Guido Wolf (CDU Baden-Württemberg), der zusammen mit seiner rheinland-pfälzischen Parteikollegin Julia Klöckner zu den wohl unbelehrbaren Befürwortern eines „Burkaverbotes” gehört, die offenbar gerne am rechten Rand der Gesellschaft fischen, fordert nun auch Gefängnisstrafen.

Dies zwar nicht ausdrücklich für die Niqāb tragenden Frauen - aber freilich würde ein Verbot des Niqāb bedeuten, dass die betreffenden Frauen ihr Haus nicht mehr verlassen können. Für muslimische Frauen ist der Niqāb Sunna (empfohlen) oder Farḍ (Pflicht). Ist ihnen der Niqāb in der Öffentlichkeit verboten, so bleibt ihnen nur das Haus als steinerner Niqāb (Purdah). So wenig wie ein Muslim Schweinefleisch essen oder Alkohol trinken kann, so wenig kann die muslimische Frau, für die Niqāb Farḍ ist, in der Gegenwart fremder Männer ihren Niqāb ablegen. Eher wird sie eine Strafe zahlen oder eben das Haus nicht mehr verlassen.

Empfindliche Strafandrohungen oder eben Gefängnis fordert Wolff für Ehemänner, die ihre Frauen zur Verschleierung zwingen. Das ist freilich CDU-Logik: Wenn einer dieser Männer (von denen niemand weiß, wie viele es nun eigentlich gibt oder ob sie nur ein Mythos sind) nun vor einer Geldstrafe oder dem Gefängnis Angst hat, verbietet er seiner Frau, das Haus zu verlassen. Schon geht er straffrei aus.

Nein - ginge er natürlich nicht. Denn in Deutschland ist Nötigung strafbar. Egal ob eine Frau zur Verschleierung gezwungen wird oder dazu, das Haus nicht zu verlassen. Was Wolf fordert, haben wir schon längst. Es ist eine völlig unsinnige Forderung. Wobei auch die Frage bleibt, wie ein Polizist eigentlich auf der Straße feststellen soll, dass die Niqābi neben ihrem Ehemann von diesem dazu gezwungen wird. Aber ich nehme beinahe an, dass nach Überzeugung von Guido Wolf jede Niqābi zur Verschleierung gezwungen wird und man ihre Aussage gar nicht benötigt, um ihren Ehemann zu verurteilen.

Wir hätten also im Falle eines „Burkaverbotes” Frauen, die ihr Haus nicht mehr verlassen - sei es freiwillig oder vielleicht in einigen Fällen gezwungenermaßen. Was wäre aus Sicht der CDU damit eigentlich gewonnen? Wie wäre das der Integration förderlich? Will man - ich übertreibe zwecks Veranschaulichung - die Frauen unter Zwang aus dem Haus verschleppen und nötigenfalls auf einem Marktplatz anketten? Oder will man nur an jedes Haus, in dem eine Niqābi lebt, die ihr Haus nicht mehr verlässt, ein schönes großes „N” malen? Nein - nichts dergleichen wird geschehen. Man wird die Frauen einfach vergessen - aus dem Auge, aus dem Sinn. Es ist uns egal, was aus ihnen wird, so lange wir nur die „Burka” nicht mehr sehen müssen. Denn es geht uns nicht um die Frauen - uns geht es um das von uns gehasste Kleidungsstück. Niemand von denen, die sich beschweren, dass der Niqāb die Kommunikation behindere oder unmöglich mache, hat doch ein echtes Interesse daran, mit diesen Frauen zu sprechen. Sonst würden wir es einfach tun. Dann würde uns der Niqāb nicht stören, sondern wir würden daran denken, dass wir beim Telefonieren ja auch kein Gesicht sehen. Wir würden daran denken, dass jede Niqābi ja auch mit anderen Niqābi spricht und also immer auch selbst „betroffen” ist und nicht nur uns eine vermeintliche Bürde auferlegt. 

Wolf behauptet weiterhin, wer sich verschleiere, verweigere die Integration und wende sich von der Gesellschaft ab. Bedenkt man, dass die Frauen den Niqāb vor allem tragen, um trotz des islamischen Verbotes, Körper und Gesicht in der Öffentlichkeit bzw. vor fremden Männern zu zeigen, an der Gesellschaft teilzuhaben, so grenzt Wolfs Behauptung an Irrsinn. Wollten die Frauen sich abwenden, würden sie das Haus nicht mehr verlassen. Der Niqāb erlaubt ihnen ja gerade, sich auch unter fremden Männern zu bewegen.

Und wer sich an diesem Verbot stört, der möge bitte bedenken, dass es im islamischen Recht dem Verbot gleicht, Alkohol oder Schweinefleisch zu essen.

