Nach einem Bericht des „Hamburger Abendblattes” (siehe hier) wundert sich Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD), dass „Frauen Burka tragen möchten”.

Nun ja - die meisten verschleierten Frauen würden wohl nie auf die Idee kommen, eine Burqa tragen zu wollen. Von den schätzungsweise 400 - 600 Frauen, die in der Freien und Hansestadt Hamburg einen Niqāb tragen, sind es wohl nicht mehr als ein oder zwei Dutzend, die tatsächlich eine Burqa tragen.

Eine jede Burqa beinhaltet einen Niqāb, aber nicht jeder Niqāb ist eine Burqa (vergleiche hierzu, um nicht immer auf meine eigenen Artikel zu verlinken: Kleiner Drei: „Dies ist keine Burka”).

Den meisten Niqābi gefällt die Burqa aus verschiedenen Gründen nicht - sie ziehen halt die Kombination aus einem Hidschāb und dem Niqāb vor. Der Stoff ist meistens von besserer Qualität, der Niqāb kann einfach gelüftet oder abgelegt werden, er erlaubt mit dem Sehschlitz und meist verschiedenen Lagen, die Bedeckung der Augen zu variieren - oder sie halt gar nicht zu bedecken. Nach dem Tragen kommt der Niqāb in die Handwäsche und dann auf die Leine. Die Burqa kann man ganz klar Afghanistan, Pakistan und einigen benachbarten Regionen zuordnen - der Niqāb ist, auch wenn er ursprünglich aus arabischen Ländern stammt, heute weltweit verbreitet. Viele Gründe also, die für den Niqāb sprechen. Für viele Niqābi ist die Burqa aber auch einfach zu „extrem”. Sie entspricht nicht der Freiheit, die sie mit dem Islam verbinden.

Weiter meint Scholz laut „Abendblatt”, „die Männer verschleierter Frauen würden sich wundern, wie schnell ihre Frauen ‚das Leben besser finden werden, das die Frauen hier führen’.” Offenbar geht Scholz irgendwie davon aus, dass die Frauen den Schleier nur auf Wunsch oder Verlangen ihrer Ehemänner tragen würden - und nicht aufgrund eigener Überzeugung. Dass die Niqābi ein selbstbestimmtes Leben führen könnten und sich aus freien Stücken für den Niqāb entschieden haben, kommt ihm offenbar gar nicht in den Sinn. Ich schätze aber, er kann sich gut vorstellen, dass Frauen aus freien Stücken auf die Idee kommen, ihre Füße in High Heels zu quälen, ihre Beine in dünnen Strumpfhosen und Miniröcken auch einer Eiseskälte auszusetzen, sich Silikon in die Brüste quetschen zu lassen, die Haare und die Haut mit teilweise ziemlich üblen Chemikalien zu ruinieren, das Nervengift Botox in das Gesicht spritzen zu lassen, im Solarium die Haut verbrennen zu lassen, sich in der Öffentlichkeit sexy zu präsentieren... Wir alle können uns das gut vorstellen, dass Frauen das freiwillig machen, aber warum eigentlich? Kaum ein Mann käme wohl je auf die Idee, sich so etwas - ich nenne es gerne die „Burka des Westens” - aussetzen zu wollen.

Vermutlich weiß Scholz auch gar nicht, dass schätzungsweise ein Drittel der Niqābi deutsche Frauen sind, die zum Islam konvertiert sind. Ein weiteres Drittel sind schätzungsweise Muslima, die innerhalb des Islam vom offenen Gesicht oder sogar vom unbedeckten Haupt zum Niqāb gefunden haben.Ein letztes Drittel, so schätzt man, entstammt einer entsprechenden Tradition. Aber auch das bedeutet nicht, dass die Frauen sich nicht selbst dafür entschieden hätten. Oft genug sind die Väter oder Mütter und die Ehemänner der Mädchen und Frauen alles andere als glücklich, wenn diese sich für den Niqāb entscheiden. Immer wieder berichten Mädchen und Frauen, dass ihre Angehörigen ihnen verbieten, den Niqāb zu tragen.

Der Grund, warum sich eine Muslima für den Niqāb entscheidet, ist einfach: Der Niqāb ist nach den vier traditionellen Rechtsschulen des sunnitischen Islam Sunna (empfehlenswert) - und unter Umständen, wie etwa der Furcht vor Fitna, Farḍ, also Pflicht. Zudem betrachten viele Muslima den Niqāb - in der islamischen Theologie Zeichen der freien, in ehrbaren Verhältnissen lebenden Frau - anders als viele Deutsche nicht als Symbol der Unterdrückung, sondern als Zeichen der Befreiung. Und jede Niqābi kann weitere Gründe nennen, warum sie den Niqāb wertschätzt.

Viele der Mädchen und Frauen, die Niqāb tragen, kennen sehr wohl das Leben, das „Frauen hier führen” (aus irgend einem Grund scheint Scholz anzunehmen, dass die Niqābi hier kein Leben führen, sondern vielleicht so etwas wie Zombies sind). Sie kennen das Leben ohne Niqāb - und haben sich für den Niqāb entschieden. Offenbar finden sie also das Leben besser, das sie als Niqābi führen. Der Niqāb schränkt diese Frauen nicht ein - wenn sie in ihrem Leben Einschränkungen erleben, dann weil sie einer häufig intoleranten Gesellschaft begegnen, die sie ausschließt und ausgrenzt.

Hintergrund des Berichtes ist übrigens eine Umfrage des Hamburger Radiosenders „HamburgZwei”. Demnach sind 59 % der Hörer für ein „Burkaverbot” nach französischem Vorbild.

Scholz ordnet sich selbst ebenfalls diesen 59 % zu, lehnt aber ein Verbot ab - nicht aus prinzipiellen Erwägungen, sondern weil er glaubt, „dass wir ohne ein Verbot auskommen”. Das klingt so, als hoffe er dennoch, dass die Niqābi aus der Öffentlichkeit verschwinden mögen.