Am 2. Oktober 2017 ging es in der RTL-Sendung „Extra“ um ein vermeintliches „Sicherheitsrisiko Burka“ im Flugverkehr.

Der von vielen dem äußeren rechten Rand zugeordnete hessische CDU-Politiker Ismail Tipi hat das etwa bei Twitter aufgegriffen und für seinen fanatischen Kreuzzug gegen Nikab-Trägerinnen ausgeschlachtet.

In „Extra“ ging es eher um zu lasche Sicherheitskontrollen an Flughäfen. Die hat man am Beispiel „Nikab“ aufzeigen wollen - wobei das alles auch ohne Nikab wunderbar gelänge, wie wir noch sehen werden. Der Nikab ist nur der billig zu bekommende Gaststar, um Zuschauer zu gewinnen. Den Preis zahlen später Nikab-Trägerinnen, denen man nach so einem Beitrag einmal mehr mit Misstrauen begegnet, ohne dass sie sich irgend etwas zu Schulden hätten kommen lassen.

Es wurde darüber hinaus die Behauptung aufgestellt - ohne sie tatsächlich belegen zu können -, dass muslimische Mitarbeiter an Flughäfen häufig auf eine nähere Untersuchung der Nikab-Trägerinnen verzichten würden, auch wenn diese geboten wären, weil es eben muslimische Frauen wären. Dies dürfte aber, wenn das überhaupt der Fall ist, auch da zutreffen, wo die vermeintlich oder tatsächlich muslimische Passagierin nicht Nikab trägt, sondern einen Schleier, der das Gesicht nicht bedeckt. Darauf ist „Extra“ jedoch nicht eingegangen. Nimmt man es genau, hat „Extra“ allenfalls gezeigt, dass mutmaßlich muslimische Mitarbeiter Testpersonen mit einem grauenhaft schlecht gemachten Fake-Nikab nicht ausreichend kontrollieren.

Zweifellos bedient „Extra“ mit dem Beitrag einen gewissen Alarmismus im Hinblick auf Nikab-Trägerinnen - „Burka sells“. Für all das, was „Extra“ zeigt, braucht es keinen Nikab, mögliche Probleme mit zu laschen Sicherheitskontrollen bestehen auch da, wo Passagiere keinen Nikab tragen, wie wir noch sehen werden.

„Extra“ moniert, dass Nikab-Trägerinnen nicht ihren Schleier lüften und ihren Ausweis vorzeigen müssen. Dabei übersieht man, dass dies diskriminierend wäre.

Ausweiskontrollen

Die Testflüge fanden zwischen Düsseldorf und Berlin-Tegel statt, also innerhalb des sogenannten Schengen-Raumes. Polizeiliche Ausweiskontrollen (und nur die Polizei kann Ausweise auf ihre Echtheit und Gültigkeit hin untersuchen) finden bei Flügen innerhalb des Schengen-Raumes nicht statt (außer Stichproben). Finden sie statt, dann beinhalten sie einen Abgleich mit dem Lichtbildausweis.

Ob am Check-in-Schalter oder beim Boarding am Gate die Ausweise kontrolliert werden, hängt von der jeweiligen Fluggesellschaft ab (die Lufthansa etwa kontrolliert die Ausweisdokumente ihrer Passagiere nicht bei jedem Flug) und ist nicht vorgeschrieben.

Sicherherheitsexperten versprechen sich hiervon auch keinen Sicherheitsgewinn; den Fluggesellschaften geht es wohl eher darum, Tickets auf ihre Gültigkeit zu überprüfen (Tickets sind nur gültig, wenn der korrekte Vor- und Familienname auf ihnen vermerkt ist, ansonsten wird es für die Passagiere meist sehr unangenehm, weil sich die Airlines das Umschreiben der Tickets meist teuer bezahlen lassen).

Nikab-Trägerinnen systematisch zu kontrollieren, nur weil sie Nikab tragen, würde in jedem Fall gegen das Diskriminierungsverbot verstoßen. Entweder werden alle Passagiere kontrolliert - oder keine. Das ist einfach die Rechtslage in Deutschland.

Es gibt auch keinen Anlass, Nikab-Trägerinnen anders zu behandeln, systematisch zu kontrollieren. Die Forderung hiernach beruht auf Vorurteilen und Verdächtigungen, auf einer gewissen gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit.

Man weiß ja nicht, wer unter dem Schleier steckt...

