Prof. Dr. Winfried Bausback (CSU), bayrischer Justizminister, hat in einem Gastbeitrag in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung” vom 29.11.2016 vor dem Hintergrund der Kopftuch- und insbesondere der Burkadebatte gefordert, man müsse die „Religionsfreiheit neu denken” (externer Link) und die Religionsfreiheit des Individuums gegenüber den Interessen einer angeblichen Allgemeinheit beschneiden.

Nicht länger ein „subjektives Religionsverständnis” solle maßgeblich sein, sondern die Bedürfnisse einer Gemeinschaft, etwa im Bereich einer von Bausback geradezu fundamentalistisch verstandenen „offenen Kommunikation”.

Ich möchte diesen Artikel komplett kommentieren - nicht nur, weil es hier um die Debatte um ein Verbot des Niqāb geht, sondern weil es um die Religionsfreiheit geht, die für mich als Baptist von überaus großer Bedeutung ist. In den Baptist Principles, den Grundsätzen des Baptismus, bekennen wir uns im sechsten Grundsatz ausdrücklich zur „Glaubens- und Gewissensfreiheit”.

Für uns Baptisten ist Religionsfreiheit immer auch die Freiheit der Andersglaubenden. So hat Julius Köbner, einer der Väter des deutschen Baptismus, schon 1848 in seinem Manifest des freien Urchristenthums an das deutsche Volk erklärt: „Wir behaupten nicht nur unsre religiöse Freiheit, sondern wir fordern sie für jeden Menschen, der den Boden des Vaterlandes bewohnt, wir fordern sie in völlig gleichem Maße für Alle, seien sie Christen, Juden, Muhamedaner oder was sonst”.

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Im Folgenden stehen gekürzten Ausführungen von Bausback in kursivem Satz, meine Kommentare in fettgedrucktem Satz.

„Deutschland ist ein Land...”

Dass die Religionsfreiheit zunehmend in das Blickfeld der öffentlichen Aufmerksamkeit rutscht, liegt freilich nicht allein und nicht einmal in erster Linie an einem „politischen Islam”. Zumal nicht jede Frau, die Kopftuch oder Gesichtsschleier trägt, eine Vertreterin dieses Islam wäre. Kopftuch bzw. Tichel tragen auch jüdische Frauen. Und viele Muslimas, die sich verschleiern, tun dies nicht aus wie auch immer gearteten politischen Gründen.

Wenn Muslime fordern, dass ihre religiösen Überzeugungen in allen Bereichen von Staat, Recht und Gesellschaft finden dürfen, dann steht das im Einklang mit unserem Verständnis von Religionsfreiheit. Die Religionsfreiheit beschränkt sich nun einmal nicht auf den privaten Bereich, sondern darf sich ausdrücklich auch im öffentlichen Bereich ausdrücken.

Es sei noch angemerkt, dass Bausbacks Satz ziemlich deplatziert wirkt, wenn man bedenkt, dass die CSU Bausbacks für ein politisches Christentum steht, das sich in Bayern für alle Bereiche von Staat, Recht und Gesellschaft zuständig fühlt und dabei eher fundamentalistisch als progressiv ist, eher christlich-konservativ (teilweise sogar rechtskonservativ) als weltoffen.

Er befindet sich weltweit...

Auch hier ist es witzig, wenn ausgerechnet jemand aus der christlich-konservativen Parallelgesellschaft der CSU - und gerade im Hinblick auf Stellung und Gleichberechtigung der Frauen oder auch Religionsfreiheit - anderen „Rückwärtsgewandtheit” vorwirft.

Was nun Kopftuch oder Schleier betrifft, so finden sie sich nicht einmal vorrangig in „wachsenden Parallelgesellschaften”. Postfaktisch ist es - gerade angesichts von Forderungen nach einem verfassungsfeindlichen Burkaverbot und einem ausgeleiertem Paternalismus älterer weißer Männer -, die Trägerinnen mit ”grundgesetzkonträren Werten und patriarchalisch-archaischen Traditionen” in Verbindung zu bringen.

