Immer wieder höre die Äußerung, man habe ja nichts gegen den Hidschāb, aber der Niqāb sei einfach zu extrem. Hierzu wollte ich eigentlich nur eine eher knappe Antwort verfassen, von wegen: So groß, wie man annimmt, ist der Unterschied zwischen Hidschāb oder Çarşaf einerseits und Niqāb andererseits ja gar nicht, aber die Antwort wurde dann doch länger und länger.

Zuerst wurde mir klar, dass die Größe der einzelnen Partien des Gesichts ihre Bedeutung für das Erkennen einer Person und ihrer zur Ausdruck gebrachten Mimik nicht widerspiegelt. Wir haben große Bereiche im Gesicht, die zum Erkennen einer Person und vor allem zum Deuten der Mimik weniger beitragen als manche kleinere Bereiche. Und dann wurde mir noch klar, dass es eigentlich beim Gesicht meist weniger um das Erkennen der Person und der Deutung ihrer Mimik geht, sondern um etwas ganz anderes: Um die Attraktivität des Gesichts. Die ist uns extrem wichtig. 

Der folgende Beitrag versucht diese Punkte ausführlich darzustellen. Die einzelnen Abschnitte bauen aufeinander auf - welcher Natur ist der Unterschied zwischen Hidschāb und Niqāb? Wie nehmen wir das Gesicht eines Menschen eigentlich wahr? Welche Bedeutung haben die einzelnen Bereiche des Gesichts? Welche Bedeutung hat das Gesicht eines Menschen für uns?

Der Unterschied zwischen Hidschāb und Niqāb ist gradueller, nicht prinzipieller Natur. Wie viel muss von einem Gesicht bedeckt sein, damit man von einem Niqāb reden kann?

Das Gesicht umfasst den gesamten Vorderkopf, soweit er nicht vom Haupthaar bewachsen ist. Das heißt, zum Gesicht gehören auch die Stirn bis hinauf zum Haaransatz, die Ohren und das Kinn, dessen Abgrenzung zum Hals nicht ganz eindeutig ist (beim Mann wäre es wohl der untere Bartansatz, womit der Hals teilweise noch zum Gesicht gehören würde, oder wir nehmen den Unterrand des Unterkiefers als Trennlinie an).

Und zählen auch die Haare und der Bart zur Bedeckung des Gesichtes, wenn etwa das Haupthaar die Stirn und die Ohren bedeckt und der Bart die untere Gesichtshälfte?

Auf jeden Fall bedeckt der typische Hidschāb bereits Teile des Gesichts, normalerweise die Stirn, die Ohren und die äußeren Wangenbereiche sowie das Kinn. Beim Çarşaf ist meist auch noch die untere Gesichtshälfte bis unter die Nase bedeckt. Der Niqāb bedeckt nur noch einige Quadratzentimeter mehr, meist jedoch nicht die Augen.

Der Unterschied zwischen Çarşaf und Niqāb (gemessen unterhalb des Sehschlitzes) beträgt in der Höhe etwa vier Zentimeter (sechs, wenn die Augen bedeckt sind), zwischen Hidschāb und Niqāb in der Höhe etwa zehn Zentimeter (zwölf, wenn die Augen bedeckt sind), in der Breite etwa zwölf Zentimeter - je nach Gesichtsform ein paar Millimeter mehr oder weniger.

Übrigens wird die Mimik des Menschen hauptsächlich durch die Augen, die Augenbrauen, die Stirn (hier vor allem die Stirnfalten) und den Mund hervorgebracht, da dies die beweglichsten Teile des Gesichts sind.

Ein traditioneller Hidschāb bedeckt die Stirn und die Augenbrauen, der Çarşaf zusätzlich den Mund.

Von den beweglichsten Teilen des Gesichts, die die Mimik hervorbringen, bedeckt der Niqāb nicht mehr als der Çarşaf, nämlich Stirn, Augenbrauen und Mund. Von der Mimik her unterscheidet sich der Niqāb also nicht deutlich vom Çarşaf.

Und vom traditionellen Hidschāb unterscheidet sich der Niqāb nur durch die Bedeckung des Mundes - den freilich ein kräftiger Männerbart auch bedeckt.

Die Mimik des Menschen wird vor allem von den Augen hervorgebracht.