Unter einem Schleier kann eine Frau stecken - oder ein Mann. Und Letzteres ist zwar ungewöhnlich, aber in Deutschland gesetzlich nicht verboten (und auf dieses Thema gehen wir noch ein).

Im Grunde hilft auch der Blick unter den Schleier nicht, um festzustellen, wer nun unter dem Schleier steckt. Der Blick unter den Schleier bringt für sich genommen absolut keinen Sicherheitsgewinn. Dafür braucht es die Ausweiskontrolle, den Abgleich mit dem Lichtbildausweis. Da man diese aber auch bei Personen ohne Schleier nicht automatisch vornimmt, wäre sowohl ein systematischer Blick unter den Schleier als auch ein systematischer Abgleich mit dem Lichtbildausweis bei Nikab-Trägerinnen diskriminierend.

Gäbe es jedoch einen systematischen Blick unter den Schleier, würden Terroristen eben auf den Schleier verzichten. Ebenso, wenn es bei Nikab-Trägerinnen einen systematischen Abgleich mit einem Lichtbildausweis gäbe.

Letztlich wissen wir ohnehin niemals, wen wir vor uns haben, wenn wir die Person nicht von Angesicht oder von Darstellungen her kennen. Auch wenn wir das Gesicht sehen, wissen wir in der Regel nicht, wen wir vor uns haben - oder welche Absichten diese Person hat.

Sicherheitskontrolle

Ganz ohne Sicherheitskontrolle gelang es auch der Testperson mit Nikab nicht, an Bord des Flugzeugs zu gelangen. Der Gang durch den Metalldetektor ist Pflicht.

Tatsächlich gelang es der verschleierten Testperson, eine Flasche, die ihr eigentlich hätte abgenommen werden müssen, in einer Gürteltasche unter der Abaya durch die Sicherheitskontrolle zu schmuggeln (bei einer anderen Gelegenheit wurde diese allerdings trotz Schleier entdeckt).

Das wäre aber vermutlich auch da der Fall gewesen, wo die Passagierin einen langen Mantel, ggf. mit Kopftuch, trägt, nicht aber einen Nikab. Der durch den Nikab bedeckte Gesicht spielt an dieser Stelle eine zumindest untergeordnete Rolle (auch wenn eine gezeigte kurze und nicht repräsentative Umfrage unter Muslimen außerhalb des Flughafens, die auch nicht am Airport arbeiten, bezüglich des Umgangs mit Nikab-Trägerinnen etwas anderes andeutet - letztlich aber nichts aussagt, weil es eben keine FlughafenmitarbeiterInnen sind).

Wie gesagt: Hier gibt es offenbar teilweise ein Problem an den Flughäfen. Nicht immer wird der an Bord von Flugzeugen verbotene (in diesem Falle allerdings ungefährliche) Gegenstand entdeckt und entfernt. Ob das nicht auch bei westlich gekleideten Personen relativ häufig passiert, wurde hier nicht untersucht. Somit liegt eigentlich keine umfassende Testumgebung vor, und die Aussage hat letztlich keine Bedeutung. Die ganze Szene ist vom Informationsgehalt her wertlos, wenn man es genau betrachtet.

Sicherheitsmitarbeiter an Flughäfen sind darin geschult, mehr auf das Verhalten von Personen als auf ihr Äußeres oder ihre Kleidung zu achten (ein Freund von mir hat eine Zeitlang am Stuttgarter Flughafen gearbeitet und mir einiges davon berichtet, worauf sie achten, wie sie geschult werden, wie sie auch getestet werden). Das Verhalten der Testpersonen war m.E. nicht so, dass Sicherheitsmitarbeiter einen Terroristen vermuten und darum genauer kontrollieren würden.

Wie dem auch sei, es ist nicht garantiert, dass jede Nikab-Trägerin ohne gründliche Kontrolle durch die Sicherheitskontrolle gelangt - es ist eher ein Glücksspiel, auf dessen Ausgang man keinen Einfluss hat. Darauf werden sich etwaige Terroristen wohl eher nicht verlassen. Wäre ich Terrorist, würde ich nicht versuchen, mich unter einem Schleier zu verbergen, Das Risiko, entdeckt zu werden, wäre mir viel zu hoch. Aber ich würde heutzutage ohnehin kein Flugzeug wählen, um einen Terroranschlag zu begehen.

Mit falschem Namen an Bord?

Mit einem Ticket, das man auf einen falschen Namen ersteht, an Bord eines Flugzeuges zu gelangen, das innerhalb des Schengen-Raumes verkehrt, setzt nicht die Verwendung eines Nikab voraus, da eben in der Regel keine Ausweiskontrollen stattfinden.

