Einige Schulen verbieten Frauen, die ihr Gesicht bedecken, den Zutritt zu ihrern Schulhöfen und den Schulgebäuden. Betroffen von diesem Verbot sind Mütter von Schulkindern, die ihr Gesicht mit einem Niqāb bedecken.

Eine der Schulen - es handelt sich um die Adolf-Klarenbach-Schule in Düsseldorf, die aktuell ein solches Verbot erlassen hat - spricht von einer „Bedeckung, die Ihre visuelle Identifikation (Gesichtserkennung) behindert”, verschleiert damit aber nur, dass de facto lediglich der Niqāb muslimischer Frauen gemeint ist.

Was ist von diesem Verbot zu halten?

Die Schulen bringen verschiedene Argumente vor, die ich in diesem Artikel behandeln möchte.

Beginnen wir mit der Behinderung der visuellen Identifikation (Gesichtserkennung) - ein Thema, das mich als Prosopagnostiker interessiert, weil ich zur Gesichtserkennung nicht fähig bin, genau so, wie 2 % der Bevölkerung (und zusätzlich alle stark in ihrer Sehkraft eingeschränkten oder blinden Personen). Was also ist eigentlich mit Lehrern an diesen Schulen, die grundsätzlich nicht fähig sind, eine Person an ihrem Gesicht zu erkennen? Müssten sie nicht eigentlich aus dem Schuldienst herausgenommen werden? Wenn die visuelle Identifikation (Gesichtserkennung) so wichtig ist, dass sie ausreicht, um Niqāb tragenden Frauen das Betreten des Schulgeländes zu verbieten, dann müssten doch hierzu unfähige Personen zumindest gesondert behandelt werden, dürften also etwa keinen Publikumsverkehr haben. Sie dürften doch eigentlich die Kinder nicht an ihre mutmaßlichen Eltern herausgeben, weil sie deren Identität nicht feststellen können. Hat also die Adolf-Klarenbach-Schule Maßnahmen eingeleitet, um „gesichtsblinde” Lehrkräfte aus dem Unterrichtsbetrieb zu entfernen? Falls nicht, kann das doch mit der visuellen Identifikation nicht so wichtig sein, dass ein Verbot berechtigt wäre.

Abgesehen davon - wohl jede Niqābi ist bereit, ihren Schleier zu lüften, um sich identifizieren zu lassen. Die meisten tun dies sogar gegenüber einem Mann. Auch ihnen ist schließlich wichtig, dass ihre Kinder nicht unberechtigten Personen übergeben werden. Dabei gilt aber auch, dass das Kind einer Niqābi die Mama trotz Niqāb erkennt. Ich meine, ich erkenne auch meine Ehefrau, obwohl ich „gesichtsblind” bin und sie also nicht an ihrem Gesicht erkennen kann. Ich erkenne sie auch dann, wenn sie Niqāb trägt.

Das nächste Thema ist die mutmaßliche Angst der Kinder vor einer Frau im Niqāb: Manche Kinder könnten die Verschleierung einer Frau nicht einordnen, manche hätten sogar Angst - so jedenfalls hätten es manche Personen beobachtet. Als Ehemann einer Frau, die regelmäßig Niqāb trägt, weiß ich: Von Natur aus haben Kinder keine Angst vor dem Niqāb. Sie sind neugierig. Aber sie können die Ablehnung oder die Angst der Eltern oder anderer Bezugspersonen übernehmen. In der beobachteten Angst der Kinder begegnet uns tatsächlich die negative Haltung der Eltern gegenüber dem Niqāb, die auf die Kinder übertragen worden ist.

Meine Ehefrau und ich besuchen oft Heidelberg und Karlsruhe. Beide Städte liegen nicht allzu weit auseinander. In Karlsruhe begegnen meiner Frau, wenn sie Niqāb trägt, sowohl Erwachsene als auch Kinder höchst negativ. Meine Frau wird angestarrt, über sie wird getuschelt, Kinder zeigen manchmal Angst. In Heidelberg dagegen erntet meine Frau sowohl von Erwachsenen als auch von Kindern kaum mehr als einen flüchtigen Blick. Die Reaktionen der Kinder entsprechen denen der Eltern, sie sind eben erlernt.