Es tut sich zunehmend...

Es ist längst nicht alles „Grundwert unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung”, was Christlich-Konservative als „deutsche Leitkultur” verstehen.

Und Grundrechte sind nun einmal dazu gedacht, dass man energisch auf ihnen besteht. Es sind ja keine Sonderrechte, und sie werden auch nicht wie Medaillen für bürgerliche Angepasstheit verliehen. Es sind Grundrechte, und wenn sie nicht gewährt werden, müssen sie eben energisch eingefordert werden.

In einer freiheitlichen Demokratie achtet dabei die Mehrheitsgesellschaft darauf, dass die Minderheiten nicht daran gehindert werden, ihre Grundrechte in Anspruch zu nehmen. Sie verlangt nicht nach „Rücksichtnahme”, sondern nimmt ihrerseits Rücksicht auf die Belange der Minderheiten und hilft ihnen dabei, ihre Grundrechte einzufordern.

Niemand hat dabei ein Anrecht darauf, dass er von Anblicken verschont bleibt, die ihm fremdartig erscheinen, sei es das Kopftuch einer Lehrerin oder ihr Verzicht auf Alkohol und Schweinefleisch (beides bewegt sich nämlich auf einer Ebene) oder das Kopftuch einer Richterin. Wer im Kopftuch der Richterin eine „religiös motivierte, von der Scharia beeinflusste Rechtsprechung” wahrnimmt, kann erstens einen Befangenheitsantrag stellen und sollte sich zweitens fragen, wie er zu dieser schiefen Wahrnehmung kommt. Er braucht professionelle Hilfe, nicht Bestätigung durch Politiker, die ihm seinen Hirnriss durchgehen lassen.

Ich bin gespannt, ob...

Und diese hohen Hürden für staatliche Beschränkungen gibt es aus gutem Grund. Wir haben eine lange, blutige Geschichte der Verfolgung von religiösen Minderheiten, die in der Judenverfolgung durch das NS-Regime gipfelt.

Aber auch vorher schon wurden Juden, Anders- und Ungläubige verfolgt, vermeintlichen Wiedertäufern ihre Kinder weggenommen und zur Taufe gezwungen, Freikirchen Beschränkungen unterworfen. Heute erleben wir eine massive rassistische Kampagne gegen Menschen muslimischen Glaubens, die sich gerade an Frauen, die Kopftuch oder Schleier tragen, austobt.

Das Grundgesetz errichtet glücklicherweise hohe Hürden für staatliche Einschränkungen der Religionsfreiheit - und als Baptist bin ich sehr dankbar dafür. Und kein Politiker sollte dafür eintreten, dass diese Hürden niedriger werden, das Verständnis der Religionsfreiheit enger werde.

Abgesehen davon: Der Anteil der gläubigen Muslime liegt derzeit bei unter 5 %, und er wird in den nächsten Jahrzehnten kaum auf über 10 % steigen. Es ist nicht so, dass Deutschland eine „Islamisierung” droht; die größte Zunahme verzeichnen Atheisten und Konfessionslose (unter ihnen auch viele Menschen muslimischen Hintergrundes). Von den gläubigen Muslimen gehört nur eine kleine Minderheit einem „politischen Islam” an - es gibt weit mehr Christen, die einem „politischen Christentum” zuneigen, sei es Union, AfD oder andere aus dem christlich-konservativen, rechtskonservativen oder völkischen Lager. Die CSU Bausbacks ist selbst zu einem „politischen Christentum” zu rechnen.

