Das österreichische Anti-Gesichtsverhüllungsgesetz (AGesVG) verbietet in der allgemeinen Wahrnehmung die Verhüllung des Gesichts, aber der Wortlaut ist ein wenig anders: „Wer (...) seine Gesichtszüge durch Kleidung oder andere Gegenstände in einer Weise verhüllt oder verbirgt, dass sie nicht mehr erkennbar sind, begeht eine Verwaltungsübertretung“.

Der Begriff „Gesichtszüge“ meint grundsätzlich die typische, charakteristische Ausprägung eines Gesichts. Man spricht davon, eine Person habe „edle, strenge Gesichtszüge“, „maskuline Gesichtszüge“ oder auch „ebenmäßige Gesichtszüge“.

Es geht hierbei nicht um die Identifizierung eines Menschen anhand seines Gesichts, sondern um die Charakterisierung. Den Begriff „Gesichtszüge“ verwendet man in erster Linie, wenn man meint, diese würden etwas über den Charakter eines Menschen verraten. Kann man die Gesichtszüge erkennen, so meint man zu wissen, wen man vor sich habe, mit wem man es zu tun habe - man kennt vielleicht nicht die Identität der Person, aber ihren Charakter. Man meint auch anhand der Gesichtszüge erkennen zu können, ob die Person etwas zu verbergen habe oder etwas im Schilde führt.

Ist es nun Zufall, dass im AGesVG nicht (wie es eigentlich naheliegen würde, auch von der Bezeichnung des Gesetzes her) von der Verhüllung oder Verbergung des Gesichts, ganz oder teilweise, die Rede ist, sondern von der Verhüllung oder Verbergung der Gesichtszüge?

Wir wissen es nicht.

Auffällig ist freilich, dass das Gesetz „Anti-Gesichtsverhüllungsgesetz“ heißt, nicht „Anti-Gesichtszügeverhüllungsgesetz“, im Titel also vom Gesicht die Rede ist, im Gesetzestext dann jedoch von den Gesichtszügen.

Das Gesicht erlaubt die Feststellung der Identität einer Person, insbesondere durch einen Abgleich mit einem Lichtbildausweis. Wenn die Vorgaben in Österreich denen in Deutschland entsprechen, so haben nur Polizei und Staatsanwaltschaft das Recht, die Feststellung der Identität vorzunehmen, außerdem kann es vertragsrechtlich geregelt werden. Es ist jedoch kein Jedermannsrecht. Bei Nikab-Trägerinnen wäre zur Feststellung der Identität nur ein kurzes Lüften des Schleiers erforderlich, kein dauerhaftes Nikab-Verbot.

Die Gesichtszüge werden hingegen nicht gelesen, um die Identität einer Person festzustellen, sondern um zu einem Urteil über ihren Charakter zu gelangen, um zu einem Werteurteil zu gelangen. „Dieser Mensch hat ehrliche/verschlagene/strenge/edle/maskuline/feminine/kindliche Gesichtszüge“. Diese Aussagen werden mit bestimmten Charakterzügen verknüpft. Zu jedem Gesichtszug gehört ein Charakterzug. Man sagt auch, der Charakter eines Menschen zeige sich in seinen Gesichtszügen.

Will das Gesetz also vorschreiben, dass jeder Mensch zulassen muss, dass in seinen Gesichtszügen nach seinem Charakter gesucht wird, was für ein Typ dieser Mensch sei?