Wenn nun Kinder Angst vor einer Frau im Niqāb haben, so sollte man eigentlich von kompetenten Pädagogen erwarten, dass sie mit den Kindern darüber sprechen. Ich halte jede andere Reaktion und vor allem ein bloßes Verbot für ein vollständiges Versagen der betreffenden Pädagogen. Was lernen Kinder, wenn die Reaktion auf Angst ein Verbot ist?

Ich kann mir vorstellen, dass manche Eltern erbost reagieren, wenn Lehrerinnen und Lehrer im Unterricht versuchen, den Kindern die angelernte Angst vor dem Niqāb zu nehmen. Der Niqāb ist ein heißes Eisen, an dem man sich leicht verbrennen kann. Das Thema kann einer Lehrerin oder einem Lehrer um die Ohren fliegen. Aber auch das Thema „Angst vor Juden” kann den Lehrenden um die Ohren fliegen, und viele Kinder lernen von ihren Eltern eine sehr negative Einstellung gegenüber Juden. Wollen wir deswegen Juden das Betreten des Schulgeländes verbieten oder sie zwingen, vorher einen Davidstern abzunehmen? Wenn Kinder Angst vor dunkelhäutigen Menschen hätten, würden wir sie dann am Betreten des Schulgeländes hindern?

Angst ist ein schlechter Pädagoge, und eine Schule muss sich mit der Angst von Kindern auch vor dem Niqāb sinnvoll auseinandersetzen. Kindern werden immer wieder Frauen im Niqāb begegnen, und sie werden lernen müssen, ihre von den Eltern erlernten Verhaltensweisen abzulegen.

Die muslimische Seite begrüßt den Schritt der Schule - nun, das kann kein Argument sein. Es handelt sich um eine innermuslimische Konkurrenzsituation, in der die Niqābi heute in ähnlicher Weise Opfer sind wie früher die Baptisten in der Auseinandersetzung mit den Staatskirchen, die den „Wiedertäufern” etwa die kirchliche Trauung oder das ordentliche Begräbnis verweigert haben. Noch schlimmer war, dass den Eltern ihre Kinder weggenommen worden sind, um sie zwangszutaufen und in eine lutherische, reformierte oder katholische Familie zu geben. Manche Auswüchse gegen die Freikirchen gab es noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Staat muss an dieser Stelle neutral bleiben und darf sich nicht in die innermuslimische Auseinandersetzung einschalten oder sich eine Position zu eigen machen. Er darf die Niqābi nicht diskriminieren, nur weil die Mehrheit der Muslime den Islam anders auslegt. Ansonsten haben wir einen weltanschaulich nicht neutralen Staat, der die Mehrheit einer Religion quasi zur Staatsreligion erhebt und die MInderheit diskriminiert.

Manche Muslime meinen, dass der Niqāb keine religiöse Pflicht sei, sondern in Traditionen gründe. Manche Muslime mögen dieser Auffassung sein, aber das bedeutet nicht, dass sie für alle Muslime gilt. Jeder Muslim, jede Muslima hat die Deutungshoheit über die eigenen religiösen Überzeugungen. Jede Muslima darf die Überzeugung haben - und das mit Rückendeckung der vier traditionellen Rechtsschulen des sunnitischen Islam -, dass der Niqāb Sunna (empfehlenswert) ist - und an Orten und zu Zeiten der Fitna sogar Farḍ, also Pflicht. Keine Muslima muss sich der Interpretation von Angehörigen einer anderen Denomination unterwerfen - wir haben in Deutschland Bekenntnisfreiheit.

„Wir wollen damit niemanden ausschließen. Im Gegenteil: Uns geht es um eine offene Kommunikation. Und dazu gehört, dass man weiß, mit wem man es zu tun hat”, wird die Düsseldorfer Schulleiterin Susanne Hartwig in den Medien zitiert.

Ich hoffe, dass Hartwig niemals per Telefon kommuniziert. Ansonsten wäre sie höchst unglaubwürdig. Davon abgesehen: Die Niqābi sind ja für gewöhnlich bereit, ihren Niqāb zu lüften, um sich identifizieren zu lassen. Hartwig könnte also jederzeit feststellen, mit wem sie es zu tun hat.