Eine dunkle oder gar verspiegelte Sonnenbrille verdeckt diese sogar noch mehr als ein Niqāb, bei dem die Augen nicht oder nur mit einem feinen Gewebe bedeckt sind. Wenn wir die Augen eines Menschen nicht sehen können, fehlt uns der größte Teil seiner Mimik. Stirn, Augenbrauen (soweit nicht ohnehin von einer sehr großen Sonnenbrille ebenfalls verdeckt) und Mund vermögen diesen Verlust nicht wettzumachen. Es ist den meisten Menschen unmöglich, eine Person nur durch das Gesicht zu identifizieren, wenn diese eine dunkle oder verspiegelte Sonnenbrille trägt (wir sind dann auf zusätzliche Erkennungsmerkmale angewiesen, etwa Haarfarbe und Frisur, Bart und anderes). Und auch die Erkennung der Mimik scheitert dann. 

Im Grunde ist eine Sonnenbrille die extremste Form, ein Gesicht zu bedecken, weil der ungehinderte Blick auf die Augen für die Erkennung von Gesicht und Mimik unabdingbar ist.

Ein Niqāb, der die Augen unbedeckt lässt (das ist eine Höhe von etwa zwei Zentimetern und eine Breite von etwa zwölf Zentimetern) erlaubt eine recht gute Erkennung der Mimik, weil die Augen hier wie gesagt die wichtigste Funktion innehaben. Stirn, Augenbrauen und Mund haben eigentlich mehr unterstützende Funktion. Sie unterstreichen mimisch das, was die Augen, die Fenster zur Seele, zum Ausdruck bringen.

Der Unterschied zwischen Hidschāb und Niqāb ist also, wie gesagt, gradueller Natur.

Wer wirklich das ganze Gesicht unbedeckt lassen will, der sollte auf kurzes Haar und einen höchstens ein paar Millimeter langen Bart achten und darauf, dass die Oberbekleidung nicht zu weit den Hals hinauf reicht. Wer aber sagt: „Ich will die Mimik eines Menschen zumindest grundlegend erkennen können”, der kann die Bedeckung auch des Mundes und der Nase (die schließlich keine nennenswerte Rolle für das Hervorbringen der Mimik spielt, auch wenn die Literatur die Damen gerne einmal das Näschen rümpfen lässt) akzeptieren.

Andererseits: Wir alle kommunizieren tagaus, tagein mit anderen, ohne sie vor uns zu sehen - beispielsweise wenn wir telefonieren, bei Web-Konferenzen. Eigentlich ist das wirklich extrem. Völlig gesichtslos. Und fragen Sie einmal einen Blinden oder einen „Gesichtsblinden” (also einen Prosopagnostiker), wie es für ihn ist. Zu Letzteren gehöre ich - ich bin für jedes Gesicht und jede Mimik völlig blind. Sehr extrem, glauben Sie mir. Für mich trägt jeder Mensch, mit dem ich zu tun habe, gleichzeitig Niqāb und eine undurchsichtige Sonnenbrille. 

Der Niqāb ist ein klein wenig bedeckender als ein Çarşaf und ein wenig bedeckender als ein Hidschāb. Er bedeckt de facto weniger als eine dunkle Sonnenbrille; denn wenn man die Maße eines Gesichts nach der Bedeutung der einzelnen Partien für das Erkennen einer Person und ihrer Mimik darstellen würde, dann würden die Augen wohl mindestens die Hälfte des Gesichts ausmachen, Nase und Wangen wären winzige Bereiche, der Mund wieder etwas größer, die Stirn ebenso. Die Ohren und das Kinn wären winzig.

Freilich sehen wir das Gesicht eines Menschen etwas anders, weil unser Blick auf das Gesicht immer auch der Attraktivität des Gesichts gilt.

Da zählt zum einen der Gesamteindruck (und die Stirn nur eine klitzekleine Rolle), zum anderen für Männer an den Frauen gerade der Mund, die Lippen leicht geöffnet, die Zunge streicht sanft darüber... Eine Brille kann die Attraktivität eines weiblichen Gesichts enorm steigern... Ein Niqāb freilich nicht - höchstens der semitransparente Schleier einer Bauchtänzerin (aber den will ja auch niemand verbieten). Der Niqāb schaltet die Attraktivität eines Gesichts faktisch auf Null.

Wer den Niqāb für extrem hält, der tut es häufig vor allem deswegen, weil wir das Gesicht attraktiv finden - nicht nur die Augen, sondern eben auch die wohlgeformten Wangen und Lippen, die Nase, ein hübsches Kinn... (bei Männern eher markante „maskuline” Formen, bei Frauen eher weiche „feminine” Formen).