Jeder kann in einem Reisebüro mit Barzahlung ein Ticket auf einen falschen Namen erstehen, da hier kein Ausweis vorgelegt werden muss. Und da bei Flügen innerhalb des Schengen-Raumes Ausweiskontrollen nur stichprobenartig stattfinden, kann im Prinzip jeder mit etwas Glück mit so einem Ticket an Bord eines Flugzeuges gelangen, vor allem, wenn man online eincheckt und nicht am Check-in-Schalter. Es hängt vor allem davon ab, ob sich die Fluggesellschaft beim Boarding am Gate den Ausweis zeigen lässt oder nicht, und das hängt nicht davon ab, ob jemand einen Nikab trägt, sondern von der Fluggesellschaft.

Es wäre nun auch diskriminierend, Nikab-Trägerinnen systematisch zur Vorlage des Ausweises aufzufordern, wenn man es ansonsten nicht macht.

Nachmachen würde ich es übrigens nicht, Ein Ticket ist ungültig, wenn Vorname und Nachname auf dem Ticket nicht mit den Daten im Ausweis übereinstimmen - und man weiß nie, ob man eben nicht doch am Check-in-Schalter oder am Gate erwischt wird. Das Umschreiben der Name kann durchaus dem Preis eines neuen Tickets entsprechen.

Als Mann unter dem Nikab an Bord?

Erst einmal sei die Anmerkung erlaubt, dass es im 21. Jahrhundert in Westeuropa wohl alles andere als selten ist, dass Männer (oder wie Männer aussehende Personen) mit Frauenkleidung fliegen - Crossdresser, Transvestiten, Transsexuelle, Fetischisten... An Flughäfen dürfte man das kennen und eher ignorieren (schon um den Vorwurf der Diskriminierung zu vermeiden). Was meinen Sie, was MitarbeiterInnen am Flughafen alles zu sehen bekommen?

Das Beispiel, dass ein Mann mit einem Nikab und einem Ticket, das auf einen (erfundenen) Frauennamen ausgestellt ist, an Bord eines Flugzeuges gelangt, dürfte auch da gelingen, wo ein Mann sich mit Perücke, Rock, Make-up, Frauenschuhen usw. verkleidet. Oder mit einem Habit als Nonne. Selbst wenn er als Mann wahrgenommen wird (Größe, Füße, Bewegungen, Haltung...), wird er meist als Crossdresser, Transvestit, Transsexueller oder Fetischist betrachtet werden und so unkontrolliert an Bord gelangen.

Dabei ist zu beachten: Der Test-Schleier in der RTL-Sendung war grauenhaft schlecht gemacht und dürfte jedem, der sich mit islamischer Kleidung halbwegs auskennt, als „Fake“ aufgefallen sein, und der Mann unter dem Nikab war auf den ersten Blick als Mann zu erkennen und konnte eigentlich von niemandem für eine Frau gehalten werden (ich habe in das Video der Sendung reingeklickt und bin dabei zufällig sofort auf eine der Szenen mit diesem Mann gestoßen - und habe ihn sofort als Mann erkannt und seinen Schleier als ein schlecht gemachtes Fake). Ich nehme ja eher an, der Mann wurde am Flughafen als einer der Burka-Fetischisten erkannt, die es nun einmal gibt und die teilweise auch in Burka fliegen dürften. Wer so auffällig ist, wer so leicht als „Fake“ auffällt, den wird man kaum für einen Terroristen halten. Terroristen sind schließlich eher um Unauffälligkeit bemüht.

Wie gesagt: Man braucht als Mann keinen Nikab, um mit einem Ticket, das auf einen falschen (Frauen-) Namen ausgestellt ist, und als Frau verkleidet an Bord eines Flugzeuges zu gelangen. Es braucht ein bar bezahltes Ticket aus dem Reisebüro, es ist sinnvoll, online einzuchecken, man braucht Perücke, Frauenkleidung, Frauenschuhe, Make-up und schließlich noch etwas Glück. Und schon sitzt ein Mann als Frau verkleidet unter falschem Namen im Flugzeug. Würden wir da von einem „Sicherheitsrisiko Transvestiten“ sprechen? Die Reaktionen auf den „RTL Extra“-Beitrag möchte ich sehen.

