeutet, dass sich beide Seiten einander annähern. Dass beide Seiten abseits gewohnter und vertrauter Pfade, aber möglichst innerhalb von unabdingbaren Gesetzmäßigkeiten (auch solcher religiöser Natur) nach Wegen suchen, die uns zueinander führen.

Dabei gilt, dass aus der Mehrheitsposition eine Verantwortung erwächst - Mehrheit zu sein verpflichtet, nämlich gegenüber der Minderheit. Dies muss so sein, weil die Mehrheit stärker ist, die Minderheit schwächer. Darum ist die Mehrheit zu größerer Rücksichtnahme, zu größerem Entgegenkommen verpflichtet.

Eine Mehrheit jedoch, die der Minderheit nur Forderungen stellt, wie diese sich zu verhalten hat und welches Verhalten sie zu unterlassen hat, integriert nicht - sie verlangt Assimilation, Anpassung. Die Niqābi sollen in der Mehrheitsgesellschaft aufgehen, mit ihr verschmolzen werden. Sie sollen ihre Kultur bis zur Aufgabe wandeln.

Assimilierung ist Kulturrassismus, weil man von einer Höherwertigkeit der eigenen Kultur ausgeht, die eine Zurückdrängung oder sogar Auslöschung der anderen Kultur(en) zur Folge haben muss, zumindest da, wo sich diese Kulturen den gleichen Lebensraum (der vermeintlich der „höherwertigeren” Kultur zusteht) teilen. Für die minderwertig gedachte Kultur ist kein Raum, und sie wird als Bedrohung der eigenen vermeintlich höherwertigen Kultur wahrgenommen und muss entweder weichen oder sich assimilieren.

Fundament der Assimilierung sind stets Dämonisierung, Delegitimierung und Doppelstandards. Dies erleben wir dort, wo zwecks angeblicher Integration der Frauen ein Verbot ihres Niqāb gefordert wird, immer wieder. Sie werden beispielsweise dämonisiert, indem man ihnen eine fundamemtalistische Verweigerungshaltung gegenüber der Gesellschaft und den Willen zur Desintegration unterstellt, indem man sie kriminalisiert (auch durch den ständigen Verweis auf das Vermummungsverbot im Versammlungsgesetz) und auch entmenschlicht. Sie werden beispielsweise delegitimiert, indem man ihnen das Recht abspricht, gemäß ihrer religiösen Überzeugungen Niqāb tragen zu dürfen, indem man ihnen Hausverbote und Beteiligungsverbote erteilt. Sie werden beispielsweise mit doppelten Standards behandelt, indem unter anderem Karnevals- und Brauchstumsmasken, Skimasken und winterliche Einmummung nicht ebenfalls verboten, sondern sogar ausdrücklich aus Verboten ausgenommen werden, indem man einen prinzipiellen Unterschied zwischen Hidschāb und Niqāb sieht, wo nur ein gradueller Unterschied besteht. Man versucht Menschen durch Dämonisierung, Delegitimierung und Doppelstandards zu brechen, bis sie sich der Assimilation beugen, weil sie der Hexenverfolgung nicht mehr standhalten - oder bis sie zurückweichen, das Land verlassen.

Eine Assimilierungspolitik, wie sie etwa die AfD oder auch Teile der CDU und einzelne in der SPD fordern oder betreiben, ist mit einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung nicht zu vereinbaren. Unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung verlangt Integration, nicht Assimilation. Sie mutet es der Mehrheit wegen ihrer gesellschaftlichen Machtposition zu, das Verhalten der Minderheit zu ertragen, zu tolerieren und zu integrieren. Sie ist offen für eine multikulturelle Gesellschaft, die beispielsweise auch die muslimische Frau mit ihrem Niqāb integriert.

Das erfordert seitens der Mehrheitsbevölkerung eine Lernbereitschaft - und natürlich auch seitens der Niqābi:

  • Die Niqābi muss und wird lernen, dass sie sich unter bestimmten Bedingungen identifizieren muss.

Gäbe es noch weitere Punkte? Ich wüsste nicht.

Dabei muss unsere Gesellschaft neu lernen, dass es kein Jedermannsrecht gibt, eine Person als Angehörige eines bestimmten Geschlechts oder als eine bestimmte Person zu identifizieren. Die Identität einer Person ist ein geschütztes Gut! Wir haben ein Recht auf Schutz unserer Identität - sei es unserer geschlechtlichen Identität, unserer religiösen Identität (Bekenntnisfreiheit), unserer ethnischen Identität, unserer persönlichen Identität. Das Recht auf Feststellung der Identität beschränkt sich auf Staatsanwaltschaft, Polizei und ansonsten auf vertragsrechtlich vereinbarte und mit dem Gleichheitsgrundsatz zu vereinbarende Situationen.

Zum Schluss noch eine Erwiderung auf eine Behauptung, die man mir sicherlich auf diesen Artikel hin entgegenbringen wird: „Aber wir integrieren doch die Frauen mit dem Kopftuch, nur das mit der Burka, das geht zu weit!