Aber natürlich gibt es auch ein linkes „politisches Christentum” (der Verfasser dieser Zeilen gehört in diese Strömung) - und ebenso einen linken „politischen Islam”. „Politisch” ist in diesem Zusammenhang ein Begriff, der wenig aussagt. Religion tendiert dazu, politische Äußerungen zu machen, sich politisch zu engagieren. Und das ist auch gut so. Stichwort Einsatz für Menschenrechte, Minderheiten, Arme. Was wäre die Welt ohne Vertreter eines politischen Christentums wie Dietrich Bonhoeffer oder Martin Luther King?

Die Religionsfreiheit umfasst nach...

Es ist ein merkwürdiges Verständnis von Religion, wenn nur Gebete oder Gottesdienste „typisch” sein sollen. Gerade ein Christ sollte eine Religion, die nur das als typisch betrachtet, skeptisch betrachten. Wo hätte sich Jesus je auf „Gebete oder Gottesdienste” beschränkt? Zum Ärger der damaligen Vertreter der CSU - Priester, Leviten, Schriftgelehrte und vor allem Pharisäer - war Jesus alles andere als der „typische Jude”.

Selbstverständlich gehören neben Gottesdiensten und Gebeten auch andere Verhaltensweisen zur Religionsausübung, auch die Kleidung. Ein CSU-Mann möge hier an den Habit einer Nonne denken. Auch an die Kippa bzw. den Tichel der Juden sei hier erinnert. Oder die Beschneidung jüdischer und muslimischer Jungen.

Natürlich irrt Bausback, wenn er meint, der Hidschāb oder Niqāb muslimischer Frauen werde erst durch das „subjektive Verständnis der einzelnen Betroffenen zur Religionsausübung”. Der sunnitische Islam ist in dieser Hinsicht sehr deutlich: Nach der Sunna, die für Muslime eine maßgebliche Rolle für ihren Glauben spielt, und nach den vier traditionellen Rechtsschulen des sunnitischen Islam gehören Hidschāb oder Niqāb zur islamischen Religion, der Hidschāb als Pflicht, der Niqāb als empfehlenswert oder wünschenswert, unter bestimmten Umständen ebenfalls als Pflicht.

Dabei hat der Islam die Verschleierung der Frauen wohl von Juden und Christen übernommen und nicht von arabischen Polytheisten, bei denen die Verschleierung der Frauen allenfalls den Angehörigen der Oberschicht vorbehalten war. Es waren nicht die Muslime, die die Verschleierung erfunden, sondern die Christen, die sie weithin aufgegeben haben (die letzten Christinnen in Europa, die ihr Gesicht noch verschleiert haben, lebten in den 1930er Jahren im Süden Spaniens, bis Franco es verboten hat).

Werfen wir nur einmal...

Vollverschleierung” gibt es weder im Islam noch in der deutschen Sprache. Es gibt im Islam den Hidschāb und den Niqāb, und beide stammen nicht aus dem Arabien vorislamischer (polytheistischer) Zeit, sondern aus der Religionsausübung von Juden und Christen.

Bausback begeht den verbreiteten Fehler, sich für die islamische Religion nur auf den Koran zu beziehen - doch zum Islam gehört ebenso die Sunna. Ist der Koran die schriftliche Offenbarung Allahs, so ist die Sunna die nichtschriftliche Offenbarung Allahs im Leben Muhammads, wie es an seinen Handlungsweisen, Sprüchen usw. greifbar wird. Aus Koran und Sunna ziehen die schiitische und die vier sunnitischen Rechtsschulen die Begründungen ihrer Auslegung des Islam. Und hierzu gehört eben auch die Verschleierung der muslimischen Frau. Danach ist es für die muslimische Frau Pflicht, in der Gegenwart fremder Männer Körper, Kopf und Haare zu verhüllen und ist es wenigstens empfehlenswert oder wünschenswert, unter Umständen auch Pflicht, das Gesicht bzw. die Hände zu bedecken.

