Eine Frage, die sich seit Bekanntwerden des Anti-Gesichtsverhüllungsgesetzes (AGesVG) in Österreich immer wieder stellt, ist die nach dem Tragen eines Schals bei Kälte.

Das österreichische Innenministerium erklärt dazu in einem Tweet vom 21. September 2017, erlaubt sei „ein Schal aufgrund von witterungesbedingten Umständen / als Schutz vor Frost“.

Screenshot Twitter

Aber das Gesetz gibt diese angebliche Ausnahmeregelung nicht her.

In § 2 Abs. 2 AGesVG heißt es: „Ein Verstoß gegen das Verhüllungsverbot gemäß Abs. 1 liegt nicht vor, wenn die Verhüllung oder Verbergung der Gesichtszüge durch Bundes- oder Landesgesetz vorgesehen ist, im Rahmen künstlerischer, kultureller oder traditioneller Veranstaltungen oder im Rahmen der Sportausübung erfolgt oder gesundheitliche oder berufliche Gründe hat.“

Witterungsbedingte Umstände, Schutz vor Frost werden nicht als Ausnahmen genannt. Sich aus diesen Gründen einen Schal vor das Gesicht zu ziehen fällt sicherlich auch nicht unter künstlerische, kulturelle oder traditionelle Veranstaltungen, in der Regel nicht unter Sportausübung und auch nicht unter berufliche Gründe.

Bleiben noch gesundheitliche Gründe - doch wie krank macht Kälte?

Erkältungen (oder wie es im Österreichischen heißt: Verkühlungen) werden nicht durch Kälte verursacht, sondern durch Infektionen, für die Viren oder in seltenen Fällen Bakterien verantwortlich sind, vor denen ein Schal nicht schützt.

Unterkühlungen treten praktisch nur in Extremsituationen auf - bei Unfällen am Berg oder im Wasser. Im Alltag sind sie so gut wie nicht zu erwarten. Auch hier schützt ein Schal nicht.

Erfrierungen der Nase sind eher denkbar, aber auch im Alltag nicht zwangsläufig zu erwarten, da hierfür eine außergewöhnlich kalte Witterung über einen außergewöhnlich langen Zeitraum vorauszusetzen wäre. Zudem bietet eine wasserarme fettreiche Creme einen guten Kälteschutz für die Nase, deren Haut dabei auch vor dem Austrocknen geschützt wird. Im Grunde ist so eine Kälteschutzcreme als Schutz für die Gesundheit sinnvoller als ein Schal.

Im Alltag (und bei Menschen ohne Vorerkrankungen) ist Kälte keine Gefahr für die Gesundheit, sondern einfach für viele Menschen „nur“ mehr oder weniger unangenehm - wie es ja auch manchen muslimischen Frauen unangenehm ist, wenn sie gezwungen werden, ihr Gesicht vor ihnen fremden Männern herzeigen zu müssen.

Reicht aber das sehr subjektive Gefühl, dass es unangenehm kalt ist, als Ausnahme vom Gesichtsverhüllungsverbot aus?

Bliebe außerdem die Frage, wer denn festlegen soll, wann es kalt genug ist für einen Schal als Schutz vor Erfrierungen? Je nachdem, ob es starke Luftbewegungen gibt, kann Kälte bei unterschiedlichen Temperaturen zu einer Erfrierung führen. Bei starker Luftbewegung reicht schon eine Temperatur knapp unter dem Gefrierpunkt aus, da es durch den sogenannten Windchill-Effekt zu einer Abkühlung der Haupt um ca 2 bis 5 Grad Celsius gegenüber der Lufttemperatur kommt. Ansonsten muss die Lufttemperatur deutlich niedriger sein, um zu einer Erfrierung zu führen - und natürlich spielt auch der Faktor Zeit eine Rolle. Letzten Endes ist es oftmals weniger die Luft, die zu einer Erfrierung führt (mit Ausnahme des Windchill-Effektes), sondern die Berührung der nackten Haut mit kaltem Metall. Darum ziehen wir uns auch viel häufiger Erfrierungen an den Fingern als an der Nase zu, etwa beim Berühren eines eiskalten metallenen Treppengeländers (darum sollte man auch eher Handschuhe tragen als sich einen Schal vor Mund und Nase zu binden).

Selbstverständlich ist es vollkommen absurd, dass die Politik, die Polizei oder ein Richter festlegen soll, wann es kalt genug ist, um aus gesundheitlichen Gründen einen Schal zu tragen.

Weil man aber ein sogenanntes Burkaverbot wollte und dieses Verbot, damit es nicht wegen Diskriminierung als verfassungswidrig eingestuft wird, als „neutrales“ Gesichtsverhüllungsverbot vollverschleiern musste, ist diese absurde Situation entstanden, die sich gerade da zeigt, wo Menschen die Witterung subjektiv als zu kalt empfinden, um ohne Schal herumzulaufen (oder Fahrrad zu fahren), aber zugleich die Witterung objektiv nicht so kalt ist, dass die Gesundheit bedroht wäre, dass es zu einer Unterkühlung oder Erfrierung kommen könnte.