Derzeit wird - vor allem am Beispiel einer Schülerin im niedersächsischen Belm - heftig diskutiert, ob man einer Schülerin gestatten könne, am Unterricht teilzunehmen, während sie einen Niqāb trägt.

Besagte Schülerin aus der Gegend von Osnabrück tut dies seit drei Jahren - und das offenbar erfolgreich. Voraussichtlich wird sie bald erfolgreich ihren Schulabschluss tätigen. Dennoch laufen Politiker vor allem aus der Union Sturm und wollen verhindern, dass die Schülerin weiterhin mit Niqāb am Unterricht teilnimmt. Ob sie - trotz Schulpflicht - von der Schule verwiesen werden soll oder ob man sie zwingen will, den Niqāb abzulegen, oder ihre Eltern mit Strafandrohungen zwingen will, sie dazu zu bewegen (wie es Erika Steinbach vorgeschlagen hat), ist dabei unklar.

Wie begründen diese Politiker ihr Ansinnen?

Politiker der AfD, aber auch der Union und teilweise auch der SPD fordern ein Burkaverbot an Schulen. Dabei äußern Sie sich eigentlich nicht dazu, wie ein solches Verbot umgesetzt wird.

Sollen Polizisten die Schülerinnen zwangsentschleiern? Müssen die Mädchen so lange Tweets von Erika Steinbach abschreiben, bis sie den Niqāb freiwillig ablegen? Soll man sie von der Schule verweisen?

Zu wohl keinem anderen Kleidungsstück existieren so viele Mythen wie zur fälschlich so genannten Burka. Eine ganze Ansammlung von Mythen, die sie für wahr hält, präsentiert die 1974 geborene Wiener Schriftstellerin Zoe Jenny in einem Kommentar in derStandard.at mit dem Titel „Burka - der Stoff, auf dem Unterdrückung ist” vom 14. Oktober diesen Jahres.

Der Stoff, aus dem Unterdrückung ist - das ist eigentlich der Stoff, den wir alle am Körper tragen, billig eingekauft und von ausgebeuteten Frauen und Männern in der Textilkette produziert. Wer leistet sich schon fair produzierte und gehandelte Stoffe, von der Bettwäsche über die Heimtextilien bis hin zur unserer Bekleidung? Wer trägt mit dazu bei, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter in der Textilkette in Menschenwürde leben können? Wer trägt mit dazu bei, dass nicht jedes Jahr Zehntausende Menschen beim Anbau von Baumwolle oder beim Umgang mit gefährlichen Chemikalien oder beim Arbeiten in lebensgefährlichen Gebäuden ums Leben kommen?

Der Stoff, aus dem Unterdrückung ist, lacht uns in Hochglanzkatalogen an, hängt in unseren Kleiderschränken, kleidet uns ein.

In der heutigen Sonntagsausgabe der Neuen Zürcher Zeitung meint Markus Felber, früher NZZ-Bundesgerichtskorrespondent, in dem Kommentar „Streit um ein Burkaverbot, das gar keines ist” (Link via Twitter), ein sogenanntes Burkaverbot sei menschenrechtskonform. Es vertrage „sich durchaus mit einer liberalen Gesellschaft”, und eine Gesellschaft, die „die totale Gesichtsverhüllung (...) im öffentlichen Raum untersagt, darf als liberal bezeichnet werden”.

Schauen wir uns seine Argumente näher an.

Der Koran schreibt keinen Gesichtsschleier vor” - so titelt die Online-Ausgabe der Tagesschau. Auf den Inhalt des Artikels, für den ein Vertreter des religiösen Sprachrohres des Militär-Regimes von al-Sisi in Ägypten interviewt wurde, will ich hier gar nicht weiter eingehen (zum Thema siehe ansonsten hier, zur al-Azhar siehe hier). 

Dessen Aussage, der Quran schreibe keinen Gesichtsschleier vor, mag dann gelten, wenn man davon ausgeht, dass das arab. Wort für Gesichtsschleier, Niqāb, so im Quran gar nicht vorkommt. Aber das soll an dieser Stelle auch nicht Thema sein.