Das hat nun nichts mit „subjektivem Verständnis” zu tun - es ist fest im Islam verankert, seit 1400 Jahren. Und es ist zurückzuführen auf die Verschleierung jüdischer und christlicher Frauen, die Muhammad anstelle vorislamischer Sitten übernommen hat. Darum ist es eine legitime religiöse Überzeugung, die zum Kernbestand der islamischen Religion gehört.

Im Zweifel für die...

Die Verschleierung muslimischer Frauen nahm freilich nicht nur da zu, wo Taliban oder Daesh an die Macht gelangten - sie ist überall unter Muslimen zu beobachten. Und selbst da, wo Daesh die Orte verlässt und die Frauen ihre Schleier verbrennen, ist das in erster Linie ein Symbol gegen den Zwang zur Verschleierung, nicht gegen den Schleier an sich. Es gab zur Genüge Bilder und Videos, die verschleierte Frauen gezeigt haben, die Schleier verbrannt haben (wobei die vermeintlichen Schleier oftmals Daesh-Fahnen waren).

Dass Frauen in manchen Ländern wie Afghanistan vor 50 Jahren keine Schleier trugen, lag daran, dass es politisch geächtet oder auch verboten war. manchmal war es der Versuch einer Annäherung an den Westen, manchmal an den Ostblock.

Und viele dieser Frauen, die heute Hidschāb oder sogar Niqāb tragen, wollen studieren oder tun es sogar. Bildungsfeindlichkeit ist ein Thema für sich, das man nicht mit der Schleierdebatte vermischen darf.

Muss es da nicht...

Offene Kommunikation” meint ursprünglich eine wertschätzende Kommunikation, die das Gegenüber ernst nimmt. Es werden keine Informationen zurückgehalten, man hat vor dem Gegenüber keine Geheimnisse. Bausback praktiziert hier eine fundamentalistische Auslegung, die aus der Metapher ein wörtlich zu verstehendes Gebot macht. Damit wird die Metapher aber zerrissen.

Auch eine Frau, die Niqāb trägt, vermag offen zu kommunizieren - wie auch jeder Mensch, der per Telefon, Brief, E-Mail, Web-Konferenz oder bei einem Telefon-Interview im Radio oder Fernsehen kommuniziert, wie auch jeder Mensch, der blind ist oder Prosopagnostiker („gesichtsblind”).

Wir können auch da kommunizieren und tun es völlig selbstverständlich, wo wir unserem Gegenüber nicht ins Gesicht sehen können. Das hat uns bisher niemals gestört, erst jetzt entdecken christlich- oder Rechtskonservative, Rechtspopulisten und Rechtsradikale plötzlich, das man - noch so eine umgedeutete Metapher - „Gesicht zeigen” müsse.

Dabei wird die ganze „offene Gesicht”-Debatte postfaktisch geführt. Die Sprache mache nur 7 % der Kommunikation aus, nur mit einem Blick ins Gesicht könne man erkennen, ob eine Person die Wahrheit sagt - beides Mythen, die längst durch Fakten widerlegt sind. Wir können die Glaubwürdigkeit einer Aussage nur zu etwa 50 % richtig beurteilen, könnten also ebenso gut eine Münze werfen. Erst wenn die Person, die eine Aussage macht, einen Gesichtsschleier trägt, bei dem nur die Augen zu sehen sind, steigt unsere Chance, die Glaubwürdigkeit der Aussage korrekt einzuordnen auf eine bessere Chance als beim Münzwurf. Und die Bedeutung der nonverbalen Kommunikation hängt vor allem davon ab, wie verständlich und überzeugend die verbale Kommunikation ist. Wir werten die nonverbale Kommunikation als um so überzeugender, je weniger wir den Redeinhalt überzeugend finden.

Eine Frau, die in der Öffentlichkeit ihr Gesicht verhüllt, verbirgt es ebenso wie eine andere Frau, die in der Öffentlichkeit ihre Brüste oder ihre Beine verhüllt. Sie hat das Recht, selbst zu bestimmen, wem sie was von ihrer Schönheit zeigt.

