Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat in einem Urteil - wie weithin erwartet - die Pflicht muslimischer Eltern bekräftigt, ihre Töchter am schulischen gemischten Schwimmunterricht teilnehmen zu lassen.

Hintergrund war eine Klage muslimischer Eltern in der Schweiz, die sich seit 2008 weigern, ihre beiden Töchter im Alter von seinerzeit neun und sieben Jahren in den gemischten obligatorischen Schulschwimmunterricht zu schicken und dafür 2010 vom Basler Erziehungsdepartement mit einer Strafe von 1400 Franken belegt worden sind. Diese Klage wurde abgelehnt, und die Eltern müssen ihre Töchter am Schwimmunterricht teilnehmen lassen.

Hintergrund der Weigerung der Eltern, ihre Töchter am gemischten Schwimmunterricht teilnehmen zu lassen, war auch, dass sie dort Jungen sehen würden, die nur Badehosen tragen würden.

Der EGMR begründet sein Urteil mit dem den Mädchen wohl unterstellten Interesse, am Schulunterricht vollständig teilzunehmen, im Verband mit den Klassenkameraden das Schwimmen praktizieren zu dürfen und sich auf diese Weise sozial integrieren zu können. Dabei verwies der EGMR darauf, dass den Mädchen gestattet wurde, einen Burqini zu tragen und getrennte Umkleide- und Duschräume in Anspruch zu nehmen.

Nicht bekannt ist mir, ob die Mädchen gehört wurden und erklärt haben, dass sie wirklich das ihnen vom Gericht unterstellte Interesse an der Teilnahme am Schwimmunterricht haben.

Wichtig ist bei diesem Urteil: Es geht hier weniger um die eigentliche Teilnahme der Mädchen am schulischen gemischten Schwimmunterricht, sondern um das Erziehungsrecht der Eltern im Hinblick auf die Teilnahme ihrer Töchter an diesem.

Das Gericht hat den (mutmaßlichen) Interessen der Kinder Vorrang gegenüber den (ausdrücklichen) Interessen der Eltern eingeräumt. Man vergleiche dies mit der Debatte um die Zirkumzision von minderjährigen Jungen. Bezogen auf die Beschneidung von Jungen würde dieses Urteil das Interesse der Jungen an einer intakten Vorhaut stärker in den Vordergrund stellen. Freilich ein vermutetes Interesse - andere mögen hingegen vermuten, Kinder muslimischer oder jüdischer Eltern hätten ein Interesse, durch die Zirkumzision in die Religionsgemeinschaft der Eltern aufgenommen zu werden und nähmen dafür die Verletzung ihres Gliedes in Kauf. Es ist halt nicht wirklich möglich, die Interessen der Kinder richtig einzuschätzen und zu bewerten.

Ich bin, was dieses Urteil betrifft, besorgt, weil ich befürchte, dass die Mädchen bezüglich ihrer Interessen nicht ausreichend gehört wurden. Und dass man den Mädchen Interessen aufzwingt, die der Mehrheitsgesellschaft passend erscheinen.

Damit hat der EGMR freilich Eltern in Ländern mit mehrheitlich sehr konservativen Überzeugungen etwa zur Verschleierung von Mädchen keinen Gefallen getan. Sie müssen dem EGMR zufolge ihr Erziehungsrecht den Interessen der Mehrheitsgesellschaft unterordnen und ihren Töchtern den Schleier aufzwingen. Wieder einmal - wie schon beim Urteil zum französischen Burkaverbot 2014, womit Schleierzwänge in gewissen Ländern wie dem Iran oder Saudi-Arabien de facto legitimiert werden - blickt der EGMR nicht über den Tellerrand.

Ansonsten bin ich eher geteilter Meinung. Einerseits bin ich der Meinung, dass niemand ein Recht darauf hat, von dem ihm unangenehmen oder verstörenden Anblick einer Person verschont zu bleiben - egal ob es nun ein Mädchen ist, das einen Jungen in einer Badehose sieht oder auch eine Person, die eine verschleierte Frau sieht.

Andererseits denke ich, dass das gemischte Schwimmen schon sehr weit darin geht, wie viel nackte Haut gezeigt wird, wie viel nackte Haut zu sehen ist. Nicht nur muslimische Jungen und Mädchen haben ein Problem damit - sowohl was das Sehen als auch was das Zeigen betrifft.

Von daher würde ich hier eher Kompromisse vorschlagen - etwa als Ersatz die Verpflichtung, an einem Vereinsschwimmen teilzunehmen, bei dem nur Mädchen und Frauen anwesend sind. Auch dies dient der sozialen Integration. Die kurzzeitige Herauslösung aus dem Verband mit den Klassenkameraden sehe ich hingegen als für den Kompromiss hinnehmbar. Die findet etwa auch da statt, wo konfessioneller Religionsunterricht angeboten wird.

(Wobei ich mich ohnehin frage, was der Schwimmunterricht im schulischen Unterricht zu suchen hat. Für mich gehört das Schwimmen eher zum Vereinssport. Aber das nur nebenbei.)