Auch wird eine offene Kommunikation durch den Niqāb nicht erschwert oder verunmöglicht. Sind Frauen unter sich, so legen die Niqābi für gewöhnlich ihren Niqāb ab. Ansonsten gilt: Wir kommunizieren selbst die wichtigsten Dinge per Telefon, per Web-Konferenz und auf zahlreichen anderen Wegen, ohne dass wir unserem gegenüber ins Gesicht sehen könnten. Prosopagnostiker kommunizieren mit anderen, ohne deren Gesicht erkennen, ohne deren Mimik deuten zu können. Oft genug kommunizieren Niqābi mit anderen Niqābi, während beider Gesichter in der Öffentlichkeit bedeckt sind.

„Offen zu kommunizieren” - das bedeutet aber vor allem: Wir begegnen einander in Toleranz. Wir ertragen Unterschiede. Wir ertragen die Andersartigkeit unseres Gegenübers und begegnen ihr dennoch mit Höflichkeit und Respekt, wohl wissend, dass die Niqābi nicht nur nichtmuslimischen oder unverschleierten Frauen so begegnet, sondern auch muslimischen und verschleierten Frauen, also Ihresgleichen. Wohl wissend, dass sie selbst auch oft die Situation erlebt, mit einem verschleierten Gegenüber zu sprechen. Wir haben also keinen Grund, uns angegriffen oder herabgesetzt zu fühlen.

Der Niqāb trage eher zur Ausgrenzung als zur Integration bei - tatsächlich bietet der Niqāb einer Muslima, die ihn als Pflicht betrachtet, die einzige Möglichkeit zur Integration. Ist er ihr verboten, wird sie automatisch ausgegrenzt. Den Niqāb abzunehmen wäre ganz genau so, als würde man einen Muslim dazu bewegen, Alkohol und Schweinefleisch zu konsumieren. Beide Verbote bewegen sich auf exakt derselben Ebene. Wer von einem Muslim nicht erwartet, dass er im Sinne der Integration Alkohol trinkt und Schweinefleisch verzehrt, der möge bitte auch nicht von einer Muslima erwarten, ihren Niqāb abzulegen (Sufūr).

Dabei gilt, wie schon erwähnt, dass die Niqābi für gewöhnlich den Niqāb ablegt, wenn keine fremden Männer anwesend sind. Das mag an Schulen nicht immer möglich sein, etwa beim Elternabend. Aber gerade da, wo viele Personen anwesend und an einem Gespräch beteiligt sind, nimmt die Bedeutung des Gesichts einer einzelnen Person für die Kommunikation ab.

„Steckt ein Mann oder eine Frau unter der Burka?” Im Zeitalter von Gender Mainstreaming und Unisex-Toiletten sollte diese Frage eigentlich sofort vom Tisch sein. Was macht es für einen Unterschied, ob ein Mann oder eine Frau vor mir steht?

Aber hier geht es halt um Angst. Womöglich ein Selbstmordattentäter mit Sprengstoff unter dem Gewand? Nun, der Sprengstoff (oder eine Waffe) könnte ebenso gut in einem Kinderwagen versteckt sein, in einem Ranzen, in einem Geigenkasten. Getragen von einer ganz unverfänglich erscheinenden Person. Ein Niqāb-Verbot schafft nur eine scheinbare und damit besonders gefährliche Sicherheit.

Eine Person kann sich nicht nur durch einen Niqāb der Identifizierung entziehen. Dazu reichen auch eine Perücke, ein falscher Vollbart, farbige Kontaktlinsen und Schminke.

„In unserem Kulturkreis...” Entschuldigung, wir leben in einer multikulturellen Gesellschaft. Hidschāb und Niqāb gehören längst zu Deutschland, und das ist auch gut so. Das Niqāb-Verbot ist eine der letzten Möglichkeiten, sich dem multikulturellen Deutschland noch entziehen zu wollen. Dahinter steckt meist die Auffassung, „beim Kopftuch haben wir zu spät reagiert, jetzt haben wir die Flut von Kopftuchfrauen, lasst uns diesen Fehler jetzt nicht mit der Burka wiederholen”. Kommunikation und vertrauensvolle Zusammenarbeit sind in unserem Kulturkreis auch mit Niqāb möglich, ohne dabei den Schulfrieden zu stören. Das Vertrauen und der Schulfriede wird hier von denen gestört, die Niqābi ausgrenzen. Wer wichtige Themen am Telefon oder in einer Web-Konferenz besprechen kann, der kann dies auch gegenüber einer Niqābi tun.