Eine Ausgrenzung findet durch die Verschleierung nicht statt. Ohne den Schleier würde sie den öffentlichen Raum nicht betreten - der Schleier ist eine Art Leitplanke für das Miteinander mit ihr fremden Männern in der Öffentlichkeit, die es ohne Schleier gar nicht gäbe, wenn man die Frau nicht gegen ihren Willen unverschleiert aus dem Haus zerrt und auf dem Marktplatz ankettet, damit sie endlich ihre Freiheit erleben darf.

Und eine Entindividualisierung findet auch nicht statt. Selbstverständlich bleibt die Frau, die Schleier trägt, ein Individuum. Es ist ihr individuelles Recht, dass sie selbst entscheidet, wem sie mehr von sich zeigt, wem sie was von sich zeigt.

Was ist das für...”

Seit wann werden die Grundrechte einer Frau je und je nach dem Wohlverhalten ihres Mannes verliehen? Darf eine Frau in Zukunft nur noch zum Gottesdienst, wenn ihr Mann sie begleitet und nicht etwa zum Frühschoppen geht? Darf eine Frau nur einkaufen, wenn ihr Mann sie dabei begleitet und die Tüten schleppt? Darf eine Frau nur schwanger sein, wenn der Mann verspricht, für den Unterhalt zu sorgen?

Eine Frau genießt ihre Grundrechte unabhängig vom Verhalten ihres Mannes oder gar x-beliebiger Männer, die möglicherweise irgendwo in Saudi-Arabien herumlaufen. Es sind Menschenrechte, die jedem Menschen gewährt werden - und nicht in Abhängigkeit vom Verhalten anderer Menschen.

Frauen sind nun einmal manchmal religiöser als ihre Männer. Manche Frauen tragen ihren Schleier gegen den Willen des Ehemannes oder auch der Eltern.

Sehr wahrscheinlich werden einige Frauen in Deutschland zur Verschleierung gezwungen. Oder zum Kopftuch. Oder zum Besuch eines Gottesdienstes. Oder zur Ehe. Oder zum Geschlechtsverkehr. Oder zum Verkauf ihres Körpers (und in dem Zusammenhang zum Tragen bestimmter Kleidung wie High Heels, Minirock usw.). Oder zu irgend etwas sonst. Andere werden gezwungen, auf Kopftuch oder Schleier zu verzichten. Es ist nun einmal so, dass Frauen in vielfacher Hinsicht von Männern zu irgend etwas gezwungen werden. Wir können das nur abstellen, wenn wir die Männer abschaffen, damit sie Frauen nicht mehr ihren Willen aufzwingen können.

Niemals jedoch können wir Frauen deswegen vorschreiben, wie sie sich zu kleiden oder zu verhalten haben. Das Problem sind die Männer, nicht die Frauen. Wer Frauen hier etwas vorschreiben will, um sich selbst oder andere Frauen vor dem Fehlverhalten von Männern zu schützen, gibt ihnen damit eine Mitschuld am Fehlverhalten der Männer.

Es ist die gleiche Logik, nach der man sagt: Eine Frau muss sich mit geeigneter Kleidung gegen sexualisierte Gewalt schützen, anderenfalls trägt sie eine Mitschuld - Victim bashing, Opferschelte.

Die meisten Frauen, die sich hierzulande verschleiern, tun dies freiwillig. Mit ist nicht eine Frau bekannt, die dazu gezwungen würde. Bisher hat meines Wissens nicht eine Frau Anzeige wegen Nötigung (§ 240 StGB) gestellt, weil sie zur Verschleierung gezwungen würde. Ehe man von Zwang und Unterdrückung redet, sollte man Fakten vorweisen können, also Zahlen. Mit postfaktischer Argumentation hilft man am wenigsten jenen Frauen, die tatsächlich zur Verschleierung gezwungen werden.

