Wir alle wissen: Dass wir Menschen Gesichter erkennen können, ist ungemein wichtig. Etwa bei der Feststellung der Identität durch den Abgleich mit einem Lichtbildausweis, wenn Medikamente an Bewohner im Krankenhaus oder im Alten- und Pflegeheim abgegeben werden. 

Weil es gerade bei der Feststellung der Identität wichtig ist, dass das Gesicht zu erkennen ist, hat die Bundesregierung ein entsprechendes Gesetz beschlossen - muslimische Frauen müssen ihren Nikab abnehmen. Dieses Verbot betrifft ca. 0,002 - 0,003 % aller Menschen in Deutschland, die regelmäßig (und nicht nur etwa an Feiertagen oder während des Moscheebesuchs) einen Nikab tragen. Wäre das Problem damit gelöst?

Nein - denn ca. 2 - 3 % der Deutschen sind Prosopagnostiker. Sie sind „gesichtsblind“, sie können ein Gesicht zwar als solches erkennen, aber keiner bestimmten Person zuordnen (auch dann nicht, wenn ihnen ein Lichtbild der Person vorliegt). Dies betrifft auch 2 - 3 % derjenigen, die die Identität von Personen feststellen sollen (vor allem Angehörige von Polizei und Staatsanwaltschaft), 2 - 3 % der Alten- und Krankenpfleger. Das bedeutet wiederum: Rund 2 - 3 % der Versuche, eine Person anhand ihres Gesichtes zu identifizieren, schlagen fehl. 2 - 3 % der Deutschen tragen da, wo ihr Gesicht erkannt werden soll, eine „unsichtbare Burka“. Das sind rund 1.000-mal so viele Deutsche, wie es Nikab-Trägerinnen gibt.

Zweifellos ist es wichtig, dass z.B. Polizei und Staatsanwaltschaft, Wahlvorstände usw. Personen durch Abgleich mit dem Lichtbildausweis korrekt identifizieren können. Darum ist es meines Erachtens durchaus legitim, wenn bei berechtigten Feststellungen der Identität durch Abgleich mit einem Lichtbildausweis der Niqāb gelüftet wird. Ich kenne persönliche auch keine Niqāb-Trägerin, die damit Probleme hätte. 

Auch darum hat die Bundesregierung ein Gesetz beschlossen, das unter anderem sicherstellen soll, dass muslimische Frauen zur Feststellung ihrer Identität ihren Niqāb abnehmen. Damit wurde deutlich gemacht: Die korrekte Feststellung der Identität einer Person, gegebenenfalls auch durch Abgleich mit einem Lichtbildasuweis, ist von großer Bedeutung. 

Burka...

Dieses Gesetz betrifft dabei höchstens 6.500 Frauen, die Niqāb befürworten, von denen wiederum ca. 2.200 Frauen den Niqāb derzeit auch tatsächlich tragen - einige nur selten (etwa an Feiertagen, beim Moscheebesuch oder wenn sie sich „aufgehübscht“ haben), andere stets in der Öffentlichkeit. Letztere mögen schätzungsweise bis zu 2.000 Frauen sein. Das wären 0,0038 % aller Frauen oder 0,0019 % aller Menschen in Deutschland. Ein Mensch von 50.000 Menschen. 

Prosopagnosie...

Schauen wir uns eine andere Zahl an, nämlich die der Prosopagnostiker, die ein Gesicht zwar als solches erkennen, aber keiner bestimmten Person zuordnen können, die also kaum bis gar nicht in der Lage sind, eine Person anhand eines Lichtbildausweises zu identifizieren.

Dies betrifft in Deutschland ca. 2 - 3 % der Bevölkerung - und damit wahrscheinlich auch 2 - 3 % derer, die von Staats wegen anhand des Abgleichs mit dem Lichtbildausweis die Identität einer Person feststellen sollen. Diesen 2 - 3 % ist dies aber aufgrund ihrer Prosopagnosie nur eingeschränkt oder gar nicht möglich. Für sie trägt gewissermaßen jeder Mensch eine „Burka“. 

Dass es auch im Christentum eine Verschleierung der Frauen gibt, ist weithin bekannt (vor allem im Hinblick auf Nonnen) - weniger bekannt dürfte sein, dass es auch religiös motivierte Haartrachten für Frauen gibt.

Es werden dabei vor allem zwei Regeln beachtet:

  1. Die Mädchen und Frauen sollen ihre Haare nicht abschneiden
  2. Die Mädchen und Frauen sollen ihre Haare nicht offen tragen

Die langen Haare werden meist zu einem Knoten am Hinterkopf gebunden oder zu einem oder mehreren Zöpfen geflochten. 