Zudem ist es ja nicht so, dass sich die Niqābi vor der ganzen Gesellschaft verschleiern - sie tragen den Niqāb nur vor fremden Männern. Vor Frauen, egal ob muslimischen Frauen oder nicht, legen sie den Niqāb ab. Und sie tragen ihn nicht nur vor nichtmuslimischen Männern, sondern auch vor muslimischen Männern. Der Niqāb trennt also nicht „Sie” und „Uns”, sondern Männer und Frauen. Und falls uns das stört: Keine muslimische Frau, die Niqāb trägt, würde einem Mann verbieten, ebenfalls sein Gesicht zu bedecken. Dass Männer es nicht tun, können wir den Niqābi nicht vorwerfen. Und darüber hinaus kleiden sich ja nicht nur im Islam Frauen anders als Männer. Der ganze Kult um den weiblichen Körper, der sexy präsentiert wird und ständige Verfügbarkeit signalisiert, ist eben eine reine Frauensache (zu der vermutlich so manche Frau zumindest gedrängt wird). Männer stelzen nicht auf High Heels umher, tragen im Winter keine dünnen Strumpfhosen unter kurzen Röcken, enthaaren sich ihre Beine nicht, verwandeln ihr Gesicht nicht mit Make-up oder auch Botox in eine Maske - und auch der Silikonbusen hat keine männliche Entsprechung. Wenn wir damit leben können, wenn wir Frauen diese Freiheit zugestehen - warum stört es uns dann, wenn muslimische Frauen selbst bestimmen wollen, wer ihren Körper oder auch ihr Gesicht sieht?

Es bleibt die Feststellung zu tätigen, dass der Hidschāb, der Gesicht und Hände nicht bedeckende Schleier, in der islamischen Rechtsprechung und Sittenlehre die gleiche Aufgabe hat wie der Niqāb. Der Unterschied zwischen Niqāb und Hidschāb ist gradueller und nicht prinzipieller Natur. Auch er trennt zwischen Frauen und Männern. 

Frauen, die sich mit dem Niqāb verschleiern, verweigern damit nicht die Integration. Das gleiche islamische Recht, das Muslimen den Genuss von Alkohol oder Schweinefleisch verbietet, verbietet muslimischen Frauen, ihren Körper und unter Umständen ihr Gesicht und ihre Hände vor fremden Männern zu zeigen. Auch mit diesem Verbot ist eine Integration möglich, wenn wir den verschleierten Damen die Möglichkeit dazu öffnen. Im Moment liegt der Ball bei uns - öffnen wir unsere Gesellschaft den Niqābi? Akzeptieren wir das Verbot, Körper, Gesicht und Hände fremden Männern zu zeigen, wie wir auch das Verbot von Alkohol und Schweinefleisch akzeptieren?

Die Niqābi werden sich vor allem mit den Frauen unserer Gesellschaft wohl fühlen. Vor ihnen werden sie ihren Niqāb ablegen. Mit ihnen werden sie laut sprechen (warum eigentlich stört sich niemand am „Niqāb für die Stimme”, der fromme Muslimas veranlasst, in der Öffentlichkeit leise zu sprechen und nicht zu lachen?), mit ihnen werden sie lachen. Sie werden einander helfen, voneinander lernen und miteinander feiern. Und mit der anderen Hälfte unserer Gesellschaft werden sie sich ebenfalls integrieren, nur zurückhaltender.

Zuletzt bleibt mir noch festzustellen: Keine muslimische Frau würde es einer nichtmuslimischen Frau verbieten, ebenfalls Hidschāb oder Niqāb zu tragen. Es handelt sich also von Seiten der muslimischen Frauen nicht um eine Barriere zwischen Muslimen und Nichtmuslimen. Wenn wir Hidschāb und Niqāb als Barriere empfinden, so liegt das nicht an den muslimischen Frauen. Auf jeden Fall zwingen sie nichtmuslimische Frauen nicht, sich ebenfalls zu verhüllen. So sollten wir sie nicht zwingen, die Bedeckung abzulegen.

Wie dem auch sei - als Baden-Württemberger bitte ich alle Niqābi um Entschuldigung für die Äußerungen von Guido Wolf. Ich werde Euch weiterhin mit Achtung und Respekt begegnen. Ich werde Euch aufmunternd anlächeln, wenn Ihr mir begegnet, ich werde Euch Gottes Segen und seinen Frieden wünschen. Danke, dass es Euch gibt. Schön, dass Ihr da seid. Ihr seid eine Bereicherung. Ihr gehört zu Baden-Württemberg. Ihr seid als gläubige Muslima meine Cousinen, die mich immer an die Frauen der Bibel erinnern, auch an Maria, die Mutter Jesu, meines Herrn.