Ich gestehe jedem zu Beginn ein gewisses Unbehagen zu, wenn man einer Niqābi gegenüber sitzt, das sich aber überwinden lässt, wenn man sich auf das Fremde einlässt, weil man dahinter die Person sieht, das Gegenüber. Wer das nicht will, dem werfe ich ganz unverschleiert ein gerütteltes Maß an Fremdenfeindlichkeit vor (und wenn Sie sich jetzt angesprochen fühlen - bitte verschonen Sie mich dann mit einem „ich habe ja nichts gegen Fremde oder Ausländer, aber...”). Ich kommuniziere vertrauensvoll seit Jahren mit verschleierten Frauen, und ich habe das nie als problematisch erlebt. Es ist eine Frage des Wollens, nicht des Könnens. Und wer nicht will, der sollte dann auch die Verantwortung dafür übernehmen und sie nicht auf die Niqābi abwälzen.

Wer aber in einer Schule damit nicht zurechtkommt, der sollte sich überlegen, ob er oder sie da auch am richtigen Platz ist. An Schulen geht es um Kinder, die lernen müssen, anderen mit Toleranz und Offenheit zu begegnen. Dafür brauchen sie entsprechende Vorbilder, die sich von Toleranz leiten lassen.

Der Pädagoge, der seine Schüler mit Angst vor Niqābi infiziert und mit dem Ausschluss der Niqābi ein Zeichen der Ablehnung und Ausgrenzung setzt, wird die Verantwortung dafür übernehmen müssen, wenn diese Kinder später eine Niqābi attackieren. Sie müssen sich dann der Verantwortung stellen, geistige Brandstifter zu sein.

In jedem Fall dürfen die Schulen nicht einfach Niqābi ausschließen, wenn sie nicht vorher das Gespräch mit den Frauen suchen und einvernehmliche Regelungen, die bestimmten Situationen (Abholen der Kinder, Gespräch mit Lehrern, Teilnahme am Elternabend usw.) gerecht werden, anstreben. Die Frauen sind ja in aller Regel bereit, sich auf vernünftige Lösungen einzulassen, wenn sie das Gefühl haben, als Personen ernst genommen zu werden. Hier erleben sie, dass sie nur auf ihren Schleier reduziert und wie Aussätzige behandelt werden.

Hier wurde eine Lösung gefunden, die den betroffenen Frauen nur eins vermittelt: Wir sind unerwünscht. Für diese Mütter bedeutet das, dass sie annehmen werden, dass auch ihren Kindern Nachteile entstehen, dass auch ihre Kinder unerwünscht sind. Keine Mama wird hier glauben, dass der Streit nicht auch Auswirkungen auf ihre Kinder hat. Das ist eine Situation, die man keiner Mutter wünscht.

Und auch die Kinder müssen den Ausschluss ihrer Mamas als Bedrohung erleben. Grundschulkinder werden diese Situation kaum verstehen können.

Auch gegenüber der Gesellschaft - und gerade in unserer Zeit mit zunehmender Fremdenfeindlichkeit - vermittelt ein solcher Ausschluss eine Botschaft, die man nur als Zündeln bezeichnen kann.

Viele Menschen reagieren sehr sensibel auf den aktuellen „Flüchtlingsstrom” - die einen mit großer Hilfsbereitschaft, aber viele andere mit Angst und Ablehnung gegenüber allem, was vermeintlich oder tatsächlich fremd ist. In diese Empfänglichkeit für Gedanken und Ideen wird ein Signal hinein gegeben, das Angst und Ablehnung nur noch verstärkt, ein Signal auch, das fremdenfeindliche Kreisen gerne aufnehmen. Es ist kein Wunder, dass Rechte ausnahmslos für Entscheidungen wie diese applaudieren - und dieser Applaus sollte ein Denkanstoß für jeden Demokraten sein.

Was wir in unserer demokratischen und offenen Gesellschaft heute brauchen, ist eine positive Grundstimmung gegenüber dem Fremden - und keine Ausschliesseritis, die zu schweren Entzündungsreaktionen in der Gesellschaft führt.