Mir ist übrigens auch keine Frau bekannt, die gesagt hätte: „Der Anblick verschleierter Frauen nötigt mich, das ebenfalls zu tun.” Oder: „Mein Mann nötigt mich dazu, weil es hierzulande ja erlaubt ist.”

Was ich häufiger höre: „Mein Mann, mein Vater will nicht, dass ich es tue. Er verbietet es mir.” Mit der Logik Bausbacks: Ein Burkaverbot ermutigt die Männer, ihre Töchter oder Frauen auf diese Weise zu zwingen, sich nicht zu verschleiern. Bausbacks Logik bedeutet also, dass ein Burkaverbot den Druck auf Frauen erhöht, die sich gerne verschleiern würden, es aber auf Verlangen ihres Mannes, ihres Vaters nicht tun. Bausback müsste also folgerichtig gegen ein Burkaverbot sein, um diesen Druck zu mindern. 

Viele haben Zweifel, ob...

Was folgt dann aus dem Vormarsch der weißen US-Evangelikalen, die zu 80 % Trump gewählt haben (die weißen männlichen Evangelikalen übrigens sogar zu 90 %)? Sollten wir die Grundrechte der Evangelikalen darum einschränken?

Die Religionsfreiheit wird nicht als Medaille verliehen, wenn sich vermeintliche oder tatsächliche Glaubensgeschwister vorbildlich verhalten. Sie hängen allein an der Würde des Menschen, nicht an irgend jemandes Wohlverhalten.

Bausback hat ganz offenbar den Sinn von Grundrechten und ihre Ableitung aus der unverletzlichen Würde des Menschen nicht verstanden, wenn er ihre Einschränkung verlangt, weil eine Gruppe Menschenrechte mit Füßen tritt.

Widerstreitende Grundrechtspositionen sind stets...

Das Tragen von Kopftuch oder Schleier schränkt niemandes Grundrechte in irgend einer Weise ein.

Auch sonst sehe ich nicht, dass irgend eines der Grundrechte, die Muslime in Anspruch nehmen, die Grundrechte Dritter einschränken würde. 

Die Realität ist: Wir haben in unserem Land eine wunderbare Verfassung, auf die wir stolz sein können. Sie ist unsere Leitkultur.

Deshalb sollte man künftig...

Kopftuch und Schleier sind Teil der Religionsausübung, weil sie in der Sunna und in den vier traditionellen Rechtsschulen des sunnitischen Islam verankert sind. Das lesen nicht nur „fundamentalistische Islamgelehrte” heraus.

Die Beschränkung auf den Koran als Quelle von Vorschriften ist nicht nur unhaltbar, sondern hätte auch Auswirkungen auf andere Religionen. Für die Christen fielen etwa Kindertaufe, Kirchtürme, Kirchenglocken, Kirchengebäude, Kruzifixe, Kreuze an der Kleidung oder als Schmuck, Erntedankfest, Weihnachtsfest, Kirchensteuer, Religionsunterricht und vieles mehr aus dem Schutzbereich der Religionsfreiheit. Vieles von dem, was wir Christen zur Religionsausübung zählen, findet sich nicht als unmissverständliche Vorschrift in der Bibel. Auch eine CSU wäre völlig undenkbar.

Die Religionsausübung darf Dritte betreffen - und niemand hat einen Anspruch darauf, von dem Anblick intensiver Religionsausübung verschont zu bleiben, egal wie fremd sie ihm erscheint.

Grundrechte des Einzelnen sind...

Die Gemeinschaft ist in einer freiheitlichen Demokratie verpflichtet, die Belange der Minderheiten ebenso zu schützen wie ihre eigenen. Gerade eine christlich-soziale Strömung des Christentums sollte das berücksichtigen.