Geschlecht und Ausweiskontrolle

Es sei daran erinnert, dass im deutschen Personalausweis das Geschlecht des Inhabers nicht angegeben ist. Und es gibt Vornamen, die keinem bestimmten Geschlecht zugeordnet sind (gibt es auch im Arabischen, z.B. „Amal“, „Amar“).

Und auch vom Aussehen her ist nicht jede Person klar als männlich oder weiblich zu erkennen. Und dann gibt es eben noch die Intersexuellen, Transsexuellen, Transvestiten, Crossdresser usw. Diese Menschen unternehmen natürlich auch Flugreisen - ohne deswegen besonders kontrolliert zu werden.

Fazit

Falls jemand nach der Extra-Sendung einen Skandal vermutet - der fällt schlicht und einfach aus. Die Extra-Sendung zeigt eigentlich nichts, was nicht auch ohne Nikab gelänge, und deutet Probleme an, deren Bestehen nicht bewiesen wird.

Ein Problem wäre, falls MitarbeiterInnen am Flughafen bestimmte Fluggäste aufgrund ihrer vermeintlichen oder tatsächlichen Gruppenzugehörigkeit bevorzugen oder benachteiligen würden; wenn etwa ein christlicher Mann eine Nonne bei der Sicherheitskontrolle bevorzugen (d.h. nicht gründlich kontrollieren) würde oder ein muslimischer Mann eine Muslima im Hidschab oder Nikab.

Allerdings reicht der Film nicht aus, um dies zu belegen. Die muslimischen Stimmen, die als Belege angeführt werden, stammen nicht von muslimischen Flughafenmitarbeitern, sondern von Außenstehenden. Sie sind damit ohne jede Aussagekraft für das Vorgehen der Mitarbeiter. Auch der anonyme deutsche Mitarbeiter zu Beginn des Beitrags ist alles andere als überzeugend. Es sind Behauptungen, die nicht belegt werden.

Das Problem, wenn es denn tatsächlich besteht, betrifft aber nicht allein den Nikab - manch ein Mitarbeiter würde vielleicht auch jemanden, den er für einen Transvestiten oder Transsexuellen hält, nicht näher untersuchen wollen (auch hierzu könnte man sich passende Stimmen von außerhalb des Flughafens besorgen). Würden wir deswegen ein „Sicherheitsrisiko Transsexualität“ vermuten?

Freilich bleibt es ein Glücksspiel, ob man ohne Ausweiskontrolle und Blick unter den Schleier ins Flugzeug gelangt. Als Terrorist wird man sich darauf kaum verlassen wollen, dass man nicht doch auffliegt (und damit alles auffliegt). Aber wie gesagt: Als Terrorist würde ich mich heutzutage ohnehin kaum an Bord eines Flugzeuges schleichen wollen. Und ich schätze, für tatsächliche Terroristen gilt das ebenso.

Auf Ausweis- und Identitätskontrollen bei Flügen innerhalb des Schengen-Raums, wie sie außerhalb üblich sind, sind deutsche Flughäfen nicht vorbereitet. Es wäre sehr teuer, es würde weit mehr Mitarbeiter benötigen und die Abfertigungszeiten ungemein verlängern. Die Sicherheitskräfte verlassen sich da lieber auf andere Maßnahmen, die wohl verhältnismäßiger sein dürften.

Und eine systematische Ausweiskontrolle mit Abgleich des Lichtbildes nur bei Nikab-Trägerinnen einzuführen, wäre diskriminierend - und würde die Sicherheit nicht verbessern, weil etwaige Terroristen nicht darauf angewiesen wären, einen Nikab zu verwenden, um an Bord eines Flugzeuges zu gelangen.

„Extra“ zeichnet ein „Sicherheitsrisiko Burka“ , das keines ist, Tipi wittert einen Skandal, der keiner ist. Während sich nun einige Leute über vermeintliche Sicherheitsrisiken aufregen, bekommen Nikab-Trägerinnen wieder einmal die ganze Wucht einer Aktion ab, die wohl nur unter dem Motto „Burka sells“ steht.

Das wieder einmal Nikab-Trägerinnen herhalten müssen, um ein wenig milden Grusel zu erzeugen, ist der eigentliche Skandal.

Ein verantwortungsvoller Sender hätte darauf verzichtet, den Nikab als billigen Gaststar zu engagieren, der Quote bringt - und für dessen Engagement die wirklichen Nikab-Trägerinnen schließlich einen hohen Preisen zahlen müssen, weil man ihnen, ohne dass sie sich etwas zu Schulden haben kommen lassen, nach dieser Sendung einmal mehr mit Misstrauen begegnet.