Besonders bekannt für solche Haartrachten sind die weit verzweigten Kirchenfamilien der Mennoniten sowie der Baptisten, ansonsten findet man religiös motivierte Haartrachten in verschiedenen (alt-) pietistischen, evangelikalen und freikirchlichen Gemeinden, manchmal auch in charismatischen und pfingstkirchlichen Gemeinden. 

Eines der häufigeren Argumente, das bei Debatten zu einem Burkaverbot zur Sprache kommt, ist die eher geringe Anzahl von betroffenen Frauen in Deutschland - die Schätzungen reichen von 300 Frauen, die Burka tragen, bis zu 6.500 Frauen, die eine Gesichtsverschleierung befürworten. Im ersten Fall wären das 0,00057 % aller Mädchen und Frauen im Land, im zweiten Fall 0,0125 %. Also wirklich überaus wenig, vielleicht nur eine von 173.600 Frauen, höchstens allerdings eine von 8.000 Frauen.

Gerade als „Weiße” nehmen wir Europäer häufig an, dass unsere Betrachtung des Gesichts die normale, überall auf der Welt gültige Betrachtungsweise darstellt. Und dass man mit unserem Verständnis vom Gesicht allumfassend erklären kann, warum muslimische Frauen ihr Gesicht mit einem Nikab bedecken. Wir deuten die Verschleierung des Gesichts der Muslimin von unserem Standpunkt aus, legen unsere kulturellen Maßstäbe zugrunde.

Tatsache ist allerdings, dass das Verständnis vom Gesicht, die ihm zugemessene Bedeutung und auch die Deutung einer Bedeckung des Gesichts in jeder Kultur eine andere ist. Selbst die Mimik ist in jeder Kultur eine andere, Europäer etwa unterscheiden sich im Ausdrücken und auch im Lesen der Mimik ganz erheblich von beispielsweise Chinesen, Koreanern, Japanern, aber auch Subsaharaafrikanern oder Arabern. Die Mimik ist nicht angeboren, sie wird erlernt. Für Ostasiaten haben wir Europäer eine recht merkwürdige Mimik. Und einen sehr merkwürdigen Umgang mit dem Gesicht.

Und auch für Menschen aus dem muslimischen Kulturkreis ist unser Umgang mit dem Gesicht, egal ob bei Frauen oder Männern, eher fremd und merkwürdig.

Gesicht zeigen”, „offene Gesellschaft”, „offene Kommunikation” - das sind einige der Begriffe, die eigentlich eher metaphorisch gemeint sind, aber im Hinblick auf die Gesichtsverschleierung von Befürwortern eines Burkaverbotes gerne wortwörtlich genommen werden, dadurch im Grunde genommen missbraucht werden.

Schauen wir uns einige dieser Begriffe einmal an.

Im Deutschen gibt es etliche Begriffe, die verwendet werden, wenn muslimische Frauen ihr Gesicht verschleiern. Der „Urbegriff” im Deutschen ist seit etwa 2001 „die Burka”.

Immer beliebter wird jedoch der Begriff „Vollverschleierung”. Grund genug für mich als Betreiber einer Website zu diesem Thema, dass ich mich mit der Herkunft dieses Begriffes befasse.

Ich vermute, dass der deutsche Begriff „Vollverschleierung” kein ursprünglich deutsches Wort, sondern die (missglückte) Übertragung der französischen Bezeichnung „voile intégral” ins Deutsche ist (auch der Begriff „Burka” für den afghanischen Chadri ist aus dem Französischen als Lehnwort ins Deutsche übernommen worden).

Es war für mich recht überraschend herauszufinden, dass in der deutschen Wikipedia (gegründet im März 2001) erst am 16. März 2004 ein Artikel zum Thema "Burka" angelegt worden ist. Ich nahm an, das wäre recht bald nach dem Einmarsch in Afghanistan geschehen - ging es doch auch darum, die armen Frauen dort von ihren "Burkas" zu befreien und hatten seit dem Einmarsch Aufnahmen der in ihre Burkas gehüllten afghanischen Frauen die Runde gemacht.

Im Mai 2006 entstand dann der erste Eintrag zum "Niqab" in der deutschsprachigen Wikipedia.

„Wir müssen etwas Wichtiges miteinander bereden. Ich rufe Dich an, dann reden wir miteinander.” Eine typische Szene nach dem sonntäglichen Gottesdienst in einer freikirchlichen Gemeinde, deren Mitglieder nicht alle am Ort wohnen und die nach 90 Minuten Gottesdienst schnell nach Hause wollen. Wichtige Dinge werden dann oft am Telefon beredet.

Man kann also offenbar auch wichtige Dinge miteinander berede, ohne dass man sich „von Angesicht zu Angesicht” begegnet.