Das Tragen von Kopftuch oder Schleier verletzt niemanden in seiner Religionsfreiheit, seinem Erziehungsrecht oder in seiner allgemeinen Handlungsfreiheit.Einen Anblick, der mir noch so fremd erscheint, muss ich aushalten können. Und hätte ich Kinder, würde ich es begrüßen, wenn ihre Lehrerin ein Kopftuch tragen. Und eine Richterin mit Kopftuch bereitet mir auch kein Kopfzerbrechen.

Was freilich ein Verständnis von der Gleichberechtigung betrifft, so ist dieses, sondern nur die Gleichberechtigung selbst ein unmittelbares Grundrecht mit Verfassungsrang. Mein Verständnis muss es hinnehmen, dass ich manches sehe, was wir als dem entgegen stehend erscheint. Ich erlebe etwa, dass die CSU und die AfD mit ihren patriarchal geprägten Strukturen und ihrer Konzentration auf ältere weiße Männer mein Verständnis von Gleichberechtigung auf allen Ebenen verletzen.

Rücksichtnahme bedeutet, dass die Gesellschaft die Rechte ihrer Minderheiten verteidigt und nicht aus einer Machtposition heraus alles verdrängt, was sie nicht zu sehen wünscht.

Der vom Bundesverfassungsgericht postulierte...

Es findet keine regelmäßige Abwägung zu Lasten der Allgemeinheit statt. Das ist reine Angstmache, die Bausback hier formuliert.

Was nun die „offene Kommunikation” betrifft - will Bausback Telefonate, Briefe, Radiosendungen, Telefon-Interviews, E-Mails, Web-Konferenzen verbieten? Und will er etwa verbieten, dass wir uns bei kalter Witterung den Schal ins Gesicht und die Mütze über die Augenbrauen ziehen? Dürfen Ostasiaten nicht mehr, wie sie es häufig tun, Schutzmasken vor dem Gesicht tragen? Was ist mit Karnevalsmasken, Weihnachtsmannkostümen usw.?

Kopftuch und Schleier haben freilich mit einem „subjektiven Religionsverständnis” nichts zu tun. Weder ist für Christen die Bibel noch für Muslime der Koran die einzige Quelle, aus der sie entnehmen können, wie sie ihre Religion ausüben. Dabei blieben ja auch Religionen auf der Strecke, die gar keine schriftliche Offenbarung kennen.

Ein freiheitlich-demokratischer Rechtsstaat...

Unsere Werte leiten sich aus der unverletzlichen Würde des Menschen ab - nicht aus ihrer vermeintlichen oder tatsächlichen Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion oder einer bestimmten Strömung derselben. Wenn wir diese Werte schützen wollen, dann dürfen wir unsere Freiheiten nicht einschränken oder aufgeben.

Ansonsten müssten wir, wegen der Unterstützung weißer Evangelikaler für Trump (oder auch in Deutschland für die AfD), darüber nachdenken, wie wir unsere „Werte” gegen ein evangelikales bzw. freikirchliches Christentum schützen, die immer wieder vehement auf ihre Rechte pochen und unsere Werte oftmals nicht teilen (aber das tut die Union sehr häufig auch nicht).

Das sage ich jetzt bewusst als Christ, der sich zwar spätestens seit der massiven Unterstützung der Evangelikalen für Trump und die AfD nicht mehr als evangelikalen bezeichnet, aber natürlich aus dieser Ecke stammt und viele evangelikale Überzeugungen teilt - nur eben nicht die politischen Überzeugungen der christlich- oder rechtskonservativen oder auch rechtspopulistischen Evangelikalen in Union und AfD.

Es bleibt zum Schluss eine Frage: Bietet Bausback sinnvolle Lösungen für ein wirkliches Problem an? Das kann ich jedenfalls nicht erkennen. Das von ihm geschilderte Problem gibt es nicht, und selbst wenn es das gäbe - sein Vorschlag stellt keine sinnvolle Lösung dar. Es ist postfaktische Symbolpolitik, die Ängste vor einer angeblichen Islamisierung aufgreift und damit das Geschäft der Rechtspopulisten betreibt.