Nein, wir integrieren die Frauen mit Hidschāb nicht - wir haben nur eingesehen, dass die „Kopftuchfrauen” nicht wieder von selbst weggehen, dass ihre Töchter trotz all unseren Widerstands („Kopftuchverbote” an Schulen) ebenfalls „Kopftücher” tragen und wir jetzt nichts mehr machen können, ohne gewisse Grenzen zu überschreiten. Wir können nur beharrlich weiterhin gänzlich falsch „Kopftuch” sagen, darin ein Zeichen von Unterordnung, fehlender Gleichberechtigung und Rückständigkeit sehen und hoffen, dass steter Tropfen doch den Stein höhlt, mit der Zeit also die „Kopftücher” doch noch verschwinden, Alles in allem ein „Fehler”, den wir bei der „Burka” nicht wiederholen wollen. Nach all den „Kopftuchmädchen” wollen wir jetzt nicht auch noch lauter „Burkamädchen” haben (darum drehen sich so viele Verbote auch um die Schulen). Wir wollen nicht, dass die sich ebenso ausbreiten wie die „Kopftuchfrauen” und ebenso Rechte für sich einfordern. Der Ruf nach dem „Burkaverbot” ist eben auch eine Folge des Gefühls, bei den „Kopftüchern” nicht aufgepasst, nicht reagiert, sondern versagt zu haben. 

Frauen mit Hidschāb sind hier weiterhin nicht integriert. Wir schaffen es ja meist nicht einmal, statt von „Kopftuch” richtig vom Hidschāb zu sprechen (und ja, die richtige Wortwahl macht etwas aus - neudeutsch: Words matter). In meiner schwäbischen Heimatstadt habe ich in den großen Geschäften jetzt über die Jahre viele Verkäuferinnen kommen und gehen sehen - aber auch da, wo viele Frauen mit Hidschāb einkaufen, war in all den Jahren nicht eine Frau mit Hidschāb angestellt (außer als Putzfrau). Auch Jahre nachdem in Baden-Württemberg eine grün-rote Landesregierung die Erfinder des „Kopftuchverbotes” CDU und FDP abgelöst hat und selbst nach einem eindeutigen Urteil aus Karlsruhe haben wir immer noch ein diskriminierendes „Kopftuchverbot” für muslimische Lehrerinnen und Erzieherinnen. Immer noch geht es eigentlich vor allem darum, muslimische Mädchen vor einem angeblichen „Kopftuchzwang” und der damit einhergehenden vermeintlichen Unfreiheit und Rückständigkeit und fehlenden Gleichberechtigung zu schützen. Immer noch sehen wir im Hidschāb vor allem etwas Schlechtes, Rückständiges, das mit Unterdrückung der Frau, ihrer Unfreiheit und ihrer mangelnden Gleichberechtigung zu tun hat - und das bedeutet eben, dass wir diese Frauen nicht wirklich integriert haben. Wir dulden sie an manchen Orten zähneknirschend - und immer noch haben Frauen mit Hidschāb viele Probleme, gesellschaftlich akzeptiert zu werden, einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu bekommen usw. Man hält sie für weniger gebildet, weniger intelligent, weniger „deutsch”; denn natürlich tragen deutsche Frauen so etwas nicht.

Ja - eine Frau mit Hidschāb hat es hierzulande leichter als eine Frau mit Niqāb, aber das bedeutet nicht, dass sie tatsächlich integriert wäre. Und auch von ihr erwarten wir eigentlich immer noch, dass sie sich „integriert” und den Hidschāb ablegt, ihre Haare offen zeigt. Selbst wenn sie eine Mütze tragen würde, wäre uns das immer noch suspekt, weil wir ja annehmen würden: Sie tut das nur, weil sie aus religiösen Gründen ihren Kopf bedecken muss. Immer noch Zeichen ihrer vermeintlichen Minderwertigkeit, ihrer Rückständigkeit. Eigentlich nur eine Trickserei von ihr, eine Mogelpackung.

Seien wir ehrlich: Wir haben die Frauen, die Hidschāb tragen, hierzulande nicht integriert. Sie werden von uns anders gesehen, anders eingeschätzt, anders behandelt als Frauen, die ihr Haar nicht bedecken.

Und um ganz ehrlich zu sein: Wir haben hierzulande, Hidschāb hin oder her, die gläubige muslimische Frau nicht integriert. Wir fürchten bei jeder jungen Muslimin, dass sie doch noch irgendwann, sei es nach ihrer Hochzeit oder nach der Geburt ihres ersten Kindes, ein „Kopftuch” aufsetzt.

Bei muslimischen Frauen - und bei muslimischen Frauen eben mehr als bei muslimischen Männern - wollen wir immer noch, dass sie sich assimilieren. Keine „Burka”, kein „Kopftuch”, keine muslimische Religiosität - erst dann, wenn sie all das hinter sich gelassen haben, könnte man sie als von der Gesellschaft integriert betrachten. Nur sind sie dann eben nicht integriert, sondern assimiliert. Und sie stehen weiterhin unter Verdacht. Sie müssen die einhundertfünzigprozentige Deutsche geben, damit wir sie wirklich anerkennen und als „integriert” betrachten