Es geht vor allem um Attraktivität, nicht um Erkennen - das mit dem Erkennen und der Mimik ist nur ein vorgeschobenes Argument. Weil wir etwa bei einer Web-Konferenz manchmal ein hübsches Foto unseres Gegenübers auf dem Desktop haben, das uns unser Gegenüber in perfekter Schönheit zeigt, stört uns das Fehlen eines Live-Bildes unseres Gegenübers gar nicht.

Die ganze Niqāb-Debatte wurzelt vor allem in einem Bereich, der mit Attraktivität zu tun hat. Kommunikation fußt eben auch darauf, ob wir unser Gegenüber attraktiv finden oder nicht.

Die Frau, die ihr Gesicht nicht zeigt, entzieht sich einer gesellschaftlichen Gepflogenheit, sich herausgeputzt, aufgebrezelt zur Schau zu stellen. Eine Gepflogenheit, mit der die Kosmetik-, Mode-, Schmuck-, Werbe- und die schönheitschirurgische Industrie Unsummen umsetzt. Eine Gepflogenheit, die darüber bestimmt, welchen Wert man uns beimisst - und welchen Wert wir uns selbst beimessen. Eine Gepflogenheit, die Menschen mit etwas Glück für kurze Zeit zu etwas Besonderem machen kann - und viele Menschen, die angeblich zu dick sind, deren Gesicht angeblich nicht hübsch genug ist, deren Oberweite angeblich niemanden beeindruckt, deren Haare angeblich zu dünn, zu kraus, zu mausfarben sind, und und und, ins Unglück stürzen kann. Eine Gepflogenheit, die Menschen innerlich leer lässt, weil Botox und Silikonbrüste und aufgespritzte Lippen innere Werte nicht ersetzen können.

Der Niqāb ist eine extreme Form, sich dieser Gepflogenheit zu entziehen, ja, ihr etwas entgegenzusetzen.

Das bringt viele Menschen gegen den Niqāb und gegen die Frauen auf, die ihre Schönheit bedecken. Wer ist schon von seinen inneren Werten so überzeugt, dass er sich in der westlichen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts auf sie verlassen will?

Wir versuchen sie mit Make-up und Schmuck und Kleidung, die vermeintliche Schwächen unseres Körpers kaschiert und angebliche Vorteile hervorhebt, äußerlich aufzutragen, lassen uns nötigenfalls das Fett absaugen und Botox injizieren und kleine Silikonkissen in die Brüste einsetzen, um innere Werte zu ersetzen - aber es will nicht gelingen.

Die Frau im Niqāb - im Prinzip führt sie uns durch eine Verweigerungshaltung vor Augen, wie sinnlos doch letzten Endes alles ist, worauf wir unsere Hoffnung setzen. Irgendwann kann auch die teuerste Schönheitsoperation den scheinbaren Verfall nicht mehr stoppen, keine vermeintliche jugendliche Schönheit mehr vortäuschen. Und wofür war dann das alles? Wenn man die Falten nicht mehr verbergen kann, wenn der Körper immer weniger jung aussieht - was bleibt dann noch? Was bleibt dann Menschen, die alles auf ihre Attraktivität setzen, auf ihre Jugend, auf ihr Vermögen, bei anderen Menschen Eindruck durch Schönheit zu hinterlassen?

Irgendwann wird das Alter zu dem Niqāb, der vermeintliche Schönheit verbirgt. Irgendwann sieht niemand mehr die Frau an, sie zu begehren.

Daran erinnern uns tief in unserem Innern die Frauen mit dem Niqāb. Das können wir nicht ertragen.

Unsere Besessenheit im Hinblick auf Jugend und Schönheit ist gerade bei Frauen - Frauen altern in unserer Gesellschaft, aber Männer werden reifer - zerstörerisch, aber sie ist eben fest in unserer Gesellschaft verankert. Die Niqābi entziehen sich dieser die ganze Gesellschaft prägenden Strukturen, die freilich sexualisierend und sexistisch sind (und auch der „Lookism”, die Stereotypisierung und Diskriminierung aufgrund des Aussehens, spielt da eine große Rolle).

Dieser Verweigerungshaltung der uns wegen ihrer Religion ohnehin fremden Frauen begegnen wir mit Ablehnung.